09.10.2015 Krimi im Ersten

Tatort Fremdenhass: Alles aus mit Katharina Lorenz

von Detlef Hartlap
Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) am Unglücksort: Ein mutmaßlicher Schleuser ist in Polizeigewahrsam über Nacht in seiner Zelle verbrannt.
BILDERGALERIE
Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) am Unglücksort: Ein mutmaßlicher Schleuser ist in Polizeigewahrsam über Nacht in seiner Zelle verbrannt.  Fotoquelle: NDR/Alexander Fischerkoesen

Dies ist nun schon der letzte Tatort für Petra Schmidt-Schaller (35) als Katharina Lorenz. Sechs sind es geworden. Sie kam viel rum in diesen sechs Folgen, angefangen in Hamburg als Musterschülerin frisch von der Akademie, mauserte sich später auf Langeoog und in Wilhelmshaven zur verlässlichen Kollegin von Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), fiel in Oldenburg nach reichlich Milch mit Wodka zu ihm ins Bett, ging aber beim nächsten Fall in Hamburg (bei einer großen Geiselnahme) wieder zum Sie über und gibt nun auf dem platten Lande (Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, egal) ihrem Überdruss am Kommissarinnendasein eindrücklich Ausdruck.

Vorbei mit Katharina Lorenz. Sie mag den Polizeidienst nicht mehr, kann auch die Ausraster von Thorsten Falke, der einen vermeintlichen schwarzen Schleuser halbtot prügelt, nicht gutheißen und von den örtlichen Kollegen in Uniform ist sie eh angeekelt.

Innere Kraftverhältnisse

Der Fall: Ein Flüchtling aus Afrika stirbt auf unerklärliche Weise nachts in der Arrestzelle der Polizei. Lorenz und Falke geraten eher zufällig in die Geschichte, kommen dann aber, was zweifellos für sie spricht, nicht von ihr los. Was ist passiert? Bei der Polizei kann es nichts scheinbar Unerklärliches geben. Der Spürhund in Falke ist geweckt.

Der "Tatort: Verbrannt" wird zu einer Studie der inneren Kraftverhältnisse in einem mittelgroßen Polizeirevier fernab jeglicher Aufsicht durch übergeordnete Behörden. Man kennt sich, deckt sich, feiert miteinander. Werner Wölbern gibt den jovialen Vater der Truppe, der natürlich auch mal streng sein muss, alles nur zum Guten, versteht sich.

Die Flüchtlinge und Immigranten hausen unterdessen außerhalb des Ortes in einem Getto, ohne Chance auf Arbeit, auf unduldsame Weise geduldet, und wenn einer von ihnen etwas mit einer blonden einheimischen Tochter anfängt (dass es auch umgekehrt gewesen sein könnte, wird nicht in Erwägung gezogen), dann gibt das Ärger und erfordert Verhinderung.
Die inneren Unterdrückungsmechanismen der Polizei offenbaren sich am Beispiel Maria Sombarts (Annika Kuhl, 40), die mit auswärtigen Ermittlern von der Bundespolizei reden möchte, aber doch auch Angst davor hat ("Sprechen Sie mich nicht an") und die das große Zittern überkommt, wenn sie in Gegenwart ihres Dienststellenleiters Werl (besagter Werner Wölbern) eine Aussage machen soll.

Mobbing bei der Polente. Oft gezeigt, viel beschrieben, am besten dargestellt von der damals blutjungen Anneke Kim Sarnau in "Die Hoffnung stirbt zuletzt" (2002), als sie vom damals noch schlankeren Axel Prahl, der ihren Chef spielte, zum Sex genötigt wurde.

Annika Kuhl ist unter der Regie von Thomas Stuber beeindruckend. Sie entblößt ihre Angst in wehrloser Nacktheit, und doch hält diese Rolle keinen Vergleich zur bisher besten aller "Polizeiruf 110"-Folgen aus, "Polizeiruf 110 - Kinderparadies", 2013, in dem sie unter der Regie ihres Mannes Leander Haußmann eine mörderische Kita-Leiterin gab.

Wie beim Showdown

Der Film setzt ein mit einer langen Fahrtsequenz, untermalt von einer sich zaghaft mokierenden Intonation der Nationalhymne, was einem Versprechen auf heftige Kritik an deutschen Zuständen gleichkommt. Aber so ganz vermag das Geschehen diesen Anspruch nicht zu erfüllen. Man ist gespalten in seiner Haltung den Flüchtlingen gegenüber, Thorsten Falke ist es, dem seine Ausbildung zum Polizisten nicht vor tiefsitzender Aggressivität bewahrt; die uniformierte Polizei ist es, die Immigranten der zweiten Generation ohne Weiteres in ihren Corpsgeist einbezieht, die Neuankömmlinge indessen von  Herzen verachtet.

Werner Wölbern, der ein Beispiel überkommenen Deutschtums vorstellen soll, spielt eine Woche später im Dortmunder Tatort noch einmal die gleiche Rolle, nur ohne Uniform. So viel zur Koordination bei der ARD, so viel zum Casting, dem zu diesem Thema offenbar nur ein Name unter allen Schauspielern einfällt.

Petra Schmidt-Schaller, das muss auch gesagt werden, weicht natürlich nicht aus Zweifel an der Polizeiarbeit aus dem Leib von Katharina Lorenz, sondern weil ihr, wie sie im Interview mit ZEIT-online darlegte, die Person Katharina Lorenz so richtig über hat.

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