Technologie gegen Blutvergiftung

Sepsis: Ein kleiner Schnitt verändert alles

22.06.2026, 02.00 Uhr
Ein kleiner Schnitt am Finger endet für einen Mann in einer lebensbedrohlichen Sepsis, die zu mehreren Amputationen führt. Ein KI-Modell soll nun helfen, solche Fälle frühzeitig zu erkennen und Leben zu retten.
Doc_Fischer
Dr. Julia Fischer moderiert die SWR-Gesundheitssendung „Doc Fischer“, ist Buchautorin und medizinische Expertin in Talkshows. Als Host des ARD Gesund-YouTube-Kanals erklärt sie medizinische Themen. Fotoquelle: Doc_Fischer

„Ausgelöst wurde das Ganze durch einen kleinen Schnitt am linken Zeigefinger.“ So beschreibt der Betroffene aus meiner Sendung den Moment, der sein Leben für immer verändern sollte. Eine alte Luftmatratze aus dem Keller, in der eine Maus genistet hatte. Als er sie auseinanderfalten wollte, verletzte er sich daran. Was danach kam, hätte niemand für möglich gehalten. Schon in der Nacht entzündet sich die Wunde, eine blaue Blase bildet sich darum. Er ist angeschlagen, bekommt Fieber. Er geht sofort zum Hausarzt – doch weder der noch der Notdienst am nächsten Tag erkennen den Ernst der Lage. Beide schicken ihn nach Hause: Influenza gehe gerade um, Bettruhe und Paracetamol. Am dritten Tag muss er ins Krankenhaus. Die Diagnose: Sepsis, Organversagen. Seine Arme und Beine werden nicht mehr richtig versorgt. Beide Unterarme und Unterschenkel müssen amputiert werden.

Umgangssprachlich Blutvergiftung genannt, kann Sepsis innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden. Dabei sind die körpereigenen Abwehrkräfte nicht mehr in der Lage, eine lokale Infektion einzudämmen. Die Keime verbreiten sich im Blutkreislauf, das Immunsystem reagiert mit einer überschießenden Entzündungsreaktion – und greift auch die eigenen Organe an. Innerhalb weniger Stunden kann es zu Multiorganversagen kommen. Das Tückische: Die Symptome sind unspezifisch. Plötzliche Verwirrtheit, starke Schwäche, schneller Puls, Atemnot, Fieber. Professor Thorsten Kaiser vom Klinikum Lippe bringt es auf den Punkt: „Mit jeder weiteren Stunde, die Sie verzögert die antibiotische Therapie beginnen, steigt dieser Prozentsatz von Sterblichkeit leider noch an.“

Genau deshalb hat Professor Kaiser ein KI-Modell entwickelt, das Sepsis früher erkennen soll. Es analysiert das kleine Blutbild, das bei stationären Patienten ohnehin routinemäßig erstellt wird und errechnet daraus die Wahrscheinlichkeit einer Sepsis. Über 1,2 Millionen Blutbilder hat die KI bereits ausgewertet. Bald soll das System im gesamten Klinikum Lippe routinemäßig zum Einsatz kommen. Bei Erfolg vielleicht auch an weiteren Kliniken.

Der Betroffene aus meiner Sendung lebt seit rund einem Jahr einigermaßen schmerzfrei. Seit Kurzem schafft er es sogar, mit Kurzprothesen wieder ein wenig Fußball zu spielen. Was ihn antreibt, sagt er selbst am besten: „Die Sepsis kriegt mich auf jeden Fall nicht klein, nein. Da braucht es mehr.“