Heute stirbt hier Kainer
30.07.2025 • 20:15 - 21:45 Uhr
Fernsehfilm, Tragikomödie
Lesermeinung
Ulrich Kainer (Martin Wuttke).
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Fritz (Wolfgang Packhäuser, li.) und Ulrich Kainer (Martin Wuttke).
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Decker (Justus von Dohnányi).
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Rainer Bratsche (Alexander Hörbe, re.) und Alex (Stellan Torrn).
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Originaltitel
Heute stirbt hier (K)ainer
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Fernsehfilm, Tragikomödie

Martin Wuttke, der Western und das Absurde

Von Hans Czerny

"Heute stirbt hier Kainer" ist eine überdrehte TV-Satire mit Western-Anklängen von 2021. Martin Wuttke spielt einen todkranken Mann, der seine Ruhe haben will. Sterben will er, wo es still ist – auf dem Land. Doch der Urlaub dort ist, wie Kainer sagt, "auch nicht mehr das, was er mal war".

"Jeder Mensch hat eine Geschichte. Wenn sie lang genug ist, endet sie mit dem Tod", sagt Ulrich Kainer. Kainer, mit "ai", weiß, wovon er redet. Schließlich hat er vom Arzt nach einem MRT-Termin die Diagnose "Unheilbar krank" erhalten. Jetzt will er nur noch in Ruhe sterben, am liebsten auf dem Land. Seine Kindheit hat er in einem Dorf verbracht – gleich beim Fischteich, der dann überflutet wurde.

Martin Wuttke, der diesen todgeweihten Zyniker gefasst und trocken wie den Helden aus einem Italo-Western spielt, kauft sich im Billardsalon einen Revolver und eine einzige Kugel dazu. Mehr braucht er nicht zum Sterben. Doch auf dem Dorf findet er keineswegs die ersehnte Ruhe. Ganz im Gegenteil. Kainer gerät mitten hinein in die Zwistigkeiten der Bewohner. Mit einer einzigen Kugel kommt man da nicht weit. "Heute stirbt hier Kainer" ist ein Fernsehfilm wie eine selbstgemachte Supernova: Aus der milden Poesie eines sterbenden Philosophen entwickeln die Autoren Maria Anna Westholzer (Regie) und Michael Proehl eine pralle Chaoskomödie.

"Ruhe, einfach nur Ruhe" will der todgeweihte Poet und Philosoph Ulrich Kainer. Es zieht ihn hinaus aus der Stadt aufs Dorf. Es soll so eins sein, wie es das seiner Kindheit war, mit gackernden Hühnern und Kühen und einem Teich hinterm Bauernhof, der dann allerdings überflutet wurde vom Wasserspeicher. Immerhin bekamen die Fische so eine wärmende Decke, die Mutter hatte es ihm als Kind so erzählt. Kainer ist ein lieber Mensch, er könnte ein jüngerer Bruder des Brechtschen Herrn Keuner sein, dem einmal nach und nach das Wasser bis zum Hals stieg und der sich zuletzt in seiner Not einen Kahn wünschte, bis er merkte: Er selbst war ein Kahn.

"Der Onkel könnte dir ein Buch empfehlen"

So märchenhaft endet die Geschichte vom Herrn Kainer leider nicht. Dabei beginnt sie so schön am Bahndamm, wo Kainer, der Todkranke, der immer in Ohnmacht fällt, von einem Landstreicher geweckt wird. Der will kein Geld für die gute Tat, weil er "gerade Mittagspause" hat. Schon im Triebwagen nach Nirgendwo geht es dann rund: Skinheads bedrängen einen Schwarzen, eine junge Frau weint und Kainer bietet ihr sein Taschentuch an.

Dieser Liebesdienst hat schwere Folgen: Anna (Britta Hammelstein), eine von ihrem Mann verlassene Bäuerin, verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Kainer kann alles, wird sie bald anerkennen: in der Kneipe mit den Einheimischen Darts mit gefährlichen Messern werfen und Liebe machen, dass es nur so kracht. Kainer war in Thailand mal Akrobat. In einem Koffer führt er Comicbände mit sich, obwohl er ja sagt, er sei ein "Reisender ohne Gepäck". "Der Onkel könnte dir ein Buch empfehlen", sagt Anna zu ihrem kleinen Sohn, und der antwortet rührend: "Das wäre schön!"

"Hessischer Fiilmpreis" für Britta Hammelstein

An solchen Stellen darf man lachen. Und auch die Geschichte, in der Annas Sohn mit Kainers Pistole hantiert und aus Versehen einem Hahn durchs splitternde Fenster den Kopf abschießt (weshalb es im Abspann heißt: "Tiere kamen nicht zu Schaden"), hat erzählerisches Format. Schon zuvor wurde Kainer, der Mann mit dem Mafioso-Look vom italienischen Dorfwirt bedrängt, sich dem alles beherrschenden Bürgermeister und seinem Handlanger zu widersetzen.

Es ist der Zeitpunkt, an dem die poetische Todesreise – Erinnerungen an "Knockin' On Heaven's Door" werden wach – hineinschliddert in eine ausufernde Kriminal- und Westernparodie. Selbst gegen eine tumbe Wehrsportgruppe wird so halb-humoristisch ausgeteilt. Da verliert der Film seinen Faden. Über alles erhaben ist aber die spontane Liebe zwischen Kainer und Anna. 2021 gab es für Britta Hammelstein dafür den "Hessischen Fiilmpreis". Verständlich, dass sie ihrem angehimmelten Helden bei der Ankunft eines fiesen Stadtdetektivs ein spontanes Beischlaf-Alibi gibt. Sie ist die Einzige, die sein morsches Macho-Gehabe begreift.

Bleibt für den, der's wirklich wissen will, die Frage offen: Stirbt Kainer? Oder stirbt wenigstens "keiner"? Beides muss abschlägig beschieden werden. Dabei hatte sich doch sogar der Förster Graber (Christian Redl) so freundlich angeboten für einen Gnadenschuss.

Heute stirbt hier Kainer – Mi. 30.07. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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