In Doku "Joshua Kimmich – Anführer und Antreiber"

Joshua Kimmich unter Tränen in ZDF-Doku über die Impf-Debatte: "Wenn du da keine Familie hast, dann kann's zerbrechlich werden"

23.06.2024, 13.55 Uhr
von Jens Szameit

Seit 2016 begleitet die Kamera Joshua Kimmich für eine ZDF-Doku. Der Nationalspieler spricht über seine Karriere beim FC Bayern, Corona, Trainerwechsel und seine Familie. Die Dokumentation zeigt, wie der Fußballer privat tickt und welche Herausforderungen er meistern musste.

Es gibt ein paar Dinge, die man über Joshua Kimmich vor dieser ZDF-Doku noch nicht wusste. Etwa dass er Ehefrau Lina fast gänzlich die Benutzung der heimischen Küche überlässt ("Ich bin eher zum Frühstücksvorbereiter geworden"). Oder dass sein Trauzeuge Serge Gnabry auf die Anfrage etwas schockiert reagiert hat ("Hast du keinen anderen?"). Dass er beim Umzug in die neu gebaute Villa kein Umzugsunternehmen beauftragt hat. Oder dass der Fußballnationalspieler während seiner Hochzeitsreise auf den Malediven mit Haien tauchte.

Letzteres ist im Film von Jan Mendelin, der den Star seit 2016 mit der Kamera begleitete, ein unfreiwillig schönes Sinnbild für die wahren Gefahren im Leben eines Leistungssportlers. Joshua Kimmich spielt seit neun Jahren beim FC Bayern München. Stichwort: Haifischbecken. Einen Spieler, der mehr polarisierte, gab es beim Rekordmeister länger nicht.

Als es um die Impfung geht, weint Kimmich im Interview

Statistisch betrachtet hat Joshua Kimmich seit seinem Wechsel vom damaligen Zweitligisten RB Leipzig im Wesentlichen die bajuwarische Sonnenseite kennengelernt. Achtmal in neun Jahren wurde er Deutscher Meister, dreimal DFB-Pokalsieger. 2020 gewann er das historische "Sextuple" einschließlich des Champions-League-Triumphs von Lissabon. Und doch gab es in der Karriere des schwäbischen Ehrgeiz-Wunders tiefe Zäsuren. Die tiefste hatte nicht mal mit Sport zu tun.

Als Kimmich Ende 2021 bekannte, wegen fehlender "Langzeitstudien" auf die Corona-Schutzimpfung verzichten zu wollen, war das über Wochen ein Thema vom Rang einer "Tagesschau"-Meldung. "Es hat ihn fertiggemacht", sagt Ehefrau Lina über die belastende Zeit. In einem Videocall, der mit dem Filmemacher zur damaligen Zeit geführt wurde, bricht Kimmich sogar in Tränen aus: "Ein Kumpel sagte mir, dass weniger Menschen gestorben wären, wenn ich mich hätte impfen lassen. Das ist brutal. Wenn du da keine Familie hast, dann kann's zerbrechlich werden."

"Vertrauensgefühl" gegenüber dem Verein ist "kaputtgegangen"

Auch vom Verein habe er sich damals "zu lange alleingelassen gefühlt". In einem weiteren Interview, das er für das ZDF-Langzeitporträt führte, sagt der Mittelfeld-Star im März 2022: "Das Vertrauensgefühl, das ich dem Verein gegenüber hatte, ist kaputtgegangen. Ich weiß nie, was an die Öffentlichkeit kommt, wenn ich mit dem einen oder anderen spreche."

Brisant sind für den Verein auch Aussagen, die Kimmich über die beiden inzwischen entlassenen Trainer Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel tätigt. Über den heutigen Bundestrainer spricht der Nationalspieler in den höchsten Tönen. Am Abend seiner für alle unerwarteten Entlassung habe er mit Nagelsmann telefoniert: "Man hat schon gemerkt, dass er extrem überrascht war, vielleicht auch geschockt." Die Begründung der damaligen Bosse Kahn und Salihamidžić, der Trainer habe "die Kabine verloren", könne er "so nicht teilen". Kimmich: "Es war nicht so, dass wir Spieler uns permanent über den Trainer beschwert haben."

Ohne große Zurückhaltung spricht Kimmich auch über Nagelsmanns Nachfolger in der Saisonvorbereitung 23/24: "Bisher war ich es immer gewohnt, dass die Trainer komplett von mir überzeugt sind. Das ist jetzt bei Thomas Tuchel nicht zu 100 Prozent der Fall, das hat er auch schon das eine oder andere Mal öffentlich geäußert. Er ist kein Trainer, der mir jeden Tag sagt, wie gut ich bin." Das aber beeinflusse nicht sein Spiel.

Kahn und Sammer kritisieren Tuchel

Kritik an Tuchel kommt auch von weiteren prominenten Gesprächspartnern in der Doku. "Jemanden wirklich stark zu machen, das zahlt dir der Spieler meistens zurück", weiß der entlassene Bayern-CEO Oliver Kahn, der Tuchel selbst verpflichtet hatte. Eine diplomatisch verpackte Spitze.

Deutlicher wird Matthias Sammer, der Kimmich einst zum FC Bayern lotste und noch immer sein glühender Fan ist. "Ich sag immer: Wenn du die Grundlagen zwischendurch vergessen hast, verlierst du dich in Details. Vielleicht ist das bei Bayern passiert. Thomas wollte ein Detail verbessern, hat gar nicht die Konsequenz gesehen." Sammers Vorwurf: "Wo war jetzt derjenige, der beide an den Tisch bringt und die Dinge diskutiert? Das hat gefehlt. Es braucht neben dem Trainer die sportliche Führung des Vereins. Vielleicht gab's das nicht der Phase bei Bayern."

Voller Bewunderung nennt Sammer Kimmich im ZDF-Film einen "Hund", der "von Ehrgeiz zerfressen" sei. "Das kann man, wenn man dumm ist, als Schwäche auslegen. Wenn man weiß, wie Mannschaften funktionieren, sind das Energie-Geber, die immer wieder antreiben." In dem Sinne sei Kimmich "ein Genie". Sammer: "Er schaut auf ein Bild, von dem andere sagen, ist perfekt. Er sagt: Nee, nee, ist nicht perfekt, schau mal genau dahin. Das können Menschen manchmal nicht verkraften. Manchmal wollen sie das nicht hören. Aber leider werden diese Menschen auch nichts gewinnen."

Sammer redet sich in Rage: "Joshua, sie erkennen dich nicht!"

Als es um das öffentliche Ansehen seines einstigen Schützlings geht, redet sich der heutige BVB-Berater regelrecht in Rage: "Wir befinden uns in unserem Land auf einem Niveau-Pegel, wo ich völliges Verständnis habe, das Joshua nicht verstanden wird", ätzt Sammer. "Am liebsten würde ich ihm zurufen: Im Moment ist das System zu schlecht, die Guten zu erkennen. Sie erkennen dich nicht!"

Man lernt: Wäre Sammer heute noch Bayern-Sportvorstand, wäre eine Vertragsverlängerung mit Joshua Kimmich wohl nur Formsache. So aber liest man fast täglich, dass der einst als "Bayern-Kapitän der Zukunft" Gehandelte sowohl im Mittelfeld als auch auf der Rechtsverteidiger-Position für entbehrlich und überdies zu teuer erachtet werde.

Uli Hoeneß hält immer noch große Stücke auf Kimmich

Immerhin: Einen Fürsprecher scheint Kimmich im Verein noch zu haben, einen sehr einflussreichen dazu. "Große Spieler werden unter Druck besser. Weil sie gute Nerven haben, weil sie wissen, was sie können", sagt in der ZDF-Doku kein Geringerer als Uli Hoeneß. "Joshua ist einer der Spieler, der dann, wenn es drauf ankommt, eine wichtige Rolle spielen wird."

Ob er diese wichtige Rolle künftig noch bei Bayern spielt, wird man sehen. Wenn nicht, wird die kinderreiche Familie Kimmich entgegen der Gewohnheit wohl demnächst doch mal ein Umzugsunternehmen einbestellen müssen.

Den Film "Joshua Kimmich – Anführer und Antreiber" zeigt das ZDF am Samstag, 22. Juni, 23.45 Uhr, und schon jetzt in der Mediathek.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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