Zeitgeschichte als Action-Feuerwerk: Bernd Eichingers RAF-Spektakel ist furios und bombastisch, lässt Meinung und Interpretation aber schmerzlich vermissen.

Produzent Bernd Eichinger erklärt die RAF: "Der Baader Meinhof Komplex" ist Zeitgeschichte für jedermann, ohne Meinung und Wertung. Die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuch-Bestsellers von Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust ist ein atemloser und dynamischer Ausflug in die Bundesrepublik zwischen 1967 und 1977. Pausenlos passiert etwas in der großen und aufwendigen Inszenierung von Regisseur Uli Edel. Es wird zwar nichts erklärt, dafür aber geknüppelt, gesprengt, geschossen, lautstark diskutiert, geflohen, gestorben und entführt. Der (erfolglose) deutsche Oscar-Kandidat von 2008, den fast zweieinhalb Millionen Zuschauer im Kino sehen wollten, ist nun im Ersten erneut zu sehen – 40 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977.

"Der Baader Meinhof Komplex" ist großes, bombastisches Kino. Aber es bleibt eben auch die Verfilmung eines Sachbuchs. Simpel angelegt und im Grunde nichts weiter als ein abgefilmter Zeitstrahl in einem populärwissenschaftlichen Magazin zwischen dem Schah-Besuch am 2. Juni 1967 in Berlin und der Ermordung Hans Martin Schleyers zehn Jahre später im "Deutschen Herbst".

Im Fernsehen heißt so etwas Doku-Fiction. Historische Begebenheiten werden von Schauspielern nachgestellt. Das Problem ist, dass alles erzählt werden soll: Studentenunruhen, Attentat auf Rudi Dutschke, Baaders Befreiung, Training in Jordanien, Banküberfälle, Rasterfahndung, Bombenanschläge, schließlich die Festnahme, Hungerstreik, Prozess in Stammheim, Selbstmorde, Landshut-Entführung – die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Ein klein wenig Revolutionsromantik

Figuren kommen, Figuren gehen. Sie bleiben im Dunkeln, genauso wie ihre Taten nicht in einen Zusammenhang gestellt werden. Ohne Vorwissen lässt sich hier kaum etwas verstehen, bleibt der Film eine szenische Aneinanderreihung von Terrorakten, angereichert mit ein klein wenig Revolutionsromantik und Andreas Baaders "Fotzen"-Schimpfereien.

Handwerklich lässt sich hingegen wenig aussetzen. Weder filmisch noch schauspielerisch. Die drei Hauptdarsteller, Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin und Martina Gedeck als Ulrike Meinhof spielen überzeugend das Terroristen-Trio, den harten RAF-Kern der ersten Generation. Doch sie wie auch die zahlreichen anderen deutschen Stars (unter anderem Stipe Erceg, Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz, Heino Ferch, Jan Josef Liefers, Nadja Uhl) haben nicht allzu oft Gelegenheit, ihre Figuren zum Leben zu erwecken.

Es wird keine Interpretation gewagt

Viel zu selten gibt es in diesem Film ruhige, erklärende, vermutende Momente. Es werden keine Mechanismen gezeigt, wie Terror entsteht. Es wird keine Interpretation gewagt. Das ist im Hinblick auf die Opfer natürlich sehr korrekt, weil zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Gefahr besteht, die RAF-Terroristen könnten als Menschen gezeigt werden. Aber das ist eben zugleich ein wenig unbefriedigend, ein bisschen voyeuristisch und somit in etwa das, was auch schon Eichingers Führerbunkerdrama "Der Untergang" zur Last gelegt wurde.


Quelle: teleschau – der Mediendienst