Wenn sich Kristin (Ursula Strauss) an ihrem 40. Geburtstag mit ihrem Arbeitskollegen Werner (Hary Prinz) zu einem Abendessen mit "erotischem Dessert" verabredet, unter der augenzwinkernden Bedingung, sie springe dann nackt aus der Torte, ist das in etwa so sexy wie eine Wurzelbehandlung. Aber was soll's, man ist eben nicht mehr jung und nimmt, was man kriegt. Als Werner den Abend aber mit Frau und Kindern verbringen muss anstatt mit ihr, ist die heimliche Geliebte endgültig gefrustet. Doch der Tag nimmt im Fernsehfilm "Eine Handvoll Briefe" (2015), der im Ersten nun erneut zu sehen ist, noch eine überraschende Wendung für Kristin.

Es soll Menschen geben, die erst nach jahrzehntelanger Freundschaft erkennen, dass sie füreinander gemacht sind. Als Liebende, nicht als Freunde. Lenny (Florian Teichtmeister) weiß schon lange, dass er und Kristin so ein Fall sind. Doch der schüchterne Fluglotse ist für seine ehemalige Klassenkameradin nicht mehr als "beste Freundin" und Kummerkasten. Eine undankbare Rolle, die er mit Gleichmut und Anstand erträgt.

Am Wiener Flughafen ersteigert Lenny einen liegengebliebenen Koffer und schenkt ihn Kristin zum Geburtstag, als doppelte Überraschung quasi, denn auch er selbst weiß nicht, was sich in der Kiste befindet. Zwischen Unterwäsche und Reiseutensilien findet sich dann doch noch Unerwartetes: eine Handvoll Liebesbriefe.

Besessen von dem Gedanken, die Briefe ihrer Empfängerin zurückzubringen, geht Kristin auf Spurensuche. Schnell macht sie einen Mann ausfindig, der einst mit der Unbekannten verheiratet war. Sie erfährt, dass die Besitzerin des Koffers vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz starb. Die Briefe muss ein anderer geschrieben haben als der Witwer: ein Liebhaber, vermutet Kristin. Einer mit romantischer Ader, kein unleidlicher Familienvater wir ihr Lover Werner. Und kein Kumpel-Typ wie ihr Lenny. Es ist eine schöne Fantasie, in die sie sich hineinsteigert. Und ausgerechnet Lenny soll ihr bei der weiteren Suche helfen.

Zähe und blutarme Angelegenheit

Es scheint, als wohnten zwei Seelen in der Brust des österreichischen Regisseurs Wolfgang Murnberger: Zusammen mit Autor Wolf Haas und Kabarettist Josef Hader drehte der 54-Jährige fürs Kino die wunderbaren schwarzen Komödien aus der Simon-Brenner-Reihe, zuletzt "Das ewige Leben" (2015). Nebenbei inszeniert Murnberger immer wieder Fernsehfilme, oft in deutsch-österreichischer Koproduktion. Auch "Eine Handvoll Briefe" ist so ein Nebenprodukt, das leider trotz einer wunderbaren Hauptdarstellerin und einer sympathischen Grundidee eine zähe und blutarme Angelegenheit geworden ist.

Kristin bei ihrer Suche zu folgen, ist wie einem Steinbock beim Anlaufen gegen eine Wand zuzusehen: Es ist eine zunehmend enervierende Angelegenheit, so frustrierend eben wie das Leben der 40-jährigen Protagonisten mit Torschlusspanik. Dabei brächte nicht nur Regisseur Murnberger das nötige Handwerkszeug für einen gelungenen Film mit, auch sein Drehbuchautor Uli Brée (gemeinsam realisierten sie 2010 "Die Spätzünder") besitzt den richtigen Humor, wie er schon vielfach unter Beweis stellte, etwa als kreativer Kopf hinter dem Serienerfolg "Vorstadtweiber".


Quelle: teleschau – der Mediendienst