Film bei ARTE

"Happy End": Eine schrecklich dysfunktionale Familie

von Heidi Reutter

Aus kühler Distanz erzählt der preisgekrönte österreichische Regisseur in "Happy End" von den Abgründen innerhalb einer Unternehmerfamilie in Calais. Im Anschluss zeigt ARTE eine Doku über das österreichische Kino.

ARTE
Happy End
Drama • 20.05.2020 • 20:15 Uhr

Der Österreicher Michael Haneke gehört zu den spannendsten Erzählern des europäischen Films. Seine Werke sind bisweilen perfide und provokative Gesellschaftsstudien mit unberechenbarer Dramaturgie. Man weiß nie, welche Grausamkeit – emotional oder physisch – einen in der nächsten Szene erwartet. In seinem Film "Happy End" (2017), den ARTE nun als Erstausstrahlung präsentiert, bleibt Haneke seinem Stil und seinen Themen treu und skizziert mit scharfer Beobachtungsgabe und aus kühler Distanz die Abgründe innerhalb einer scheinbar ehrbaren Dynastie.

Schauplatz des Dramas ist Calais, wo die Familie Laurent eine erfolgreiche Baufirma betreibt. Deren Chefin ist die unterkühlte, taffe Anne (wie immer kontrolliert: Isabelle Huppert), die ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) als Geschäftsführer eingesetzt hat. Allerdings kriegt er nichts auf die Reihe und hat mit den eigenen Dämonen zu kämpfen.

Das gilt in anderer Weise auch für Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz), dessen Ex-Frau einen Suizidversuch unternommen hat. Die gemeinsame, zwölfjährige Tochter Eve (Fantine Harduin) ist deshalb in die Villa der Laurents eingezogen, wo sie der Affäre des lieblosen Vaters auf die Schliche kommt. Geborgenheit und das Gefühl von Zugehörigkeit wird sie dort nicht finden, weil jeder im Haus mit sich selbst beschäftigt ist. Das gilt auch für den groben, selbstgerechten Patriarchen Georges (Jean-Louis Trintignant), dem Vater von Anne und Thomas, der mit seinem Leben abgeschlossen hat.

Michael Haneke entwirft in seinem zynisch betitelten "Happy End" ein sehr nuanciertes, gänzlich Empathie-freies Psychogramm einer dysfunktionalen Familie. Sie ist letztlich beispielhaft für unsere egozentrische Gesellschaft, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet und jeder sich selbst der Nächste ist. Auch die Flüchtlingsfrage wird am Rande thematisiert: In der Hafenstadt Calais stranden immer wieder Afrikaner, die als billige Arbeiter herhalten müssen und die der Taugenichts Pierre ausgerechnet zum Geburtstag seines Großvaters anschleppt.

Darüber hinaus hat der Film auch eine andere erzählerische Ebene, die sich lange nicht einordnen lässt: Kleine, im Hochformat gedrehte Handy-Filmchen aus dem Familienleben unterbrechen immer wieder die eigentliche Handlung, ohne dass man zunächst weiß, wer diese Videos eigentlich dreht. Der Voyeurismus dieser Clips, in denen beispielsweise einem Hamster Tabletten verabreicht werden, löst Beklemmung aus. Sie sind genauso unpersönlich wie das Klima, das in der Villa der Laurents herrscht.

Regisseur Michael Haneke ist einer der bedeutendsten Filmschaffenden aus Österreich. Dass unter anderem er im Anschluss an das Drama in der Dokumentation "Cinema Austria – Die ersten 112 Jahre" (22 Uhr) zu Wort kommt, ist also nur folgerichtig. Von frühen Klassikern bis zum "New Austrian Cinema" wirft die vom austro-britischen Regisseur Frederick Baker präsentierte Doku einen Blick hinter die Kulissen. Aktuell haben österreichische Filme den Ruf als "Feel-Bad-Movie" weg. Allerdings scheinen die Kreativen der Alpenrepublik damit sehr gut zu fahren.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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