Deutschland 9/11
10.09.2021 • 22:15 - 23:45 Uhr
Info, Zeitgeschichte
Lesermeinung
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Originaltitel
Deutschland 9/11
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Info, Zeitgeschichte

So begann die Krise der westlichen Welt

Von Eric Leimann

Der bärenstarke Dokumentarfilm zeichnet die Ereignisse von 9/11 aus deutscher Sicht minutiös nach. Angehörige der Opfer, Augenzeugen in New York, Politiker und Sicherheitskräfte, die den folgenreichsten Krisentag der westlichen Welt hautnah erlebten, konstruieren eine dichte Erlebnis-Kollage.

"Ich habe es so empfunden, dass nach dem 11. September eine Krise auf die nächste folgte und man doch in einer Unsicherheit lebt. Ständig ist man 'on alert'. Was kommt als Nächstes?" Anna Schily, damals 20 Jahre alt und in New York lebend, schildert im Dokumentarfilm "Deutschland 9/11" eine sehr persönliche Wahrnehmung der Welt seit dem 11. September 2001. Ihr 88-jähriger Vater Otto Schily, 2001 verantwortlicher Innenminister im Kabinett Gerhard Schröder, sitzt neben ihr und widerspricht der Tochter sanft, aber bestimmt: "Ich glaube ja leider, dass die Deutschen sehr ängstlich geworden sind. Ich denke, die Welt geht weiter."

Otto Schily, mittlerweile 89 und ein immer noch sehr wacher, in geschliffen klaren Sätzen sprechender Ex-Spitzenpolitiker, ist jedoch der einzige Protagonist in Jan Peters und Daniel Remspergers toll montiertem Dokumentarfilm, der so optimistisch und unbeeindruckt von den Geschehnissen bleibt. "Deutschland 9/11", sicher einer der wichtigsten Doku-Tipps in diesem "Jubiläumsherbst" der Anschläge, leistet im Prinzip zwei große Dinge: zunächst ein Nacherleben dieses Tages aus deutscher Sicht, dann ein Weiten des Blicks auf die Folgen von 9/11 – bis hin zum Abzug der deutschen und aller anderen westlichen Truppen aus Afghanistan in diesem Jahr.

Ein Sportflugzeug? Nein, etwas Größeres.

In Hälfte eins orientiert sich der 90-Minüter am Nachzeichnen des Tagesablaufs des 9. Septembers 2001. Er tut dies mithilfe deutscher Nachrichten und Unterhaltungssendungen, sowie rund einem Dutzend Protagonisten, die mit 9/11 aus unterschiedlichsten Gründen zu tun hatten. Es entsteht ein beklemmendes Wiedererleben der Ereignisse von damals: der ruhige Beginn eines vermutlichen "Durchschnittstages" mit herumalbernden Morgenmagazin-Moderatoren und guten Wetteraussichten. Dann die Bilder des brennenden World Trade Centers in New York. War es ein Sportflugzeug? Nein, etwas Größeres. Dann die Unsicherheit: Unfall oder Terror? Nachrichten-Anchorman Ulrich Wickert und sein aus den USA stammender Redakteur erinnern sich an das berufliche Prozedere, ihre Ängste und Sorgen von damals. Schließlich mit dem Einschlag im zweiten Turm die Gewissheit: Hier passiert etwas Schreckliches, eine Zeitenwende. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg macht die Runde.

Die Filmemacher Jan Peter und Daniel Remsperger haben sehr berührbare und dennoch auf den Punkt analysierende Menschen gefunden, die 9/11 und die Folgen aus ihrer – deutschen – Sicht reflektieren. Darunter Lara Bothe und ihre Mutter. Sie verlieren an Laras drittem Geburtstag den Vater und Mann. Er sitzt in jenem Flugzeug, das – live übertragen in Nachrichtensendungen rund um die Welt – in den Südturm des World Trade Centers stürzt. Es erzählen ein Lufthansa-Pilot, der über dem Atlantik auf dem Weg nach New York von den Ereignissen erfährt, eine deutsche Bloggerin in New York, Politiker wie Joschka Fischer oder Otto Schily und Polizei- und Staatsschutzbeamte in Hamburg, die wenig später von der Entdeckung schockiert sind, dass die Hauptprotagonisten der Anschläge bis vor kurzem eine WG im Süden der Hansestadt bewohnten.

Was hat "War on terror" gebracht?

Ohne spürbaren Bruch blendet "Deutschland 9/11" schließlich zu einem größeren Bild der Ereignisse und ihrer Folgen auf: "War on terror", NATO-Bündnisfall in Afghanistan, Flüchtlingskrise, Fremdenangst, Aufstieg des Populismus. Ein deutscher Islam-Wissenschaftler bemerkt, dass in jenem Moment, da die USA von Krieg sprachen, klar war, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann – und dass der Terror für sehr lange Zeit bleiben würde. Eine Bundeswehr-Soldatin, früher als Sanitäterin in Afghanistan tätig, resümiert die Jahre dort: man sei voller Idealismus gekommen, wollte helfen, bauen, demokratisch verändern. Doch es folgten: Angriffe, sich verschanzen, schließlich der Abzug und ein Überlassen des Landes den Taliban.

Dass jener Truppenabzug genau 20 Jahre nach den 9/11-Anschlägen die aktuellen Nachrichten befüllt, ist wie eine Bestätigung der Thesen des so persönlich erzählten und doch analytischen Films: 9/11 war eine Zeitenwende für die westliche Welt. Seit den brennenden Türmen von New York leben wir im dauernden Zustand der Unsicherheit, des gebrochenen Friedens, der globalen Dauerkrisen, mittlerweile zusätzlich befeuert von Klimawandel und Pandemie, wie Anna Schily tapfer lächelnd, aber ziemlich angefasst aufzählt. Klar, dass ihr alter Vater dies anders sieht. Der Mann hat sich wohl immer schon als Fels in der Brandung gesehen. Solche Menschen muss es auch geben – denkt man.

Die Protagonisten und Bilder von "Deutschland 9/11" ergeben über 90 dicht erzählte Minuten nicht nur eine äußerst spannende, kluge Dokumentation, sondern erschaffen auch eine zutiefst menschliche, hoffnungsvolle Atmosphäre. Weil die Menschen vor der Kamera in ihren Erzählungen zutiefst berührt sind und es so schaffen, auch die Zusehenden zu berühren. Genau das schaffen nur die allerbesten Dokumentarfilme.

Deutschland 9/11 – Fr. 10.09. – ARD: 22.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Oliver Wnuk und Tobias Vogel mit einer Leinwand.
HALLO!

Maximaler Raum für eigene Gedanken: Ein Gespräch mit Oliver Wnuk

Oliver Wnuk, bekannt aus "Nord Nord Mord" und "Stromberg", veröffentlicht zusammen mit Cartoonist Tobias Vogel das Buch "Besser wird's nicht". Ein Werk voller persönlicher Einblicke und humorvoller Cartoons, das beim Lappan Verlag erscheint.
Andrea König ist Leiterin zweier Apotheken in Brandenburg an der Havel und Vorsitzende des Apothekerverbandes Brandenburg.
Gesundheit

Warum wirkt das Antibiotikum nicht?

Eine Kundin berichtet von ihrer erfolglosen Behandlung einer Blasenentzündung nach dem Urlaub in Sri Lanka. Der Apotheker gibt wichtige Hinweise, wie Resistenzen vermieden werden können und was bei der Medikamenteneinnahme zu beachten ist.
Eine Frau hält ein Hörgerät in der Hand.
Gesundheit

3. März: Welttag des Hörens

Am 3. März ruft die WHO zum Welttag des Hörens auf, um das Bewusstsein für die Bedeutung guten Hörens zu schärfen. Studien zeigen: Hörgeräte verbessern die Lebensqualität.
Ein Mann und eine Frau sitzen mit ernstem Blick im Auto.
HALLO!

Fritz Karl: „Ich hätte nicht gedacht, dass mir das Schreiben so leichtfällt“

Kriminalpsychologe Thomas Meiberger (Fritz Karl) bekommt es im ersten Film in der neuen Reihe „Der Salzburg-Krimi“ mit einer Mordserie zu tun, die mit dem Fund eines Gekreuzigten im Wolfgangsee beginnt. prisma sprach mit Fritz Karl, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist.
Eine Grafik: Ein Koffer aus Gras.
Reise

Nachhaltigkeit: Mehr Wunsch als Realität

Die Deutschen wollen gerne nachhaltig reisen – doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das zeigt ein neuer Bericht zum Nachfragemonitor „Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen“. Nachhaltigkeit fängt schon beim Thema Anreise an. Wie wäre es also mal mit einer Bahnfahrt in den Urlaub? Schöne Ausblicke unterwegs inklusive. prisma stellt eine Auswahl interessanter Strecken und Ziele vor.
Professor Amir A. Mahabadi in weißem Kittel.
Gesundheit

Undichte Herzklappen: Katheter statt OP am offenen Herzen

Dank minimalinvasiver Katheterverfahren sind Herzklappenoperationen heute schonender als je zuvor. Vor allem für ältere Patienten bedeutet das mehr Lebensqualität und weniger Risiken.