Die ARD-Familienkomödie "Doitscha – Alles geht vorüber" entstand nach dem autobiografischen Roman "Doitscha" von Adriana Altaras, Mutter der "Die Zweifler"-Stars Aaron und Leo Altaras. Mit klugen Figuren und spritzigen Dialogen erzählt der Film mit Mark Waschke vom deutsch-jüdischen Lebensgefühl 2026.
Wenn Adriana (stark: Oriana Schrage) in einer Talkshow über Juden in Deutschland spricht, dämmert vorm Fernseher niemand weg. Die jüdische Theatermacherin aus Köln verbreitet eine Energie, dass prompt die nächste Anfrage folgt: Sie soll zum Holocaust-Gedenktag in der Frankfurter Paulskirche die Rede halten. Eine Ehre, gewiss, aber auch eine Aufgabe, an der man gut und gern verzweifeln kann. Dabei hat Adriana eigentlich genug in der eigenen Familie zu tun. Georg (Mark Waschke), Adrianas Mann, ist nicht jüdisch, und das scheint zu Hause plötzlich eine größere Rolle zu spielen als jahrelang gedacht. Zwischen ihm und dem älteren Sohn David (Yahli Yogev) schaukeln sich Streitigkeiten hoch, die sich als Glaubensfragen verkleiden, in Wahrheit aber ein klassischer Pubertätskonflikt sind.
Wer je einen Fünfzehnjährigen am Esstisch erlebt hat, weiß: Das Thema ist selten das eigentliche Thema. Ganz anders beim jüngeren Sohn Sammy (Adam Lukas). Er wird in der Schule tatsächlich antisemitisch angefeindet und verschweigt es lange, aus Scham, aus Selbstschutz, vielleicht auch, um seine Mutter nicht zu belasten. Das Familiengefüge gerät mehr und mehr aus dem Gleichgewicht, und Adrianas liberale Werte werden immer wieder auf harte Proben gestellt.
"Doitscha – Alles geht vorüber" ist eine Geschichte, die auf dem 2015 erschienenen, in weiten Teilen autobiografischen Roman "Doitscha" von Adriana Altaras beruht. Deren echte Söhne, Aaron (hier in einer Gastrolle als Talkshow-Promi dabei) und Leo spielten in der vielfach ausgezeichneten ARD-Serie "Die Zweiflers". Ebenfalls mit dabei im enorm erfrischenden Figuren-Kabinett: Samuel Finzi als onkelartiger Aron Schuster, Inge Maux als alte Tante Jele und Bettina Böttinger als Journalistin. Der Pubertäts-Midlife-Crisis-Konflikt zwischen David und seinem Punk-T-Shirts tragenden Vater kulminiert in Davids Antwort auf Tante Jeles Frage, was eigentlich ein typischer Deutscher sei.
David bezeichnet seinen Vater immerhin als einen solchen. "Er denkt, er kann alles viel besser als alle anderen. Er versucht, immer zu erziehen. Nur sein Weg ist richtig. Ein Spießer, ein Deutscher." Allerdings nimmt der Film der deutsch-israelischen Drehbuchautoren Momme Peters und Ester Amrami (auch Regie) aus der Innenperspektive auch den gegenwärtigen Alltag von Juden in Deutschland aufs Korn und ist damit ein bisschen "Die Zweiflers" 2.0.
Das Erste zeigt die WDR-Produktion im Vorfeld des Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November. Was die Buchvorlage noch nicht leisten konnte: Der Film berichtet auch von der Situation deutscher Juden nach dem 7. Oktober 2023 und erzählt, wie sich der Alltag zwischen deutscher Normalität und wachsenden innergesellschaftlichen Konflikten in Bezug auf Israel anfühlt. (In der ARD-Mediathek ist die wunderbar leichte und dennoch kluge Familienkomödie ab 30. Oktober zu sehen.)
Doitscha – Alles geht vorüber – Mi. 04.11. – ARD: 20.15 Uhr