Son of Saul
23.05.2018 • 22:10 - 23:55 Uhr
Spielfilm, Drama
Lesermeinung
Saul Ausländer (Geza Röhrig, li.), Sonderkommando-Mitglied im KZ Auschwitz-Birkenau, ist entschlossen, seine Mission um jeden Preis zu erfüllen.
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Saul Ausländer (Geza Röhrig), Sonderkommando-Mitglied im KZ Auschwitz-Birkenau, ist entschlossen, seine Mission um jeden Preis zu erfüllen.
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Hint
Produktion: Laokoon Filmgroup, Magyar Nemzeti Filmalap
Originaltitel
Saul Fia
Produktionsland
Ungarn
Produktionsdatum
2015
Spielfilm, Drama

Große Geste eines Todgeweihten

Von Wilfried Geldner

Ein schier unerträglicher Blick in die Krematorien von Auschwitz: Das oscarprämierte Drama "Son of Saul" ist ein bedrückendes Meisterwerk.

"Son of Saul" ist ein Film aus der Hölle. Tatsächlich: aus der Hölle von Auschwitz. Der ungarische Emigrant László Nemes wagt sich mit seinem Debütfilm ins Zentrum dieses Ortes der Finsternis. Er lässt die Perspektive eines jüdischen Zwangsarbeiters einnehmen, der in einem Krematorium von Birkenau als einer von vielen für den reibungslosen Ablauf des Tötens und Verbrennens sorgen muss. Das ist hart, es geht bis an die Grenzen des Erträglichen, auch wenn Saul, ein Opfer und Held zugleich, dem Grauen eine ganz eigene große Geste entgegensetzt. Der Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2016 ist verdient, der Film, den ARTE nun erstmals im Free-TV zeigt, ein Meisterwerk.

Die Fabrikarbeiter des Holocaust, die Leichenhersteller unter der Knute der SS, haben längst das letzte menschliche Gefühl verloren. Alles geht sehr schnell im Vorraum der Gaskammer. Befehle und Täuschungen der Opfer. Der nächste Transport wartet schon. Wir sind im Jahr 1944, die Tötungsmaschinerie ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Beim Aufräumen der toten Körper wird nur noch von "Stücken" gesprochen – wie von nichtmenschlichem Material. Die Plünderung, das Aussortieren von Plomben, Schmuck oder Brillen geschieht im Eiltempo und mit wenigen routinierten Griffen.

Das ist schwer erträglich, und man braucht schon gute Nerven, um für die nun doch noch Platz greifende humane Idee des Films empfänglich zu sein. Saul, ein ungarischer Jude, den der in Budapest geborene schauspielerische Autodidakt, Theologe und Poet Géza Röhrig mit geradezu dokumentarischer Glaubwürdigkeit verkörpert, glaubt nämlich unter den Leichen, die er entsorgen muss, seinen eigenen Sohn zu erkennen. Was sich weder für ihn noch für den Zuschauer später verifizieren lässt. Doch Saul will der Sinnlosigkeit dieser Hölle eine Tat, eine humane Geste entgegensetzen: Er will den Sohn bestatten und für ihn von einem Rabbi das Kaddish, das jüdische Totengebet und Vaterunser, sprechen lassen.

Dieser Wunsch treibt Saul an verschiedenste Stellen im Lager: auf der Suche nach der Leiche in den Keller der Anatomen, auf der Suche nach einem Rabbi in andere Lagerabteilungen. Müßig zu fragen, ob das in Auschwitz wirklich möglich gewesen wäre. Dieser Saul ist ein Getriebener, der Grenzen überschreitet, auch weil er nichts mehr zu verlieren hat. Auf seiner panischen Reise im Inneren des KZs nimmt Sauls Geschichte allerdings verschiedene historische Geschehnisse auf. Er wird stummer Zeuge eines Aufstands, den es dann im Oktober 1944 unter den Sonderkommandos tatsächlich gab.

All das erzählt der Film nicht linear und historisierend, sondern immer noch und immer wieder aus der Perspektive Sauls. Die Verkürzungen, die historischen Freiheiten, die sich der Film nimmt, bestärken den apokalyptischen Eindruck, auch wenn die erschütternde Kraft des Anfangs später nicht mehr erreicht wird. "Son of Saul" ist tatsächlich ein Film-Denkmal für die Opfer des Holocaust und wirklich auch einer gegen das Vergessen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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