Film

Der Kuss. Eine Doppelrolle

Von Von Tom Schwan
Der erste Kuss ist (meist) immer der schönste.
Der erste Kuss ist (meist) immer der schönste. Fotoquelle: Grigoriev Ruslan/shutterstock.com

Der erste Kuss ist immer der schönste. Das Kino spielt mit der Sehnsucht nach dem erlösenden ersten Mal. Als ob die Story damit zu Ende wäre.

Das wäre wohl ein komischer Kauz, der sich an seinen ersten Kuss nicht erinnern würde. Seinen ersten richtig wirklichen Kuss im Schatten der Schulturnhalle oder im Nebenzimmer einer lautstark langweiligen Fete.

Neben den richtig wirklichen ersten Küssen, die mal unglaublich gelingen und mal ziemlich danebengehen, gibt es ja auch die großen bis übergroßen Küsse, die sich im Kino abspielen oder auf dem wandflächigen Fernseher zuhause.

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Und, wie steht es damit: Wer kann sich an seinen ersten Filmkuss erinnern? Bogey und Bergman (sehr elegant) in "Casablanca"? Oder Bogey und Katharine Hepburn (unbeholfen) in "African Queen"?

Die Light-Version von Sex

Egal, ob es sich um eine Vorabendserie im Fernsehen handelt oder Heinz Rühmann in "Die Feuerzangenbowle", ein Kuss ist niemals nur ein Kuss. Im Filmkuss verdoppelt sich die Sehnsucht, verdoppelt sich die Begierde. Der Zuschauer erlebt, was die Akteure im Film erleben. Mit nur einem Unterschied: Der Zuschauer lässt die Augen geö—ffnet, während die küssenden Schauspieler die Augen schließen, jedenfalls in den meisten Fällen (und sofern sie nichts Böses im Schilde führen, was dem Publikum wiederum auffallen würde). In dem Klassiker "Frau ohne Gewissen" möchte der Zuschauer dem anfangs unbescholtenen Fred MacMurray förmlich zurufen: Nicht!" Doch natürlich verfällt er den Lippen der berechnend küssenden Barbara Stanwyck.

Der allererste bewegte Kuss war in einem 25-Sekunden-Filmschnipsel von Thomas Edison zu sehen, 1896. Zur selben Zeit dachte in Wien ein gewisser Sigmund Freud darüber nach, ob man es nicht pervers nennen müsse, dass Menschen zwei erogene Mundzonen zusammenbringen, statt gleich miteinander zu schlafen. Immerhin, schon Freud bewertete den Kuss als Light-Version des Sexualaktes und erkannte, was ein Kuss im Film andeuten und gleichzeitig verbergen soll. Der Dichter Frank O'Hara (1926–66) forderte die "Mütter von Amerika" frank und frei auf, ihre Kinder öfter ins Kino zu schicken, damit sie dort "ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln" könnten.

Wie argwöhnisch der Filmkuss in seiner Rolle als Sinnbild und Versprechen körperlicher Vereinigung betrachtet wurde, zeigte sich 1926, als Greta Garbo ihren Liebhaber John Gilbert mit wolllüstig geö“ffneten Lippen empfing (in "Flesh and the Devil"). Das hatte es noch nicht gegeben. Frauenverbände und Kirchen schäumten.

Wange-an-Wange-Gesangsnummern

Indiens Bollywood-Kino versagte sich bis in die Neunzigerjahre hinein, Küsse auf der Leinwand zuzulassen. Um die Sehnsucht des Publikums nach Romantik und angedeutetem Sex dennoch zu befriedigen, wurde eine ebenso komplizierte wie listige Choreographie entwickelt – mit Wange-an-Wange-Gesangsnummern, neckischem Nasereiben und Lippen, die sich knapp verfehlten.

70 Jahre, bevor Bollywood-Küsse erlaubt wurden, hatte Hollywood vorsichtig zu ersten gleichgeschlechtlichen Filmküssen angesetzt. Ob unter Männern oder Frauen, beides ist mit Gary Cooper verbunden, der einen Ruf als notorischer Frauenheld genoss.

1927 küsst er in einem Weltkrieg-I-Fliegerdrama mit dem Titel "Wings" einen Mann. Das war die Premiere. Der Film gewann sogar einen Oscar.

1930 küsst Marlene Dietrich in "Marokko" eine Frau. Dabei steht sie auf der Bühne und singt "Quand l'Amour Meurt", wenn die Liebe stirbt. Gebannter Zuhörer: Gary Cooper.

Alles Weitere wird im Film seltener erörtert

Der erste Kuss ist immer der schönste. Dramaturgisch laufen die meisten Filme auf diesen ersten befreienden Kuss hinaus, der das Feuer löscht, obwohl er es im richtig wirklichen Leben erst entfacht. Alles Weitere wird im Film seltener erörtert. Dabei wusste nicht nur Sigmund Freud, dass die Probleme damit erst anfangen.

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