Zwei Menschen werden mit den Folgen ihrer Entscheidungen konfrontiert. Wie geht man damit um, schwerwiegende Fehler gemacht zu haben?

"Wieso hat man den Häftling überhaupt in Hafturlaub entlassen?" Diese berechtigte Frage wird in "Zwiespalt" immer wieder gestellt. Besagter Häftling hat wohl während seines Ausgangs eine Joggerin sexuell missbraucht und getötet. Danach scheint er wie vom Erdboden verschluckt. Die Betroffenheit in der Bevölkerung und in den Medien ist groß – wie auch der Wunsch, einen Schuldigen zu finden. Trägt derjenige, der den mutmaßlichen Mörder auf freien Fuß setzte, nicht mindestens genauso viel Verantwortung für den Tod der Frau wie der Täter selbst? Das einfühlsame Drama von Regisseurin Barbara Kulcsar und Autorin Natascha Beller ist in 3sat zu sehen und beschäftigt sich auf aufwühlende Weise mit den Folgen von Verantwortung.

Roman Mettler (Martin Rapold) ist Experte auf dem Gebiet der psychiatrischen Forensik und führt mit seiner Frau ein gemächliches Leben. Doch nach dem Tod der Joggerin ist bald nichts mehr, wie es war. Mettlers Gutachten ermöglichte es, dass der mutmaßliche Mörder Hafturlaub bekam. Doch: War der Tod der Joggerin wirklich die Tat seines Patienten? Oder sind Medien wie Bevölkerung vorschnell in ihrem Urteil?

Auch Mettlers Jugendfreundin Linda Berger (Isabelle Barth) wird in den Fall hineingezogen. Die alleinerziehende Mutter ist Polizistin und auch sie hat des Öfteren schwierige Entscheidungen zu treffen. Berger weist abgewiesene Asylbewerber per Flugzeug in ihre Heimatländer aus und gerät deswegen immer wieder mit ihrer von Idealismus getriebenen Tochter aneinander. Wie soll Linda Berger ihre Arbeit mit ihrem Gewissen vereinbaren, wo sie doch weiß, dass die Abschiebungen oft moralisch falsch sind? Als es während einer Rückführung zu einem Vorfall kommt, muss sich auch Berger vor Augen führen, welch weitreichende Konsequenzen ein Fehler ihrerseits hat. Und wie ähnlich ihre Arbeit der von Roman Mettler ist.

Wie umgehen mit solch einer übergroßen Verantwortung? Das ist die allumfassende Frage, die sich den ganzen Film hindurchzieht. Was macht es mit einem Menschen, wenn er sich eingestehen muss, Mitschuld am Tod oder Elend Unschuldiger zu tragen? Andererseits: Wie kann man jemanden wie Roman Mettler für dessen Fehlentscheidungen verurteilen, wo doch jeder weiß, dass Menschen nicht unfehlbar sind? Und: Wie kann jemand einem Mann wie Roman Mettler verzeihen, wenn ein Angehöriger aufgrund von dessen Fehlentscheidung sterben musste? All das sind Fragen, die alles andere als einfach zu beantworten sind, wie das Drama "Zwiespalt" zeigt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst