Tagesthemen
06.09.2023 • 22:15 - 22:50 Uhr
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Originaltitel
Tagesthemen
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2023
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Plötzlich Gangster

Von Eric Leimann

Wutbürger jenseits grotesker Überzeichnung: Ein friedliebender, aber verzweifelter Handwerker (Richy Müller) überfällt jene Bank, die ihn im Globalisierungs-Fight um seine Existenz brachte. Ein etwas wilder Fernsehfilm, der einiges wagt und vieles richtig macht.

Ein rechtschaffener Handwerker und Familienvater aus der baden-württembergischen Provinz wird von seiner Bank in die Insolvenz getrieben. Schließlich sieht Klaus Roth (Richy Müller) keinen anderen Ausweg mehr, als sich durch den Überfall auf einen Geldtransporter eben jener Bank neues Kapital zu beschaffen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Angestellten Achim Buchert (Martin Buzke), einem Ex-Afghanistankämpfer, plant Klaus einen Coup. "Ein todsicherer Plan", glauben sie, doch selbstredend geht das Ganze in die Hose. Bald finden sich die beiden Amateur-Gangster in der sehenswerten Wiederholung als Eingeschlossene in der Bank wieder. Während sie die Angestellten als Geiseln nehmen, umstellen Polizei und Spezialkräfte des LKA das Gebäude.

Es hätte sich angeboten, diese Geschichte als Groteske zu inszenieren. Der kleine Mann aus der Provinz wehrt sich mit Waffen gegen den Banken-Wahnsinn. Eine Don Quichotte-Geschichte im Zeitalter der Globalisierung. Wenn jedoch Holger Karsten Schmidt ("14 Tage lebenslänglich", Grimmepreis 2009 für "Mörder auf Amrum") ein Drehbuch schreibt, darf man stets auf ein Aufbrechen des Erwartbaren hoffen. Da sieht ein deutscher Landschaftskrimi wie "Mörder auf Amrum" schon mal aus wie eine Groteske der Coen-Brüder.

Like a Al Pacino

Gerne baut der 1965 in Hamburg geborene Autor zudem seine Vorlieben für amerikanisches Genrekino ein. Dieser Film beispielsweise erinnert an "Hundstage" mit Al Pacino. Der Klassiker von Sidney Lumet aus dem Jahr 1975 spielte ebenso fast ausschließlich in der Bank. Ein Eingeschlossenen-Drama mit Gangstern, Geiseln und Polizei. Mehr braucht es nicht, um das Leben zu erzählen – musste das Kino damals lernen, was zu zahlreichen Kopien und Abwandlungen dieser Ur-Erzählung führte.

Drehbuchautor Schmidt macht nicht den Fehler, ein urbanes Action-Feuerwerk abbrennen zu wollen. Ästhetisch steht dem – neben den Kosten – allein schon der liebliche Marktplatz des Dorfes entgegen, auf dem die Bank steht. Anfangs scheint der lokale Polizeichef, der den Geiselnehmer kennt – wie eigentlich hier jeder jeden kennt -, die Situation noch friedlich beenden zu können. Klaus Roth, ein lieber Kerl, der zu Hause eine Frau (Anke Sevenich) und eine kleine Tochter hat, würde lieber jetzt als gleich abbrechen und die Gewalt beenden. Doch die Situation erfordert, dass jeder seine Rolle spielt und das tut auch Klaus, eine der herrlich mutigen und irritierenden Verstöße wider das Normale in diesem Film. Dazu kommt, dass Klaus' Partner Achim die Gewalt "selbstverständlicher" in sein Leben integriert hat, seit er als Soldat in Afghanistan war.

Zwischen Thriller und Moralstück

Während die lokalen Kräfte, Polizeichef und Bankpersonal, an einer menschlichen Lösung des Problems arbeiten, wirken die Mechanismen hierarchischer "Ordnungssysteme" diesem Plan entgegen. Vom LKA rauscht eine junge Kommissarin (Julia Brendler) heran, die fest entschlossen ist, die Situation per Zugriff zu beenden. Auch das stark gecastete Ensemble der in Geiselhaft befindlichen Bankangestellten – unter anderen Frederick Lau, Claudia Eisinger, Christian Beermann und Michaela Caspar – schämt sich ernsthaft für das, was man auf Druck von oben ihrem Opfer und jetzigen Geiselnehmer angetan hat.

Der Thriller "Ein todsicherer Plan", der wie Holger Karsten Schmidts Stuttgarter "Tatort"-Episode "Spiel auf Zeit" (2013) von Roland Suso Richter ("Die Spiegel-Affäre") inszeniert wurde, ist ein Film, wie man ihn selten im deutschen Fernsehen sieht. Der Humor ist eher leise, dafür aber auf fast britischem Niveau. Der Film schwankt zwischen hartem Thriller, bösartigem Moralstück, englischer Komödie und deutscher Fernsehspiel-Ernsthaftigkeit. Das alles wirkt etwas wild, manchmal auch etwas gewollt. Insgesamt ist "Ein todsicherer Plan" jedoch ein echter Hingucker – wohl gerade wegen dieses leicht anarchischen Genremixes.

Ein todsicherer Plan – Mi. 06.09. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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