Die TV-Zoologen haben es natürlich gleich gemerkt, dass die Arztreihe "Praxis mit Meerblick" eine Kreuzung aus dem Tanja-Wedhorn-Vorläufer "Reiff für die Insel" und der wohlbekannten "Eifelpraxis" ist. Trotzdem: Wie schon der erste "Praxis"-Film, "Willkommen auf Rügen" im April 2017, überzeugt auch der zweite Teil der Inselsoap durch Wirklichkeitsnähe und Unterhaltungswert zugleich. Auch wer Teil eins nicht gesehen hat, wird sofort mit- und eingenommen von der sympathischen Medizinerin Nora Kaminski (Tanja Wedhorn), der Ärztin "ohne Doktortitel", die aus dem Ruhrpott auf die Ostseeinsel Rügen kommt und sich dort erst mal gegen leicht verschrobene Nordlichter durchsetzen muss. "Praxis mit Meerblick – Brüder und Söhne" ist eine gelungene Mischung aus Mulloper und Familienfilm.

Erzählt wird diesmal vor allem, wie die Ärztin auf die Brüder Butenschön trifft. Beide sind Fischer, die Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben. Nun sorgt der Ältere für den Jüngeren, der ein Handicap hat – Down-Syndrom. Doch was sich als Hindernis erweisen könnte, wird hier mit Witz und Fantasie zum Antriebsmotor. Robin Butenschön (Max Dominik) nimmt das Leben, wie es kommt, und selbstverständlich findet er auch an der freundlichen fremden Ärztin Gefallen und stellt die Verbindung zum fürsorglichen Bruder (Shenja Lacher) her, wenn er gleich zum Essen lädt: "Ich koche Auflauf", ruft er. Wer könnte da widerstehen!

Natürlich kommt auch die Rügen-Reihe nicht ganz ohne muntere Klischees aus. Bald wohnen sie alle unter einem Dach beim Praxispartner Dr. Freese (Stephan Kampwirth). So was geht in den meisten Serien schief und wirkt schrecklich aufgesetzt. Hier aber, wohl ein Verdienst der Abteilung Casting und der Regisseurin Sibylle Tafel, wirkt alles natürlich und unaufgeregt. Überhaupt herrscht in der Rügener Praxis ein so freundlicher wie bestimmter Ton. Manche Diagnose könnte auch für den Zuschauer lehrreich sein, etwa dass mit einer Streptokokken-Infektion nicht zu scherzen ist.

Das alles schützt aber Nora Kaminski nicht vor Ungemach. Im Internet wird sie schon mal gemobbt – wie gut, dass ihr die Arzthelferin nebst eigenem Sohn zur Seite steht. Und dann ist da ja auch noch die alte Geschichte von einem Potenzmittel, nach dessen Verschreibung ein Patient einen Herzinfarkt erlitt. Nicht auszuhalten, wenn das alles in falsche Hände gerät – aber hier stimmen Tonfall und Timing, wo andere gerne durcheinanderplappern. Selbst die meist bluesige Musik ist mit Bedacht überlappend eingesetzt, die zäsurierenden Luftaufnahmen muss man wohl schlucken. Wenn also heile Welt, dann bitte so. Und für die Frau Doktor den Daumen im Beurteilungsbogen ganz nach oben. Der nächster Film heißt "Der Prozess", er läuft am Freitag, 20. April.


Quelle: teleschau – der Mediendienst