Bruno und seine Frau Katja wollen Urlaub an der Côte d'Azur machen. Als die IT-Spezialistin nach einem Treffen mit einem alten Freund in Marseille nicht mehr zurück kommt, sucht Bruno Hilfe bei einer Taxifahrerin.

Marseille gilt nach wie vor als Zentrum der Kriminalität, vor allem für Krimiautoren und -produzenten. Die Krimi-Tradition ist groß, sie reicht von der berühmten Marseille-Trilogie des Autors Jean-Claude Izzo aus den Neunzigern bis zur ersten "europäischen" Netflix-Serie "Marseille", in der Gérard Depardieu einen zweifelhaften Altbürgermeister gab. Längst haben Korruption, windige Baugeschäfte im Zuge der Gentrifizierung und Bankdelikte die gute alte Mafia mitsamt ihren Drogengeschäften abgelöst. Auch im bilderprallen Degeto-Samstagskrimi "Spurlos in Marseille" (Drehbuch: Gernot Krää, Regie: Roland Suso Richter) bekommt es der Zuschauer im Kern mit einem Vergehen mit weißer Weste zu tun, mit Bankenkriminalität und Steuerhinterziehung.

Nach einem etwas langwierigen Ferienstart mit der tumultuösen Verabschiedung von Kindern und Schwiegermutter taucht der fürsorgliche fünftagebärtige Hausmann Bruno (Fabian Busch) ins sinistre Altstadtleben Marseilles ein. Eigentlich war die Ferieninsel Porquerolles an der Côte d'Azur als Ziel geplant. Doch nach der Landung überfällt Brunos Ehefrau Katja (Jeanne Tremsal), IT-Spezialistin in einer Frankfurter Bank, ihren Mann mit der Nachricht, sie müsse noch schnell ihren früheren Studienkollegen und jetzigen Journalisten Jean-Luc in einer wichtigen Sache treffen. Es kommt, wie es kommen muss: Katja bleibt verschwunden – offensichtlich wurde sie entführt. Wie gut ist es da, dass es Aliya (Sabrina Amali), die knallharte Taxifahrerin aus Marokko gibt, die Bruno auf seiner verzweifelten Suche nach Katja – etwas widerwillig – zur Seite steht.

Ihre burschikosen Ansagen, etwa, wenn es um die zögerliche Begleichung ihrer über den Daumen gepeilten Taxigebühren geht – "Du bist eine scheiße deutsche Bürokrat-Spießer!" -, lassen an authetischer Frische und Frechheit nichts zu wünschen übrig. Aliya, dieser dubiose marokkanische Schutzengel, wird den wütend-verängstigten Bruno aus Frankfurt durch alle Höhen und Tiefen seiner unvorhergesehenen Stadtreise geleiten: Ins Marokkaner-Viertel der Ex-Flüchtlinge genauso wie zum Treffpunkt mit dem geheimnisvollen Paten, der hinter allem steht und übrigens aus dem vorrevolutionären Tunesien kommt.

Wohl um nicht alles auf Marseille und seiner Unterwelt abzuladen, mischen sich alsbald Banker aus der Frankfurter Heimat ein, die nicht weniger bedrohlich wirken als ihre franco-maghrebinischen Pendants. Der Whistleblower-Plot, wenn man ihn so nennen darf, der das Ganze mitsamt seinen Offshore-Listen aus dem Internet zusammenhält, ist bald erraten. So bleibt es vor allem der Regie des erfahrenen Regisseurs Roland Suso Richter ("Zürich-Krimi", "Mogadischu") überlassen, eine allzu gleichförmig dahinfließende Spannung mit viel Kamera-Rarfinesse und schnellen Schnittfolgen auszugleichen. Dabei werden Marseille und sein Meer ausgiebig ins Bild gerückt. Eine aberwitzige Kino-Verfolgungsjagd über Balkone und Ziegeldächter mit dem Blick auf die Wahrzeichen der Altstadt könnte optisch nicht opulenter sein. Und, ja, Bruno und seine marokkanische Taxlerin – sie sind, sie werden ein hübsches Paar. Frage keiner, wie Bruno, der Arme, aus dieser Beziehung wieder herauskommen soll! Doch findet sich erst wieder Brunos Frau, dann wird wohl alles wieder gut in diesem Marseiller Märchen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH