"Das, was sie getan hat, das war krank. Und deswegen wurde sie auch krank." So einfach rechtfertigt Torsten Schmidt (David Zimmerschied), dass seine Freundin Sonnhild Böttger (Gro Swantje Kohlhof) gerade in ihrem Bett verreckt ist. Und auch der Hausarzt, der selbst aussieht wie der wandelnde Tod, hat den Totenschein, auf dem Diabetes als Todesursache steht, ziemlich leichtfertig unterschrieben. Ein guter Grund für Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), auf dem Schwarzwaldhof zu ermitteln.

Sonnhilds Eltern aber, Volkmar (Nicki von Tempelhoff) und Almut (Alexandra Schalaudek), sind geschockt und verarbeiten die Trauer auf ihre ganz eigene Weise: der Vater in Arbeit, die Mutter in Stille. Und beides passt in das Weltbild dieser Familie, deren völkische Gesinnung sich hinter einer fortschrittsfeindlichen Lebensweise oder der Pflege heimischer Obstsorten verschanzt – und hinter Phrasen wie "Land und Leute gehören zusammen". Zumindest anfangs. Später, da fallen auch Begriff wie "Wehrbauern", die sich im "Krieg gegen die Umvolkung" befänden, die ein "Bollwerk gegen den Volkstod" sein wollen, eine "Schutzmacht für deutsches Blut". Tiefbrauner Boden im Schwarzwald. Auch das könnte man Lokalkolorit nennen.

Für die beiden Ermittler keine einfache Situation. Während Tobler diese Gemeinschaft, die sich da in der Nähe von Freiburg eingenistet hat, zutiefst beunruhigend und absonderlich findet, hat Berg ein Problem: Er kennt Volkmar Böttger von klein auf und schwankt zwischen Sympathie und Bewunderung. Trotzdem graben sie weiter – und entdecken nicht nur bei Torsten so manche Ungereimtheit.

Trotz des hochaktuellen Falls ist "Sonnenwende" ein ruhiger, getragener, teils romantisch schöner, teils gespenstischer Tatort, der in seinen besten Momenten vor allem die Mechanismen offenlegt, die hinter Fremdenfeindlichkeit stecken, hinter den Ängsten der Menschen. Der die Verlockung beschreibt, die das Völkische auf manche Menschen ausübt, die Verblendungen. Dahinter aber zeigt er auch die Verzweigungen auf, die Schlupflöcher im System, die perfiden Strategien, mit denen Neonazis wie die Böttgers versuchen, bestehende soziale Strukturen zu unterwandern, um ihre Ideologie zu verbreiten.

Dabei wird es dem Zuschauer schwer gemacht, Sympathien zu entwickeln, gleich für welche Rolle. Selbst die beiden Ermittler bilden da keine Ausnahme. Tobler mit ihrer spröden, manchmal unbeteiligten Art und Berg mit seiner Naivität und seinem Hadern sind beide nicht gerade das, was man Identifikationsfiguren nennt. Von den Böttgers mal ganz abgesehen.

Einzig für Mechthild Böttger, Sonnhilds jüngere Schwester, kann man so etwas wie ein Schutzbedürfnis entwickeln, ihre Zweifel, ihren Stolz, ihre Trauer bringt Janina Fautz so eindringlich auf den Bildschirm, dass es schwerfällt, dieses Mädchen nicht zu mögen, ihre Blicke und die kleinen Gesten vermitteln so viel von dieser Welt der Abkapselung, aus der sie immer wieder einen Blick nach draußen erhascht, dass Verständnis aufkommt. Und manchmal sogar Mitgefühl.

Die Schauspieler, selbst so bekannte Gesichter wie Nicki von Tempelhoff oder Alexandra Schalaudek, gehen dabei ganz auf in diesen Rollen, sie verschwinden darin, was ihr Spiel überzeugender macht als man es von einem Sonntagabend im deutschen Fernsehen oft gewohnt ist. Und dann ist da, ganz klassisch, auch noch Spannung gepaart mit Drama, eine ideale Kombination, die sich in einem waschechten Finale entlädt. Und so kann auch der zweite Tatort für das Schwarzwälder Ermittlerteam überzeugen, vor allem aufgrund des Personals.