Fast berühren sich die Lippen zweier Menschen, die sich vor exakt einer Minute in dieser Bar rein zufällig kennengelernt haben. Doch dann kommt die Schwester (Jessica Alba) der schönen Frau (Salma Hayek) dazu, die gleichzeitig die Freundin des attraktiven Mannes (Pierce Brosnan) ist: "Oh, du bist die berühmte Olivia!", begrüßt Richard seine Schwägerin in spe. "Ach, du bist der berüchtigte Richard?", entgegnet Olivia. Offizielle Bekanntschaft. Gerade noch gut gegangen – was man vom weiteren Treiben nur schwerlich behaupten kann. "Professor Love" wird nun im Ersten als Free-TV-Premiere ausgestrahlt.

Nach dieser delikaten ersten Begegnung macht Olivia keine Umschweife, ihre Bedenken gegenüber dem Aufreißer, dessen Lippen gerade beinahe auf ihren gelandet wären, zu äußern. Sie sprudelt in südländischer Manier vor Empörung. Und will ja nur das Beste für die geliebte kleine Schwester. Doch Kate zeigt sich hartnäckig, redet sich um Kopf und Kragen, rechtfertigt die Beziehung zu dem um viele Jahre älteren Richard, der ihr Professor an der Uni ist. Und ganz am Rande des hitzigen Intermezzos erwähnt sie: "Ich bin schwanger." Richard, der dem Streitgespräch unter Schwestern mit Unwohlsein beiwohnt, muss kotzen.

Die Eingangsszene von "Professor Love" verrät alles, was man über den Film wissen muss. Aber es gilt, noch 85 Minuten zu überbrücken, bis das vorhersehbare Ende eintritt. Von seinem anfänglichen Kotzanfall und der sichtlichen Verzweiflung über die Tatsache, sich nun an eine Frau binden und die Verantwortung für ein Kind tragen zu müssen, erholt sich der Gerade-noch-Womanizer erstaunlich schnell. Im Handumdrehen ist er mit der Kleinfamilie von Cambridge nach Kalifornien gezogen und präsentiert sich dort sogleich als hingebungsvoller Vater: "Ja, du magst an Mamas Brust ... Ich auch, wir verstehen uns!"

Wenige Jahre vergehen, die Beziehung zwischen Richard und seinem Sohn bleibt eng, stabil, intensiv, während die zu seiner Frau Kate abflaut. So ist es nicht der zu Treue verpflichtete Familienvater, der das gemeinsame Glück ruiniert, sondern Kate, die eine Affäre mit ihrem Arbeitskollegen Brian (Ben McKenzie) beginnt und Richard verlässt. Er bleibt seinem Sohn zu Liebe in Kalifornien und zieht ins Haus nebenan.

Ein emotionales Wirrwarr

Keine Überraschung, dass die schöne Schwester Olivia zeitgleich ihre Beziehung beendet und wie der Zufall es will, inmitten des Beziehungsgeflechts in Kalifornien landet. Nun stehen sich vier gegenüber: Richard, Olivia, Kate und Brian – dazwischen springt der kleine Jake ganz fröhlich und unbeirrt herum. Brosnan, Hayek und Alba gelingt es, ein emotionales Wirrwarr gezeichnet von Nähe und Entfremdung, von Herantasten und Abgrenzen zu präsentieren. Vor allem Hayek gibt dabei eine hinreißend schöne und humorvolle Figur ab. McKenzie mimt dazwischen den Naivling, der ungewollt irgendwie irgendwo hineingeraten ist, und punktet bei allen, deren Herzen er schon in der Serie "Gotham" erobern konnte.

Unerfüllte Romantik, die Suche nach der wahren Liebe – das ist es, worum es in "Professor Love" geht. Eine Endlosschleife von Sonnenuntergängen steht sinnbildlich dafür. Dialoge, die mit Shakespeare-Zitaten und Zeilen von William Butler Yeats gespickt sind, ebenfalls. Doch die hängen unmotiviert in der heißen Luft von Kalifornien und verpuffen, ehe sie Spuren hinterlassen können.

Die Suche nach der Romantik nimmt erst dann ein Ende, als der Konflikt zwischen Richard und seinem Vater Gordon (Malcolm McDowell) gelöst ist; dieser lehrte ebenfalls als Professor für romantische Literatur an der Universität. Ihm eiferte der Sohn ewig nach, doch blieb er nur ein Schatten in dessen Leben. Nach der Versöhnung findet Richard zu sich selbst, erkennt seinen Platz in der Welt und wohin die Liebe ihn trägt, landet in den Armen der einen, die ihn vom ersten Moment an als den, der er ist, begehrte, während die andere nur einem Trugbild hinterherjagte.

Was fehlt, sind Überraschungen

Tom Vaughan arbeitet die To-Do-Liste brav ab und schusterte einen Film nach einfach gestrickter, massenkompatibler Rezeptur: romantische Bilder, eine Handvoll amüsanter Dialoge, der Moment zum Heulen und das Happy End. Was fehlt, sind Überraschungen, das Unperfekte, nicht zuletzt auch ein spannendes Konzept. Wer Unterhaltung ohne Tiefgang sucht, der liebt "Professor Love" für 90 Minuten. Allen anderen erscheint die RomCom als luftleeres Gebilde, das sogleich spurlos aus dem Gedächtnis verschwindet.


Quelle: teleschau – der Mediendienst