Miniserie bei ARTE

"Eine Hochzeit mit Folgen": Die Fassade bröckelt

von Wilfried Geldner

Auf der Hochzeit ihrer Tochter wird die schwangere Grace beim Seitensprung mit ihrem Schwager in spe erwischt. Das Familiendrama nimmt mit satirischem Unterton seinen Lauf.

ARTE
Eine Hochzeit mit Folgen
Serie • 17.12.2020 • 21:45 Uhr

Die Hochzeit der jungen Meja (Molly Nutley) geht nicht ohne Pannen ab: (Carl Johan H:son Kjellgren), der Brautvater, kommt zu spät – er sitzt noch im Auto, telefoniert, während der Pfarrer (Andreas T Olsson), Mejas Onkel übrigens, der gerne mal zum Flachmann greift, schon mit der Trauungszeremonie beginnen will. Die Großfamilie ist in Aufruhr, es wird Szenen geben auf allen Seiten. Besonders Meja weist ihren Vater, der immer zu spät kommt und eigentlich nie wirklich da war in ihrem Leben, hart zurecht.

Turbulent bleibt es in Colin Nutleys schwedischem Vierteiler von 2019, der im Original sehr zu Recht "Eine Hochzeit, eine Taufe und eine Beerdigung" heißt. Immer wieder wird das bürgerliche Familienglück auf die Schippe genommen, bröckelt der Lack von der Fassade. Während Mejas Hochzeit mit der schwarzen Sunny (Angelika Prick) dabei als eher selbstverständlich wahrgenommen und gefeiert wird, reift der Hochzeits-Seitensprung der 51-jährigen Grace (großartig: Helena Bergström) zum Skandal, den es zu verbergen gilt.

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Die Hochzeit ist, mit allem Drum und Dran, vom volksliedhaften Kirchengesang bis zu den triefigen Reden der Brautväter und -mütter samt Hochzeitsparty fantastisch inszeniert, der Seitensprung geschieht mit der gebotenen Peinlichkeit. Und er bleibt nicht ohne Folgen.

Das gewitzte Drehbuch will es, dass sich nahezu zeitgleich mit der späten Schwangerschaft von Grace beim gleichgeschlechtlichen Hochzeitspaar der Kinderwunsch meldet: ein Ansinnen, das die gutbürgerliche Familienschaft erst einmal auf eine harte Probe stellt. Doch ist ja alles schon geplant: Gleichzeitig wollen beide schwanger werden, ein guter Freund steht als Samenspender schon bereit.

Dass Colin Nutley ("Fannys Farm", 1992) das alles nicht zur Klamotte verkommen lässt, sondern ein dialogsicheres Melodram aus der Beobachtung einer besseren Gesellschaft auf dem Lande daraus macht, ist die gute Seite dieser kleinen Serie. Allerdings wirkt die Geschichte etwas zwanghaft in Episoden zerteilt. Etwas zu oft kommentiert die schwanger gewordenen Heldin, was zuvor bereits zu sehen und zu hören war.

Doch dank eines starken Ensembles aus mehreren Generationen, aber auch weil Nutley seine skrupulösen Figuren zwar mit satirischer Schärfe unter die Lupe nimmt, sie aber nicht an billige Komik verrät, gelingt ihm ein etwas anderer Familienfilm – ein Melodram, das in opulenten Bildern mit feiner Melancholie bürgerlich-konservative Verstocktheit auf die Schippe nimmt. ARTE zeigt die vier Folgen jeweils rund 45 Minuten langen Folgen hintereinander.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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