Der ZDF-Zweiteiler "Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod" verbindet zwei TV-Genres, die man im Kopf nur schwer zusammen bekommt: Gothic-Grusel und DDR-Zeitgeschichte. Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld erklärt den Reiz des gewagten Projekts und was die Räuberpistole mit der echten DDR zu tun hat.

Lesen Sie hier eine Filmkritik zu "Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod".

Ronald Zehrfeld, geboren 1977 in Ost-Berlin, galt lange als Spezialist für "kraftvolle" junge DDR-Charaktere. Bekannt wurde er 2010 als Ermittler in Dominik Grafs kriminell gutem Berlin-Epos "Im Angesicht des Verbrechens" – der wohl ersten deutschen Qualitätsserie moderner Prägung. Im ZDF-Zweiteiler "Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod" (Montag, 18. Februar, und Mittwoch, 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr) spielt der frühere Spitzen-Judoka einen Volkspolizisten Mitte der 80er im Ost-Harz. Dort wird er mit einer Mordserie konfrontiert, die es – laut Staatsdoktrin – in der DDR eigentlich gar nicht geben sollte: Ein Serientäter mit Hang zum Okkulten hat es auf schöne junge Mädchen abgesehen. Was ist dran an dieser bildstarken Räuberpistole des ZDF? Gab es wirklich Serienmörder in der DDR? Und arbeiteten – wie im Film – Ost- und Westbehörden tatsächlich gemeinsam an der Aufklärung von Taten, die Deutsche aus beiden Landesteilen betrafen?

prisma: Sie sind häufig in DDR-Stoffen zu sehen. Ist das Zufall oder verkörpern Sie einen Typus Mann, den Filmemacher gerne dorthin sortieren?

Ronald Zehrfeld: Ich glaube nicht, dass es Zufall ist. Wir leben – und ich arbeite – in einer Zeit, in der viele Stoffe, die mit der DDR zu tun haben, verfilmt werden. Ich selbst habe eine DDR-Vergangenheit. Trotzdem entscheide ich bei jedem Projekt nach dem Drehbuch. Wenn es etwas in mir bewegt, bin ich dabei. Wenn nicht, dann nicht. Egal, ob DDR oder nicht.

prisma: Sie haben jetzt Ihre Seite geschildert. Offenbar fällt aber vielen Besetzern Ihr Name ein, wenn es um derlei Rollen geht. Warum?

Zehrfeld: Vielleicht bringt meine Spielweise etwas mit, was die Erinnerungen oder Vermutungen dieser Leute über die DDR antriggert. Nach dem Motto: "Der Zehfeld macht das ganz gut mit dem DDR-Genre" – wollte ich fast schon sagen. Dabei ist DDR natürlich kein Genre (lacht), sondern ein Land, das es nicht mehr gibt und in dem viele unterschiedliche Dinge passiert sind und gelebt wurden.

prisma: Sie fingen an als junge Naturgewalt. Ein Kerl wie ein Baum, offen, direkt – ein wenig proletarisch.

Zehrfeld: Es gab damals sicher auch andere, kraftvolle Typen, die aus den alten Bundesländern kamen. Und natürlich waren auch nicht all meine frühen Rollen so. Aber was es tatsächlich in der DDR gab, war – bei manchen Leuten – war dieses Offene und Direkte. Auch wenn es widersprüchlich klingt in einem Land, das seine Bürger stark kontrollierte. Vielleicht war diese Offenheit im Privaten ein Überlebensmechanismus und Ausgleich zur Gängelung durch das System.

prisma: Sie waren zwölf Jahre alt, als die Mauer fiel. Wie viel DDR-Prägung haben Sie überhaupt noch im Blut?

Zehrfeld: Zwölf Jahre Kindheit – das hört sich im Vergleich zu 42 Lebensjahren insgesamt erst mal nicht viel an. Es waren aber die prägende Jahre der Kindheit – in denen ich zudem noch die Disziplierungsmaschine DDR erlebte. Als Leistungssportler im Judo, als Jung-Pionier, Thälmann-Pionier und so weiter. Wahrscheinlich gehöre ich zur letzten Generation, die sagen kann: Ja, ich habe die DDR noch erlebt. Meine Tochter bittet mich ab und an mit leuchtenden Augen, ihr von jener Zeit zu erzählen.

prisma: Der Zweiteiler "Walpurgisnacht" erzählt von einer gemeinsamen Mordermittlung von west- und ostdeutschen Ermittlern auf DDR-Gebiet. Genauer gesagt: im Harz. Wahrheit oder Fiktion?

Zehrfeld: Sagen wir so – es hätte eine solche Ermittlung geben können. Unsere Geschichte spielt zur Zeit der Annäherung, als Gorbatschow Glasnost und Perestroika ausgerufen hatte. Erich Honecker ist zum ersten Mal in die BRD gereist. Gleichzeitig hatte die Bundesrepublik die DDR ja nie als Staat anerkannt. Was ebenso absurd war, wie die Tatsache, dass man im Osten sagte: Bei uns gibt es keine Verbrecher, keine Mörder, keine Psychopathen. Diese Geschichte, die wir erzählen, spielt als Genrefilm also auf fremdem Territorium – was den Reiz dieses Films ausmacht.

prisma: Wurden solche Verbrechen in der DDR unter Verschluss gehalten?

Zehrfeld: Ich glaube, lange Zeit schon. Der erste Serienmord, über den die DDR-Öffentlichkeit informiert wurde, war "der Fall Hagedorn". In Eberswalde hatte ein Triebtäter Ende der 60er, Anfang der 70er drei Jungen ermordet. Die Volkspolizei hatte sich damals an die Öffentlichkeit gewendet, was im Nachhinein als großer Schritt zu sehen ist. Sie wussten wohl wirklich nicht mehr weiter. Normalerweise gab es ja solche Täter in der DDR nicht – wie es hieß. Das wurde unter den Teppich gekehrt.

prisma: "Walpurgisnacht" ist ein Gruselfilm oder auch Mystik-Thriller, der in der DDR spielt. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick filmisch nicht zusammenzupassen scheinen ?

Zehrfeld: Exakt, genau deshalb hat mich der Film ja auch interessiert. Viele DDR-Filme erzählen sehr vordergründig vom System. Hans Steinbichler, der Regisseur, hat hier jedoch lediglich die Kulisse der DDR und ihres Systems verwendet, um eine ganz andere, unerwartete Geschichte zu erzählen. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre und Ästhetik.

prisma: Die DDR wird in der Regel farblos, trist und öde gezeichnet. Das Grusel-Genre hingegen arbeitet mit sehr satten Farben – nicht zuletzt viel Blut.

Zehrfeld: Ja, wir fanden genau diesen Gegensatz interessant. Filmisch ist das natürlich ungewohnt – und ich bin mal gespannt, ob der Zuschauer diese ungewohnte Genre-Mischung mitgehen wird.

prisma: Hat der Harz nicht ohnehin etwas Mystisches?

Zehrfeld: Ich würde sagen, ja. Gedreht haben wir allerdings in Tschechien, da es dort noch Orte gibt, die aussehen, wie der Ostharz damals in den 80ern. Wir drehten in der Umgebung von Prag. Es wird immer schwieriger für Film-Produktionen, solche Orte zu finden. In Deutschland ist es fast unmöglich geworden. Gerade der Ost-Harz ist komplett durchsaniert. Man müsste wahrscheinlich eher in den Westen des Harzes gehen, um die alte DDR zu finden. Ich glaube, dort ist seit damals sehr viel weniger modernisiert worden. Aber ich glaube, uns sind da ein paar sehr stimmungsvolle Bilder gelungen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst