Ökozid
18.11.2020 • 20:15 - 21:45 Uhr
Fernsehfilm, Drama
Lesermeinung
In „Ökozid“ von Regisseur Andres Veiel wird die Klimapolitik der Bundesregierung in einer nahen Zukunft vor dem Internationalen Gerichtshof auf den Prüfstand gestellt. In den Hauptrollen: Nina Kunzendorf, Friederike Becht, Ulrich Tukur, Edgar Selge (v.l.n.r.).
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Larissa Meybach (Friederike Becht) fragt sich, ob der Social Media-Operator Laurenz Opalka (Sven Schelker) etwas mit der Bombendrohung zu tun hat.
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Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf) und Larissa Meybach (Friederike Becht) vertreten 31 Länder, die die Bundesrepublik Deutschland wegen ihrer Klimapolitik auf Schadenersatz verklagt haben.
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Hans-Walter Klein (Edgar Selge) ist der vorsitzende Richter des Verfahrens am Internationalen Gerichtshof.
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Originaltitel
Ökozid
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2020
Fernsehfilm, Drama

Die Bundesrepublik auf der Anklagebank

Von Maximilian Haase

Wichtiger kann ein Fernsehfilm kaum sein: Im dystopischen ARD-Justizdrama "Ökozid" steht Deutschland wegen der Klimavergehen der westlichen Welt vor Gericht. Geklärt werden muss die gegenwärtig entscheidende Frage: Sind Staaten verpflichtet, gegen den Klimawandel vorzugehen?

Handeln wir nicht, wird es eng für die Zukunft der Erde: Mittlerweile steht die Beschäftigung mit dem Klimawandel – zumindest theoretisch – weit oben auf der politischen und medialen Agenda. Aktivistinnen wie Greta Thunberg und Bewegungen à la Fridays for Future verschafften dem Thema die nötige Aufmerksamkeit; Parteien und Regierungen geloben Besserung, während Dokus und Filme immer eindringlicher vor den Folgen der globalen Erderwärmung warnen. Doch was wird in wenigen Jahren konkret geschehen, sobald die moralischen Appelle verklungen sind und die selbstauferlegten Klimaziele verfehlt wurden? Wer kann für die Zerstörung von Natur, Klima und Lebensräumen verantwortlich und haftbar gemacht werden? Das dystopische Drama "Ökozid" spielt dieses Szenario nun durch: Die Bundesrepublik, so die Vision des ARD-Films von Regisseur Andres Veiel, steht in naher Zukunft vor Gericht – angeklagt von Staaten des globalen Südens, nichts gegen den Klimawandel unternommen zu haben. Ein mitreißendes Werk, das dringliche Fragen aufwirft, auf die wir spätestens jetzt eine Antwort brauchen.

Der Film, den die ARD im Rahmen der Themenwoche unter dem Motto "#Wie Leben – Bleibt alles anders" ausstrahlt, experimentiert mit einer außergewöhnlichen Versuchsanordnung, irgendwo zwischen klassischem Justizdrama, SciFi-Dystopie und politischem Kammerspiel: Wir schreiben das Jahr 2034, der Klimawandel hat zur globalen Katastrophe geführt. Betroffen von Dürre und Hochwasser, von Hunger und Flucht sind insbesondere Millionen von Menschen in den armen Ländern des Südens. 31 dieser Staaten, infolge der Schäden verarmt und zerstört, haben genug: Sie verklagen die Bundesrepublik auf Schadensersatz, fordern ein Recht der Natur auf Unversehrtheit. Verhandelt wird vor dem Internationalen Gerichtshof, der sein Gebäude in Den Haag – der Klimawandel erfasst auch den Norden – nach drei Sturmfluten räumen musste und nun provisorisch in Berlin tagt.

Stellvertretend für die westliche Welt und als Präzedenzfall muss sich Deutschland dem Vorwurf stellen, im Kampf gegen den Klimawandel wissentlich versagt und sich der Verantwortung entzogen zu haben. Die Frage lautet, ob der Klimawandel hätte verhindert werden können – und ob Nationen Schuld daran tragen, bewusst auf Maßnahmen verzichtet zu haben. Kann die Republik für ihre verfehlte Klimapolitik haftbar gemacht werden? Erstmals werde "darüber verhandelt, ob Staaten grundsätzlich die Pflicht haben, gegen den Klimawandel vorzugehen", fasst der vorsitzende Richter Prof. Dr. jur. Hans-Walter Klein das Verfahren zusammen. Durch "Abschwächung und Blockade europäischer Klimaschutzvorgaben" habe die Bundesrepublik "ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken", zitiert der Schweizer die Anklage.

Fiktiver Rückblick auf unsere Gegenwart

Edgar Selge verleiht dem Vorsitzenden die nötige weise Autorität, doch fungiert seine Figur, wie die meisten anderen auch, weniger als individueller Charakter, sondern vielmehr als Verkörperung von Institutionen und Argumenten. Mit großen Namen besetzt ist das Stück dennoch: So vertreten Nina Kunzendorf und Friederike Becht als Anwältinnen die Koalition der 31 Staaten, Ulrich Tukur fungiert als gewiefter Verteidiger der BRD. Offensichtliches Manko jedoch: Während weiße Deutsche die Hauptrollen übernehmen, und den Anwältinnen Larissa Meybach (Becht) und Wiebke Kastager (Kunzendorf) sogar eine umstrittene biografische Vergangenheit als idealistische Klimaaktivistinnen zugestanden wird, sind die Juristen und Betroffenen aus den klagenden Staaten auf Nebenfiguren reduziert. Auch der Charakter des berechnenden Social-Media-Fieslings (Sven Schelker), dem in bester Clickbait-Manier jede fingierte Schlagzeile und selbst illegale Aktionen (steckt er hinter einer Bombendrohung?) recht sind, darf eher unter gut gemeinter Kritik an den grassierenden Verschwörungstheorien und Trolls im Netz verbucht werden.

Und doch macht "Ökozid" vieles richtig. Obwohl die Beweislast objektiv erdrückend ist, ergeht sich der Film nicht in einer rein moralisierenden Anklage gegen die Bundesrepublik. Verteidiger Victor Graf (Tukur) bringt die bedrohten Arbeitsplätzen in der Braunkohle ebenso vor wie die bisweilen gelungene Reduzierung der CO2-Emissionen. Ansonsten erschöpfen sich die Argumente zugunsten Deutschlands in der Darlegung von Sachzwängen gegenüber einer übermächtigen Autoindustrie und Energielobby: Letztlich kreist die Frage nach der Schuld in der wortreich dargestellten Verhandlung darum, dass sich die verantwortlichen Politiker – anwesend in Gestalt einer sehr idealisiert dargestellten Angela Merkel (Martina Eitner-Acheampong) – der Ökonomie zu beugen hatten, dies aber nicht offenlegten. Zahlreiche weitere geladene Zeugen aus Politik, Wirtschaft und Non-Profit-Organisationen bestätigen das – und offenbaren im fiktiven Rückblick auf unsere Gegenwart, was seit Jahren in Sachen Klimapolitik schiefläuft.

Jürgen Resch (gespielt von Falk Rockstroh), Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, fasst im Zeugenstand etwa die Farce um das Energieeffizienzlabel nach Fahrzeuggewicht zusammen: "De facto bekam dann ein VW-Golf mit gleich vielen Sitzen und deutlich niedrigerem Ausstoß ein gelbes oder rotes Label. Dem SUV-Käufer dagegen wurde suggeriert, er würde etwas für die Umwelt tun".

Vom Dreiliterauto bis zum Emissionshandel rekapituliert der Film so im Detail die Debatten seit den 90er-Jahren: Laut Regisseur Andres Veiel belegten die Recherchen zum Film "eine Folge verpasster Chancen, Jahr für Jahr". Deutschland habe "seine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz nicht nur leichtfertig verspielt, sondern hinkt auch in der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien anderen Ländern um Jahre hinterher". Dass ein Ökozid – also die Zerstörung von Ökosystemen mit negativen Folgen für die Bevölkerung – die katastrophale Folge dieses Handelns sein kann, legt sein brillant recherchierter und immens wichtiger Film eindrücklich dar.

Ökozid – Mi. 18.11. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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