Der neue Frankfurter "Tatort" zeigt die große Hannelore Elsner in ihrer letzten Rolle. Passenderweise ist es ein Stück über die Fragilität des Lebens, in dem es bei der Polizei durchs Dach regnet, die Kommissare unter einem Monster-Kater leiden und sich fragen: Was tun wir hier überhaupt?
Man ertappt sich dieser Tage dabei, wie man alles und jedes auf den gegenwärtig dystopischen Realzustand der Welt projiziert. Interessant wird das im Zusammenhang mit Fiction, die deutlich vor einer Ahnung von der Corona-Krise entstand. So zum Beispiel der neue Frankfurter "Tatort" mit den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). In ihrem Fall "Die Guten und die Bösen" herrscht schon allein deshalb eine melancholisch gefärbte Endzeitstimmung, weil es sich um die letzte Rolle der im April 2019 verstorbenen Hannelore Elsner handelt. Sie spielt eine pensionierte Kommissarin, die – wohl ohne offizielle Genehmigung – in den Katakomben des Frankfurter Polizeipräsidiums alte, ungelöste Fälle durchforstet. Derweil streift ihr Hund, der nicht auf die alte Dame hört, wie sie fast ein bisschen stolz zugibt, wie ein Wolf durch verlassene Gänge und marode Trakte eines Gebäudes, das gerade einer Komplettrenovierung unterzogen wird.
Eigentlich sollten Janneke und Brix – während die Bauarbeiter im Gebäude wüten – in Container umziehen, aber die wurden nicht rechtzeitig geliefert. Damit Frankfurts Polizeiarbeit nicht zusammenbricht, wird auf der Baustelle weitergearbeitet – bald in einem Mordfall. Jannekes und Brix' Kollege Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) holt die stark verkaterten Ermittler nach einer durchzechten Nacht im Präsidium in den Morgenstunden ab, um sie zum Tatort in einer Waldhütte zu führen. Darin befindet sich ein nackter Leichnam, gefesselt an einen Stuhl, von Folterspuren gezeichnet. Ein Mann, der die Tüte, durch die er erstickt wurde, noch über dem Kopf trägt. Lakonisch erklärt Kommissar Matzerath, er habe den Mann umgebracht, weil dieser vor sieben Jahren seine Frau tagelang vergewaltigt habe, aber nie bestraft wurde.
Einigermaßen geschockt, dazu mit Kopfschmerzen und Übelkeit geschlagen, begleiten Janneke und Brix den Geständigen ins grotesk desolate Präsidium. Während es überall hineinregnet und das Chaos der Bauarbeiter regiert, findet überflüssigerweise noch ein Seminar von Personaltrainerin Olivia Dor (Dennenesch Zoudé) statt. Darin sollen Führungskräfte wie Janneke und Brix lernen, wie sie sich selbst und ihre Arbeit als Polizisten sehen. Man kann sich denken, dass es alles andere als einfach ist, unter diesen Umständen einen Mordfall zu bearbeiten. Vor allem dann, wenn man sich dem Täter verbunden fühlt.
Das Polizeipräsidium – eine fast schon dadaistische Theaterkulisse. Ermittler, die über 90 Minuten mit den Folgen eines Megakaters zu tun haben. Eine alte Kommissarin, die sich in wassertropfenden Katakomben eine Art Büro zwischen Aktenschränken eingerichtet hat. Schließlich jene Personaltrainerin, die mit Psycho-Denglisch suggeriert, sie könne Ordnung in das Chaos des (Polizei)lebens bringen. Es ist durchaus surreal, was sich Drehbuchautor David Ungureit (Headautor von "Danni Lowinski") für diesen "Tatort" ausgedacht hat. Angenehm ist jedoch, dass es die Geschichte selbst ist, die für eine spannende "Was soll aus diesem Plot noch werden"-Atmosphäre sorgt – und nicht etwa eine aufs Skurrile gebürstete Inszenierung. Regisseurin Petra K. Wagner ("Herbstkind") setzt die mit seltsam disparaten Elementen arbeitende Geschichte mit ruhiger Hand und viel Gespür für Pausen, lakonische Bilder und der Melancholie alter französischer Kriminalfilme beispielsweise mit Jean Gabin in Szene.
Bei diesem Fall, in dem sich der Täter nach wenigen Minuten selbst enttarnt, steht am ehesten die Frage im Mittelpunkt, was die Arbeit eines Polizisten tatsächlich ausmacht: Sorgt er für Ordnung? Gar für Gerechtigkeit? Bringt ihm das etwas persönlich, und verbessert Polizeiarbeit die Gesellschaft, in der wir leben? Soll oder muss man Täter bestrafen, deren Handlung man gut verstehen kann? Der neue "Tatort" des in Sachen Fernsehfilm so wunderbar freigeistigen Hessischen Rundfunks bezieht eine melancholische Spannung aus vielen, frei dräuenden Handlungsfäden, die alle auf einen großen Endpunkt hinsteuern könnten – oder auch nicht.
Das Offene der Erzählweise ist es, was neben den starken Darstellern – allen voran die mit wundervoller Klarheit spielende, schwerkranke Hannelore Elsner – interessiert. Wer knallhart Plot-orientierte Krimis braucht, um einen gelungenen Fernsehabend zu verbringen, wird mit diesem Frankfurter Subtilkrimi wenig anfangen können. Als atmosphärisch starkes Stück über die Fragilität des Lebens ist "Die Guten und die Bösen" jedoch eine starke Befindlichkeitsstudie von Menschen in surrealen Transitzuständen. In anderen Worten: die perfekte Beschreibung des derzeitigen Corona-Lebens.
Tatort: Die Guten und die Bösen – So. 19.04. – ARD: 20.15 Uhr