Der deutsch-marokkanische Comedy-Shootingstar Abdelkarim spricht über sein neues Polit-Format auf RTL II, Hassmails und das Lustige an der Bundeskanzlerin.

"Ein RTL II-Typ fragt einen Marokkaner, ob er nicht Bock hätte, bei einem Polit-Format mitzumachen. Ehrlich gesagt klingt das schon sehr tragisch – also habe ich zugesagt". Abdelkarim, der 35-jährige Shootingstar der deutsch-migrantischen Comedy, weiß um die Angriffsflächen, die seine neue Sendung liefert. In "Endlich Klartext – Der große RTL II Politiker-Check" (Dienstag, 29.8.2017, 22.20 Uhr, und 5.9.2017, 23.15 Uhr) konfrontiert der Gewinner des Bayerischen Kabarettpreises sechs vorher nicht gebriefte Volksvertreter mit normalen Wählern, die von den Parteiforderungen direkt betroffen sind. Ein Novum auch für den gebürtigen Bielefelder, in dessen Stand-Up zwischen "Nightwash", "Anstalt" und Hallenshow das Politische implizit immer mitschwingt. Ein Gespräch über die neue Polit-Erfahrung des Deutsch-Marokkaners, Hassmails und das Lustige an der Bundeskanzlerin.

prisma: Wie war es denn für Sie, mit den Damen und Herren Politikern zu drehen?

Abdelkarim: Die Politiker haben Menschen getroffen, die von ihren Entscheidungen und Regelungen direkt betroffen sind. Das hat großen Spaß gemacht, und ganz nebenbei war es auch noch sehr spannend.

prisma: Und die Volksvertreter wussten tatsächlich nicht, was sie erwartet?

Abdelkarim: Nein, das wussten sie nicht. Das Ganze hier ist ja auch ein groß angelegtes Medienexperiment: Die erste RTL-II-Sendung, die nicht scripted reality ist.

prisma: So manchen Politiker dürfte es aber nicht überrascht haben ...

Abdelkarim: Klar, Jens Spahn zum Beispiel traf auf Ziyah, einen afghanischen Flüchtling. Es war zwar überraschend für ihn, als auf einmal ein Afghane die Tür aufgemacht hat. Aber mit dem Thema rund um Flüchtlinge und "Wie kriegen wir die wieder raus" konnte man ihn natürlich nicht überraschen. Damit hat er sich ja beruflich schon zigfach auseinandergesetzt. Trotzdem konnte er sich nicht darauf vorbereiten, da es nicht zu den Alltagsaufgaben eines Politikers gehört, sich mit betroffenen Menschen direkt zu unterhalten. Das ist auch das Besondere an "Endlich Klartext!" Kein Studio, kein Talkshowtisch, keine Politikerzusammenführung, sondern ein Politiker für einen Tag in der Lebenswirklichkeit eines Betroffenen.

prisma: Wackelte dadurch beispielsweise Spahns Meinung denn?

Abdelkarim: Jens Spahn erkannte, dass es im wahren Leben Einzelfälle gibt, denen toll formulierte Vorschläge und Gesetze nicht gerecht werden können. Dass man Menschen nicht in eine Schublade packen kann. Die Politiker merkten, dass ihre Politik nicht immer nur positive Folgen hat.

prisma: Glauben Sie, die Politiker richtig aus der Reserve gelockt zu haben?

Abdelkarim: Wir wollten mit den Politikern Klartext reden. Wenn die sie neben dem Bürger etwas toll Formuliertes raushauen, sagt der Bürger einfach: Mag ja nett klingen, aber auf mich trifft das nicht zu. Und da wurde es sehr schnell spannend. Bloßstellen wollten wir die Politiker nicht – sie sollten sich nur nicht mit irgendwelchen Floskeln retten können. Sie haben es trotzdem manchmal versucht. Aber dann wurde nachgehakt, und die Politiker mussten wieder in den Menschenmodus schalten.

prisma: Diesen Politiker-Check-Ansatz gibt es derzeit ja in vielen TV-Sendungen. Wollte RTL II mit Ihnen als Comedian da einen besonders eingängigen Weg einschlagen?

Abdelkarim: Es ist definitiv kein Comedy-Format. Da waren zum Glück alle Beteiligten einer Meinung. Trotzdem: Zu bierernst wollten wir das nicht angehen, nicht zu sehr im Talkshow-Modus. Der hat durchaus seine Berechtigung, das können aber andere besser. Wir wollten das etwas lockerer angehen, ohne aber auf Inhalte zu verzichten.

prisma: Auch aufgrund der anderen Zielgruppe bei RTL II?

Abdelkarim: Man hört ja sehr viel von der Politikverdrossenheit der Menschen. Das ist aber nur ein Märchen. Viele Menschen, auch jüngere, interessieren sich sehr für Politik, schauen aber trotzdem keine Polit-Talkshows. Die wollten wir nicht zutexten mit irgendwelchen Sätzen mit 35 Kommas. "Endlich Klartext!" ist aber jetzt kein "Bravo"-Ableger oder irgendwas für freche junge Wilde, die grad ihr Netflix-Passwort vergessen haben. "Endlich Klartext!" zeigt Politikern die Folgen ihrer Politik.

prisma: Dafür waren Sie der Richtige?

Abdelkarim: RTL II wollte mir nicht verraten, ob andere für das Format abgesagt haben. Ich habe mich trotzdem über die Anfrage gefreut. Zuerst dachte ich, die brauchen einen Moslem für "Privatdetektive im Einsatz". Dann kamen die mit 'nem Politformat. Mein Nachbar hat mir gesagt "Politformat bei RTL II? Bist du wirklich so verzweifelt?" – Da musste ich dann eine Nacht drüber schlafen.

prisma: Bereitete Ihnen das Bedenken?

Abdelkarim: Machen wir uns nichts vor, das Klischee, mit dem RTL II zu kämpfen hat, ist bekannt. Aber RTL II macht ja auch gute Sachen. Das Problem war aber vor allem das Format. Ich hatte nach der Anfrage natürlich Vorstellungen, aber ich hatte null Ahnung, ob die brauchbar sind. Es gab überhaupt keinen Vergleichsmaßstab. Dazu kommen noch die harten Fakten. Wenn Maischberger ein Politformat bei RTL II hätte, könnte man ja noch sagen: "Okay, wenigstens ein Profi dabei". Wenn das nun aber ein Comedian bei RTL II macht – das ist ja für alle Parteien absolutes Neuland. Aber nach dem ersten langen Gespräch habe ich ruhigen Gewissens zugesagt.

prisma: Ottfried Fischer hat in einer Laudatio sinngemäß über Sie gesagt: "Wenn der aus seinem Alltag berichtet, ist das automatisch politisch." Er spielte natürlich auf Ihren Migrationshintergrund an.

Abdelkarim: Ja. Das war beim Stuttgarter Besen. Die Laudatio von Ottfried Fischer war ein Riesenkompliment. Inwieweit seine Analyse jetzt zutrifft oder nicht, sollen gerne andere entscheiden.

prisma: Dann anders gefragt: Auch an den Reaktionen auf Sie kann man viel ablesen – haben Sie negative Erfahrungen gemacht?

Abdelkarim: Wenn sie mit negativen Erfahrungen Hassmails und Drohungen meinen: Negative Reaktionen gab es nicht so viele. Aber die ein oder andere Islamisten-Mail hab ich schon erhalten, auch welche aus der rechten Ecke. Die kann ich zusammen an einer Hand abzählen.

prisma: Anfang des Jahrtausends begann hierzulande die erste große Welle der sogenannten Ethno-Comedy, die nun wieder ein Riesen-Comeback erlebt ...

Abdelkarim: Das stimmt. Inzwischen ist es ja so, dass die Ausländer den Deutschen die Comedyjobs wegnehmen. Leute, es reicht – die Bühne ist voll! Woran es liegt, dass immer mehr Menschen aus Einwandererfamilien Comedy machen, weiß ich nicht. Vielleicht weil es neben Fußball und Türsteher der einzige Beruf ist, den wir kriegen. Bei mir war Comedy beispielsweise der Plan Z.

prisma: In den USA blüht die Comedyszene derzeit durch politisch extreme Figuren sehr auf – wäre das hierzulande ähnlich?

Abdelkarim: Wenn wir so einen Hampelmann wie Donald Trump hier hätten, wäre das sicher gut für die Comedy-Szene, aber definitiv schlecht für 80 Millionen Bürger. Ich hoffe nicht, dass wir so jemanden irgendwann bekommen. Humor ja, aber nicht um jeden Preis.

prisma: Welche Politiker haben Ihrer Meinung nach Humor, welche sind lustig?

Abdelkarim: Es gibt einige lustige Politiker wie Gysi. Und auch Merkel finde ich lustig. Sie hat einen sehr trockenen Humor und eine teilnahmslose Art. Aber sie wirkt nur teilnahmslos. Sie ist eher der Mafiaboss unter den Politikern: immer ruhig, man hört nichts von ihr, aber ihre Feinde verschwinden.

prisma: Und wen fanden Sie in Ihrer Sendung am lustigsten?

Abdelkarim: Wer am lustigsten war, weiß ich gar nicht. Der Karl Lauterbach, der hatte schon was. So eine eigene Art, ein bisschen wie der verrückte Professor – im positiven Sinne. Sehr intelligent, trockener Humor. Der ist ein ganz eigenes Ding. Aber auch Kerstin Andreae von den Grünen ist supersympathisch. Das heißt aber auf keinen Fall, dass die anderen Politiker langweilig waren. Ganz im Gegenteil, alle waren auf ihre Art spannend und interessant.

prisma: Sie könnte sich also vorstellen, etwas wie "Endlich Klartext" noch einmal zu machen?

Abdelkarim: Mein Ziel ist es nach wie vor, der marokkanische Wetterfrosch bei der "Tagesschau" zu werden – aber wenn es immer so entspannt und interessant läuft wie bei "Endlich Klartext!", warum nicht noch einmal? Zumal ich viele Einblicke bekommen habe, die ich sonst nie gehabt hätte. Es war auch persönlich ein Gewinn.

prisma: Gab es Einblicke in die Leben der "normalen" Bürger, die Sie eindrücklich fanden?

Abdelkarim: Direkt erschrocken hat mich nichts, da ich selbst aus einer Parallelwelt komme und viele soziale Probleme kenne. Aber natürlich war es etwa sehr krass, einen Tag mit einer Rentnerin zu verbringen, die Herrn Spahn und mir zeigt, mit wie viel Geld sie im Monat auskommen muss. Sie hat vor unseren Augen eine Fixkostenabrechnung gemacht, und wir konnten sehen, was ihr monatlich von der Rente übrig bleibt. Da musste ich schon schlucken. Das in Deutschland, das ist schon hart.


Quelle: teleschau – der Mediendienst