Trennung, Parkinson – und dann hat er auch noch einen Menschen in Notwehr getötet: Der Hamburger Psychiater Joe Jessen wird im ZDF-Thriller "Neben der Spur – Erlöse mich" hart auf die Probe gestellt. Sechste Folge der Reihe nach den Romanen von Michael Robotham.
Was Ulrich Noethen und seinen Partner Jürgen Maurer anbetrifft, hat die sechste Folge der ZDF-Thrillerreihe "Neben der Spur" alles, was ein spannendes Drama braucht. Man nimmt den beiden noch die fiesesten Plot-Ideen ab. Ulrich Noethen ist als Psychiater Joe Jessen ein Mann, der alles weiß und alles kann. Dass er vor Kurzem einen Mörder in Notwehr erschießen musste, wirft ihn allerdings aus der Bahn. Ausgerechnet er, der die Wahnvorstellungen anderer zu kurieren versucht, wird nun selbst auf Schritt und Tritt von dem Getöteten verfolgt.
Gerade noch mit seiner Tötung in Notwehr beschäftigt, findet der von leichtem Parkinson gezeichnete Psychiater dann auch noch seine Praxis verwüstet vor. Doch sogleich erkennt er, dass es dem Einbrecher ausschließlich um eine Patientenakte ging – die von Milena Lorenz, deren Mann vor einem halben Jahr spurlos verschwand. Als dann der Fahrer einer Hamburger Rotlichgröße getötet wird, fällt der Verdacht auf jene Milena Lorenz (Anna Bederke), die seit langem Jessens Patientin ist. Der kluge Jessen kennt Milenas Ängste und Wahnvorstellungen – er hat ja schließlich selber welche -, glaubt aber nicht, dass seine Patientin eine Mörderin sei.
Psychiater in Krimis oder Thrillern öffnen bekanntlich jeglicher Handlungskonstruktion Tür und Tor. Doch diesem Joe Jessen geht man Dank Noethens Selbsverständlichkeit eine ganze Weile lang gerne auf den Leim. Man glaubt ihm, dass er alle anderen von ihren Verstrickungen befreien kann und dass ihm deren Motivationen auf Knopfdruck sofort zu Füßen liegen. Genial und mit feiner Ironie wird gezeichnet, wie schwer er es hingegen im eigenen Leben hat. Noch immer versucht er – vergeblich – die eigene Ehe zu retten und schneit dann unter dem Vorwand, die gemeinsame Tochter zu besuchen, bei seiner Ex herein. Die aber macht sich gerade zu einem Theaterbesuch mit dem Neuen bereit, ganz so wie mit ihm in früheren Zeiten. Man leidet mit dem Armen mit.
Dank des reibungslosen Zusammenspiels zwischen dem Cop Vincent (Juergen Maurer) und dem Psychiater kommt schnell zum Vorschein, dass Jessens Patientin nach dem Verschwinden ihres Mannes, eines hoch verschuldeten Spielers, gezwungen war, als Escortdame zu arbeiten. Milena greift da, nicht eben freiwillig, auf frühere Erfahrungen zurück, zumal sie in der Kindheit ein schweres Trauma traf. Der tödliche Unfall ihrer Mutter, mit der sie im Auto saß, zeichnete sie für ihr ganzes Leben. Josef Rusnak (Regie) flicht an dieser wie auch an anderen Stellen wie selbsverständlich immer wieder Flashbacks und Traumsequenzen ein, nach außen gewendete innere Bilder, ganz ohne Firlefanz und irgendwelche Weichzeichnerei. Leider werden diese Profiler-haften Illusionen etwas zu inflationär gebraucht. Besser, man hätte sich auf die Parallele der verwundeten Seelen Joe Jessen und seiner Patientin Milena Lorenz (Anna Bederke) beschränkt. Immer mehr Menschen, die mit Milena in Verbindung standen, kommen ja rätselhaft ums Leben. Hat die unschuldig wirkende Frau doch etwas mit den folgenden Morden zu tun? Und könnte sie auch für das Verschwinden ihres Mannes verantwortlich sein? Die Auflösung, von der Romanvorlage offensichtlich vorgegeben, ist allerdings ein Schauerstück, das der tiefenpsychologischen Alchemistenküche entstammt. Wachse bitte niemand mit einem selbst ernannten Vater auf! Aus einem über weite Strecken rätselvollen und Humor-durchsetzten Traum- und Wahnfilm wird zuletzt ein rechtes Schauerstück mit geradezu dadaistischen Zügen. Aber richtig schlecht ist ja auch schon wieder gut.
Neben der Spur – Erlöse mich – Mo. 20.04. – ZDF: 20.15 Uhr