Regisseur von „Das Lehrerzimmer“

Berlinale-Gewinner 2026: Filmkritik zu „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak

05.03.2026, 10.49 Uhr
Zum ersten Mal seit 22 Jahren geht der Goldene Bär wieder an einen deutschen Regisseur. In „Gelbe Briefe“ erzählt Çatak von einem Künstlerehepaar in Ankara, das ins Visier des türkischen Regimes gerät.
İlker Çatak hält eine Trophäe hoch.
İlker Çatak bei der Hamburg-Premiere seines Films  Fotoquelle: picture alliance / ABBfoto

Ein „Appell, nicht tatenlos zuzusehen, wie eine neue Faszination des Autoritären um sich greift“ und dafür „unsere liberale Demokratie wehrhaft zu verteidigen.“ Das ist das Politdrama „Gelbe Briefe“ für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie er es in einer Pressemitteilung ausdrückt. Unter anderem wegen seiner politischen Dimension erzählt Regisseur und Drehbuchautor İlker Çatak eine Geschichte, die regelrecht an die Kinoleinwand fesselt.

„Gelbe Briefe“: Wie ein Staat seine Kulturschaffenden unterdrückt

Die türkische Theaterszene ist die Heimat der bekannten Schauspielerin Derya (Özgü Namal) und ihres Mannes Aziz (Tansu Biçer), der als Drehbuchautor sowie Hochschulprofessor für Dramatik arbeitet. Das Paar – beide in ihren späten Vierzigern – eint nicht nur ihre Liebe zum Theater und Geschichtenerzählen, sondern auch ihre progressive politische Haltung, die sie an ihre 14-jährige Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) weitergeben. Ihre Kritik an der autoritären türkischen Regierung vertreten sie auch in ihrem künstlerischen Schaffen. Aziz ermutigt zudem seine Studierenden dazu, sich politisch zu engagieren – vor allem für den Frieden.

Der türkischen Regierung sind sie damit ein Dorn im Auge. Eines Tages werden Aziz und alle anderen Dozenten seines Fachbereichs suspendiert. Das Regime verfolgt auch Derya, deren Bühnenstück auf Druck der Regierung hin abgesetzt wird. Die Schauspielerin selbst erhält ein Schreiben, laut dem man ihre Kündigung akzeptiert habe – obwohl sie diese nie eingereicht hat.

Welche Fragen „Gelbe Briefe“ aufwirft

Die Repressalien des türkischen Staates stürzen die Familie in eine schwere persönliche Krise, die weit über finanzielle Schwierigkeiten hinausgeht. Aziz und Derya suchen die richtige Balance aus Pragmatismus und Idealismus: Einerseits wollen sie sich nicht mundtot machen lassen und weiterhin für Frieden und Demokratie einstehen. Andererseits fürchten sie, nicht nur ihre eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, sondern auch die ihrer Tochter Ezgi.

Diesen Konflikt tragen Aziz und Derya sowohl innerlich als auch untereinander aus. Was ist wichtiger: Der jugendlichen Ezgi ein gutes Vorbild zu sein oder dafür zu sorgen, dass deren Zukunftsaussichten nicht durch das Verhalten ihrer Eltern geschmälert werden? Sollen sie zu den eigenen Überzeugungen stehen oder klein beigeben und schweigen? Sowohl Derya als auch Aziz stellen sich diese Fragen und gewichten sie teils zum selben Zeitpunkt unterschiedlich.

Warum „Gelbe Briefe“ nicht in der Türkei gedreht wurde

Auch durch diese Ambivalenz wirken beide Hauptcharaktere sehr vielschichtig und nahbar, was sowohl dem Drehbuch als auch dem intensiven Schauspiel zu verdanken ist. İlker Çataks Drama verzichtet hinsichtlich seiner Charaktere auf oberflächliche Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Weder Derya noch Aziz werden als Helden dargestellt; sie beide haben Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen.

„Gelbe Briefe“ ist zwar in der Türkei angesiedelt, erzählt jedoch eine universelle Geschichte. Sie könnte sich also genau so gut in jedem anderen Land der Welt zutragen, wenn auch vielleicht zu einer anderen Zeit. Diese Botschaft ist Çatak besonders wichtig, wie auch Produzent Ingo Fliess im Gespräch mit dem NDR deutlich machte. Und sie ist demnach auch ein Grund dafür, warum Berlin Ankara „spielt“ und Hamburg Istanbul. Außerdem hätte Çatak es als merkwürdig empfunden, in der Türkei zu drehen, in der er sich trotz seiner türkischen Herkunft nur als Tourist sieht, so Fliess.

Wie in Çataks Film die Grenzen zwischen Deutschland und der Türkei verschwimmen

Als Konsequenz daraus sind in „Gelbe Briefe“ zum Beispiel deutsche Polizeiwagen mit Hamburger Kennzeichen zu sehen oder auch der deutsche Satz „Im Namen des Volkes“ in einer Gerichtsszene. Das kann entweder für Irritationen sorgen oder auch ein Schmunzeln auslösen. Diese Momente unterstreichen jedoch nur umso mehr die Universalität dieser Geschichte, die von Unterdrückung, Widerstand und Anpassung erzählt. Vielleicht noch schneller als ohnehin schon drängt sich beim Schauen die Frage auf: „Wie würde ich mich in so einer Situation verhalten?“

Wenn ein Film bei seinem Publikum solche persönliche Fragen auslöst, ist das oft ein Zeichen dafür, dass dieser dazu in der Lage ist seine Zuschauer mitzureißen. Dazu trägt in „Gelbe Briefe“ auch die Musik bei, die besonders von Streichinstrumenten geprägt ist. Die schnellen, auch mal dissonanten Töne untermalen perfekt die Anspannung, die in vielen Szenen vermittelt wird.

Ein würdiger Berlinale-Gewinner

„Gelbe Briefe“ ist als Politdrama hochspannend und regt zum Nachdenken an. Als Film, der eine Familie in den Mittelpunkt stellt, berührt er zugleich und weckt unsere Empathie für die schwierige Situation, in der sich Derya, Aziz und ihre Tochter Ezgi wiederfinden. Witzige Momente und Erfolgserlebnisse nehmen der Handlung zwischendurch etwas von ihrer Schwere, sodass man den Kinosaal letztlich nicht voller Niedergeschlagenheit verlässt.

Die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären ist eine angemessene Würdigung für alle Verantwortlichen für „Gelbe Briefe“ – vor wie auch hinter der Kamera. Allein schon deshalb, weil er den Blick darauf lenkt, wie Zensur und eingeschränkte Meinungsfreiheit tatsächlich aussehen. Deshalb sei er auch all jenen empfohlen, die hierzulande den Eindruck haben, man dürfe „ja gar nichts mehr sagen“…

Der Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“ läuft seit dem 5. März 2026 in den deutschen Kinos.

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