Man kann Streamingdiensten wie Netflix sicher einiges vorwerfen – kaum jedoch, die relative Freiheit von Quoten, Studios und Sendern nicht ausgiebig zu nutzen. Neben außergewöhnlichen Serienformaten abseits des Mainstreams steuert der Konzern auch mit seinen nichtfiktiven Formaten oft dahin, wo es wehtut: "Ikarus", die schon vor Veröffentlichung gepriesene und ausgezeichnete Dokumentation, ist der bis dato wohl gewagteste Vorstoß in Sachen investigativer Streamingproduktionen.

Der hochspannende Film des US-Regisseurs Bryan Fogel, der ab 4. August auf Netflix abrufbar ist, sticht in ein lebensgefährliches Wespennest: Doping im Profisport. Durch einen experimentellen Aufputsch-Selbstversuch gerät der Filmemacher an einen russischen Dopingexperten – und schlittert mit ihm in einen staatlichen Sportskandal, der einem Realpolitthriller à la Snowden in nichts nachsteht.

Unangenehme Spritzen

Alles beginnt als ein interessantes Experiment. Bryan Fogler, Regisseur von "Jewtopia" und leidenschaftlicher Amateur-Radsportler, will herausfinden, ob er seine sportliche Leistung noch steigern kann. Mit Hilfsmitteln, wie sie der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong benutzte, dessen vielfacher Betrug kurz vor Drehbeginn an die Öffentlichkeit kam. Kann Fogler mit den gleichen Substanzen, dem gleichen Doping-Programm seinen Platz bei der harten Haute Route verbessern?

Er wagt den Selbstversuch, jagt sich unangenehme Spritzen in den Hintern – und gewinnt einen der erfahrensten Dopingprofis der Welt als medizinischen und biochemischen Coach: Gregory Rodschenko, den damaligen Anti-Doping-Beauftragten Russlands.

Aus der herzlichen Bekanntschaft über Skype entsteht eine Freundschaft; Rodschenko ist trotz seiner heiklen Position als Leiter der wichtigsten Dopingkontrollstelle unter Putin voller Elan, seinen neuen amerikanischen Freund mit Mittelchen aller Art anzuleiten. Seine wichtigste Aufgabe jedoch lautet: die anstehenden Dopingtests beim Radwettbewerb durch Manipulation negativ ausfallen zu lassen. Schon zu Beginn der mitreißenden Doku scheint klar, dass Rodschenko – ein humorvoller Sympathieträger – sich mit gefälschten Urinproben auskennt wie kein Zweiter. Für Fogler folgt eine Enttäuschung; trotz Anleitung und Doping schneidet er bei der Haute Route schlechter als im Vorjahr ab. Doch das ist schnell vergessen: Was dann folgt, erinnert an Politthriller, an Aufdeckungsleaks vom Schlage eines Snowden.

Zufällig, so suggeriert es zumindest die hochspannend geschnittene Doku, bricht sich während des vergleichsweise harmlos anmutenden Experiments einer der größten Sportskandale aller Zeiten Bahn: Eine ARD-Doku enthüllt 2014, wie der russische Staat seine Sportler systematisch dopt. Die Olympischen Winterspiele in Sotschi sind vorbei, Russland geht mit Abstand als Sieger hervor. Der Vorwurf: Es existiert ein ausgefeiltes staatliches Dopingprogramm, das die Sportler nicht nur versorgt, sondern mit professionell aufgezogenen "sauberen" Urin-Banken auch die streng kontrollierten Dopingkontrollen manipuliert. Mittendrin als einer der Hauptprotagonisten: Gregory Rodschenko.

Wie im spannendsten Agenten-Thriller

Der russische Doping-Experte bestätigt in "Ikarus" alle Vorwürfe, alle hätten davon gewusst, vom Sportminister bis Putin persönlich; 30 der 32 Goldmedaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen; ein perfide kluges System habe den Austausch schmutziger Urinproben gegen saubere gewährleistet. Nun, da die Enthüllungen im Raum stehen, gilt Rodschenko als hochgefährdet: Zunächst hält er als Sündenbock her, tritt von seinem Amt zurück – schließlich will man keineswegs von den Spielen in Rio 2016 ausgeschlossen werden. Doch auch das Leben des Chemikers und einstigen Sportlers ist in Gefahr – extrem verdichtet, in wackeligen Schnitten, verstärkt von Rodschenkos dramatischer Art, spitzt der Film die Lage zu. Wie im spannendsten Agenten-Thriller flüchtet er mit Hilfe des Filmemachers Fogler in die USA, um dort schließlich sein Wissen und seine gesamte Vorgeschichte zu enthüllen.

Zwar steht der Aufklärungs- und Enthüllungsaspekt der Netflix-Doku im Vordergrund: Die Verstrickung und Korruption staatlicher Behörden beim professionellen, systematischen Betrug im Profisport aufzudecken, von allen Seiten im Detail zu beleuchten, ist ein riesiges Verdienst. Zugleich fokussiert "Ikarus" auch auf die persönlichen Opfer und faulen Kompromisse, die ein Mann wie Rodschenko eingehen musste oder auch wollte, um in Putins Russland seine Position und sein Leben zu erhalten. Und nicht zuletzt reflektiert die Doku – trotz aller Thriller-Inszenierung und reißerischen Mittel – auf die Rolle von Filmemachern und Journalisten: Gibt es so etwas wie objektive Berichte überhaupt? Wie viel Risiko und illegale Tätigkeit ist erlaubt, wenn es um autoritäre Regimes und ungeheuerliche Skandale geht? In jedem Fall wird es schwer, nach "Ikarus" (auf Netflix ab 4.8.) eine kommerzielle Sportveranstaltung mit demselben Blick zu betrachten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst