Ich werde nicht schweigen
07.05.2018 • 20:15 - 21:45 Uhr
TV-Film, TV-Drama
Lesermeinung
Voller Empörung besteht Margarete Oelkers (Nadja Uhl) auf dem Gesundheitsamt auf ihrem  Termin mit Dr. Ahrens. Ihr Nachbar Herr Windhorst (Martin Wuttke) findet ihr Verhalten unangemessen.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl) verlangt von Amtsarzt Dr. Ahrens (Rudolf Kowalski) eine Bescheinigung, dass sie nie schizophren war. Sie wirft ihm vor, sie ohne Grund in die Klinik Wehnen eingewiesen zu haben.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl) hat auf dem Markt von Oldenburg Arbeit gefunden.
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Misstrauisch betrachtet Herr Windhorst (Martin Wuttke) seine Nachbarin Margarete Oelkers (Nadja Uhl).
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Herr Windhorst (Martin Wuttke, M.) wird von Soldaten der britischen Besatzung abgeführt. Margarete Oelkers (Nadja Uhl, l.) weiß, dass ihr unangenehmer Nachbar an Kriegsverbrechen beteiligt war.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl, r.) und Antje Eversen (Janina Fautz, l.) sitzen in der Milchbar. Margaretes Geschichte erinnert Antje an die Einweisung ihrer eigenen Mutter.
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Modeschneiderin Margarete Oelkers (Nadja Uhl, l.) bei der Anprobe eines neuen Kleides für Frau Ahrens (Katja Flint, r.), die Gattin des Amtsarztes.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl) muss während ihrer Klinikaufenthaltes in Wehnen eine sogenannte Arbeitstherapie in der Weißnäherei absolvieren.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl) nimmt nach einem Jahr Klinikaufenthalt ihre Tätigkeit als Modeschneiderin wieder auf.
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Margarete Oelkers (Nadja Uhl, r.) steht zusammen mit der jungen Antje Eversen (Janina Fautz, l.) am Grab von Antjes Mutter. Antje will einen Gedenkstein auf die namelose Grabstätte legen.
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Hint
Audiodeskription
Produktionsland
Deutschland
Produktionsdatum
2018
TV-Film, TV-Drama

Eine Kriegerwitwe kämpft

Von Wilfried Geldner

1948 will die Kriegerwitwe Margarete Oelkers Witwenrente beantragen, doch die hierzu notwendigen Bestätigungen werden ihr verweigert. Sie nimmt den Kampf an ...

Wieviel Nationalsozialismus war in der unmittelbaren Nachkriegszeit? – Es darf gerätselt werden, obwohl es ja auch offizielle Zeugnisse gibt: Amtliche Täter wurden freigesprochen oder wenigstens mit dem berühmten "Persilschein" entnazifiziert. Seit wenigen Jahren erst werden auch Befehlsempfänger in Konzentrationslagern verurteilt. Viel zu spät kamen auch die unter dem Schlagwort "Euthanasie" gebündelten Gräueltaten in Nervenheilanstalten ans Licht. Esther Gronenborn zeigt im ZDF-Drama "Ich werde nicht schweigen" einen fiktiven Fall, der auf Erlebnisse ihrer Großmutter zurückgeht. Die Näherin Margarete Oelkers (Nadja Uhl), Mutter von zwei Kindern, ist eine Kriegerwitwe, die 1948 ihre Witwenrente beantragen will. Als sie beim Leiter des Gesundheitsamts, in dem ihr gefallener Mann gearbeitet hat, um notwendige Formulare bittet, stößt sie auf hartnäckigen Widerstand.

Margarete, die auf dem Amt einen Wutanfall bekommt, wird vom Amtsleiter (Rudolf Kowalski) in die real existierende Nervenheilanstalt Wehnen bei Oldenburg (vormals "Irrenheilanstalt zu Wehnen") eingewiesen. Der Amtsleiter hat ihr einen "schizophrenen Schub" attestiert, nicht zuletzt aus genetischen Gründen – eine Tante war angeblich psychisch krank.

Esther Gronenborn zeigt im Film zunächst weniger die immer noch haarsträubenden Zustände in der Nervenanstalt als den geradezu aussichtslos erscheinenden Kampf Margaretes, scheint sie doch völlig chancenlos gegen die Befunde der Ärzte zu sein. Und erst recht scheint ihr Kampf gegen die ausgesprochene Entmündigung und den Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder.

Doch Margarete erbringt Beweise, die ihre Peiniger der Täterschaft in der Heilanstalt während der NS-Zeit überführen. Ein Tagebuch ihres Vaters, aber auch bei einem notwendigen Besuch in der Anstalt gefundene Akten helfen ihr dabei. Gronenborn, die zusammen mit Sönke Lars Niewöhner auch das Drehbuch schrieb, kann sich bei ihrer fiktiven Geschichte auf neuere historische Erkenntnisse verlassen: In Wehnen wurden während des Krieges etwa 1.500 Insassen ausgehungert, gequält oder gar zu Tode gespritzt – das brachten Untersuchungen in den 90er-Jahren ans Licht.

Anders als ihre Umgebung, die zutiefst einem politischen Opportunismus verfallen ist, kämpft Margarete für ihr Recht. Den Verantwortlichen sagt sie die Wahrheit ins Gesicht, als sie nach Jahresfrist wieder aus der schrecklichen Anstalt entlassen wird. Dabei läuft sie stets Gefahr, wieder festgesetzt zu werden. Und das in einer Anstalt, in der früher "jeden Tag gestorben wurde", wie es im Film immer wieder heißt. Selten sah man die NS-Zeit aus Sicht der Nachkriegsgesellschaft so kenntlich widergespiegelt wie hier. Noch einmal werden die Opfer von einst verdrängt.

Leider wird Margaretes Geschichte im Film allzu kompliziert als Vielpersonenstück erzählt. Es ist eine Story, die aus lauter kleinen Dramen besteht: Es gibt übergriffige Nachbarn, die sich als späte Blockwarte in fragwürdiger Hilfsbereitschaft gerieren und doch Margaretes Wohnung okkupieren, aber auch eine wenig hilfsbereite Schwester, deren opportunistischer Mann späte Reue zeigt, und Frauen, die über das Kriegsende hinweg noch immer in der Nervenanstalt eingekerkert sind und dort irrlichtern müssen. Von der Freundschaft zu einem Nachbarsmädchen nicht erst zu reden. Alles in allem zu viel des Guten. Auch die immer wieder eingeblendeten, von allerlei Stresssituationen ausgelösten Albtraum-Bilder in Weichzeichner und Zeitlupe verselbständigen sich mit der Zeit.

Es gibt merkwürdige Schnitte (wohl Kürzungen) und anfänglich reichlich aufgesetzten Dialekt. Am Ende hebt der ertappte Amtsdirektor, der Margaretes Leben in Händen hält, gar zu einer umfassenden Rede über Sinn und Zweck der NS-Euthanasie und deren angemessene biologische Auslese an. Das steht dann doch zu plakativ und seltsam unkorrigiert im Raum. Manches wiederholt sich im zweiten Teil, die Handlung ist mitunter zufällig und ungereimt. Nadja Uhl überzeugt als Sympathieträgerin jedoch jederzeit. Trotz mancher Mängel wird eine Ära des Umbruchs beleuchtet, von der man heute, 70 Jahre danach, immer noch viel zu wenig weiß.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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