Ein Tag im August - Mauerbau '61
10.08.2021 • 20:25 - 21:55 Uhr
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Originaltitel
Ein Tag im August - Mauerbau '61
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
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Modrow und der Tischler

Von Wilfried Geldner

Vor 60 Jahren, am 13. August 1961, wurde Berlin entlang der Sektorengrenze in Ost und West geteilt. Über Nacht verloren Einwohner ihre Verwandten oder den Arbeitsplatz. Die Mauer kam über Nacht. In einer szenischen Dokumentation erinnern sich heute Menschen aus Ost und West, die das damals erlebten.

Wieder ein Jubiläum – diesmal ein besonders trauriges. Die Bilder vom Mauerbau am 13. August 1961 haben sich längst ins kollektive Gedächtnis geprägt. Zahllose Filme erinnern daran – vom Spielfilm, der meist waghalsige Fluchten feierte, bis hin zum Mauerclip, der gerne die Jüngeren bis zu einem gewissen Grad informiert. Der Sprung ins Sprungtuch an der Bernauer Straße, die Eingemauerten, die in letzter Sekunde flüchten, das eingefrorene Gesicht eines jungen Mannes hinter dem Stacheldraht. Die szenische Collage der ZDF-Zeitgeschichtsredaktion "Ein Tag im August – Mauerbau '61" (Regie: Florian Huber und Sigrun Laste) versucht nun noch einmal, hinter Fassaden und Schlagworte zu blicken. Vier Betroffene erinnern sich mit weiteren Zeitzeugen an das unselige Datum, Spielszenen machen die Situation im damaligen Berlin wieder lebendig.

Modrows "Meisterstück"

Da ist der damals 19-jährige Tischler Manfred Migdal, den der Mauerbau und die damit verbundene Grenzschließung auf falschem Fuß ereilt. Als die Grenze zwischen Ost und West in der Nacht zum 13. August, einem Sonntag, geschlossen wird, ist er gerade bei seiner Mutter im Osten zu Besuch. Er arbeitet im Westen, hat einen West-Ausweis und war schon in seiner Ostzeit gerne in die Westkinos an der Grenze gegangen, die für junge Leute aus dem Osten so günstig waren. "Berlin war eine offene Stadt", erinnert sich Migdal 60 Jahre danach, "die Leute sind hin und her gegangen, das war alles ziemlich locker." Migdal, der sich damals nach Kinovorbildern als Rebell und "Halbstarker" sah, war zuvor abgehauen aus Ostberlin, eine Nachbarin hatte ihn schon mal "angehängt", da war er zur Umerziehung in einem Jugendwerkhof gelandet.

Migdals Pendant im Film ist, wenn man so will, Hans Modrow, der letzte gewählte Ministerpräsident der DDR. Modrow, jetzt 93, berichtet mit altersschwacher Stimme glaubhaft vom Mauerbau. Wie er als junger FdJ-Mann und SED-Mitglied überraschend angerufen wurde, um spätabends ins Präsidium der Volkspolizei verbracht zu werden und dann den Auftrag zur "Operation Rose" (Geheimcode für den Mauerbau) für den Bezirk Prenzlauer Berg bekam. "Das war ein Meisterstück", sagt Modrow noch heute über die geheimgehaltene Aktion, bei der es Betriebskampfgruppen und Aktivisten in aller Eile zu organisieren galt. Die Treffpunkte, die Ausgabe der Waffen, alles ging schnell und perfekt.

Noch immer ist Modrow der Überzeugung, dass der Bau der Mauer zum damaligen Zeitpunkt richtig war. Immer mehr Menschen waren über Westberlin aus der DDR geflohen, zuletzt 100.000 an einem Tag. Ostberlin hatte in Moskau darum ersucht, die Grenze schließen zu dürfen. Chruschtschow und Kennedy hatten bei einem Treffen in Wien ihr Einverständnis erklärt, die gegenseitigen Interessensphären nicht zu gefährden. "Jeder Tote ist einer zu viel", sagt Modrow jetzt, aber er sei überzeugt davon, "dass diese Grenze dazu beigetragen hat, dass wir vom kalten Krieg nicht in den heißen gerutscht sind".

Wolfgang Güttler, der damals als Angehöriger der Betriebskmpfgruppen an der Grezschließung beteiligt war, möchte das Geschehene nicht noch einmal erleben. Er war bei den Vertreibungen in der Bernauer Straße dabei, wo Alte und Kinder aus den Fenstern sprangen. Von den Erinnerungen werde er bis heute verfolgt, sagt er. Ingrid Taegner, eine Ostberliner Lehrerin, die damals – und dann noch einmal zur Zeit der Wende – ihren Job verlor, weil sie sich zu unbekümmert mit ihrem im Westen lebenden Vater am Stacheldraht traf, holt noch einmal die Ungläubigkeit, die Verblüffung, der Berliner und der ganzen Welt aus der Vergangenheit empor.

Countdown bis zur Grenzschließung

Nicht nur, weil sich über das Datum von 1961 längst das andere von der Öffnung der Mauer nach 28 Jahren legt, wirkt die mit Spielszenen durchsetzte Doku wie auf späte Versöhnung bedacht. Die Mauertoten, 140 immerhin, kommen am Rande vor, auf Pathos wird weitgehend verzichtet. Nicht zuletzt wegen ihres programmierten Countdowns – "noch 18 Stunden bis zur Grenzschließung, noch 30 Minuten" – droht diese Zeitgeschichtscollage mitunter in ihre Einzelteile zu zerfallen. Aber am trockenen Geschichtsstück zielt sie dank ihrer munter berlinernden Protagonisten glücklicherweise vorbei.

Ein Tag im August – Mauerbau '61 – Di. 10.08. – ZDF: 20.25 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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