Ein niederländisches Dorf bei Utrecht im 18. Jahrhundert. Gerichtsrat Walter ist unterwegs, um die Rechtspflege im Lande zu überprüfen. In Huisum überwacht er einen Prozeß, den der alte Dorfrichter Adam zu führen hat: Es geht um einen Krug, der nachts in der Kammer der jungen Eve auf mysteriöse Weise in Scherben ging. Wer war der Täter? Der Bräutigam - oder gar der Richter selbst?Je eifriger der Richter nach Schuldigen sucht, desto auswegloser verfängt er sich in den eigenen Schlingen des mißbrauchten Rechts. Die eingeschüchterte Eve faßt erst Mut, als ihrem Bräutigam das Gefängnis droht, und überführt den alten Adam der Lüge.

Dieter Dorns Erfolgsinszenierung hatte 1986 bei den Salzburger Festspielen Premiere und wurde danach ins Repertoire der Münchner Kammerspiele übernommen. Seit der mißglückten Weimarer Uraufführung durch Goethe im Jahre 1808 ist dies die erste Inszenierung an einer bedeutenden Bühne, die das Stück in der als "Variant" publizierten Weimarer Urfassung mit dem vollständigen Schluß vorstellt und daraus folgerichtig eine neue Interpretation ableitet. Auch mit dieser Arbeit erweist sich Dorn als souveräner Antipode des modischen "Radikaltheaters" und meidet wachsam die inszenatorischen Extreme - die biedersinnigen Lustspielklischees der Aufführungstradition ebenso wie die verführerischen Angebote des Stückes zur "apokalyptischen Aufschneiderei" (Benjamin Henrichs). Dorns Inszenierung besticht vor allem durch die Effizienz, mit der uneitle, dem Klima und den Proportionen des Stückes stets angemessene szenische Metaphern das Wesentliche vermitteln: Auch diese bittere Komödie ist Ausdruck der illusionslosen Existenzerfahrung Kleists, "daß hienieden keine Wahrheit zu finden ist" (Brief vom 22.03.1801) - "Der zerbrochene Krug" als witzig-böse Parabel einer Welt in Scherben. Jürgen Rose gelingt es mit seiner Ausstattung eine historische Epoche auf den atmosphärischen Punkt zu bringen, ohne damit dem nach den zeitlosen Qualitäten des Stückes forschenden Blick im Wege zu stehen. Ein Ensemble brillanter Schauspieler - allen voran Rolf Boysen als Dorfrichter Adam - geht mit Kleists Sprache pfleglich um und setzt neue Maßstäbe für Interpretation und Gestaltung der berühmten Rollen. Filmkameramann Gernot Roll übernahm für die optische Umsetzung dieser Inszenierung erstmals die Bildregie im Medium Fernsehen. Der Fernsehfilm "Der zerbrochene Krug" wurde von Dieter Dorn und Gernot Roll im Studio des Bayerischen Rundfunks realisiert und ist visuell als genuine Fernseharbeit anzusehen.