Verfilmung des zweiten Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolf: Die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen (Christiane Paul) wird von einem Serienmörder gestalkt.

"Ann Kathrin Klaasen war zu sehr in ihre Gedanken vertieft. Sie bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde, während sie auf ihrer Terrasse im Strandkorb saß und auf ihr Handy starrte ? Ja, er war sich sicher, er hatte die richtige Wahl getroffen. Er kannte sie nur aus der Zeitung und von ein paar flüchtigen Fernsehbildern, auf denen sie gar nicht gewirkt hatte wie eine Frau, die am Rande ihrer Kräfte war." – Wie in Stein gemeißelt, so klar sind die Sätze, mit denen Klaus-Peter Wolf in seinem zweiten Ostfriesenkrimi, "Ostfriesenblut" (Taschenbuch, 2008) seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen und ihre Befindlichkeit beschreibt. Lässt sich schwer toppen in einer Verfilmung, die in Bildern und Dialogen nacherzählt, was der Autor so knapp vorgegeben hat. Ann Kathrin Klaasen, im Film von Christiane Paul verkörpert, leidet noch immer am Verlassensein von Mann und Kind, sie kniet sich in ihre Fälle, um das Privatleben zuweilen zu vergessen. Und dann dies: eine Leiche vor ihrem Haus. Bald wird deutlich: Der Täter muss ein Serienmörder sein.

Als hätte die ostfriesische Kommissarin nicht schon genügend mit den Problemen ihres Sohnes (Alexis Salsali) zu tun – er hat beim Nacktbaden eine Lehrerin gefilmt und weitergegeben -, wird ausgerechnet sie mit grausam blutigen Fällen konfrontiert. Der Täter, so stellt sich heraus, hat an ihr einen Narren gefressen. Er hat sie im Fernsehen bei einer "Aktenzeichen XY"-Sendung im Interview mit Rudi Cerne gesehen. Sie hat da erklärt, dass sie sich stets in den Täter hineinversetzt und ihn zu verstehen versucht. Endlich jemand, der mich versteht, denkt sich der Mörder, dem der Zuschauer fortan bei seinen Taten zusehen darf. Immer wieder wechselt die Szene dann zwischen Klaasens Ermittlerteam und dem Täter, den Jörg Schüttauf erstaunlich gefühlsleer interpretiert.

Dessen Motivation wird dann sehr früh, wenn auch nicht auf unkomplizierte Weise bloßgelegt. Die Spur führt in Rückblenden in ein Internat, das wohl noch in den Sechzigern die im Film zitierte "schwarze Pädagogik" betrieb. Prügel und Karzer statt Verständnis und Hingabe hatte Methode beim Leiter des Heims. Die Bilder von damals dringen ins Heute ein – genauso wie übrigens der verstorbene Polizistenvater der Kommissarin auf der anderen Seite. Noch immer sitzt er am heimischen Esstisch der Tochter und trägt seine imaginierten Lebensweisheiten und Ratschläge bei.

In der Gegenwart rächt sich, aus besonderem zeitlichen Anlass, der Junge von einst an seinen Peinigern – am Leiter des Internats, sowie an dessen Handlanger und an einer Krankenschwester, die wie der Heimarzt die sichtbaren Wunden deckte. Irgendwann wird dieser "Frosch" genannte Täter nicht mehr wissen, wie oft er schon gemordet hat – waren es zwei, drei oder schon fünf Fälle?

Leider leidet auch der Film an dieser Überfülle, zumal er eher unspektakulär den Zuschauer zum Mitwisser macht. Es fehlt dann an eigentlicher Spannung, an Suspense. Zu klar liegt die Motivation des Täters zutage. Die Pädagogen von einst werden, wie auch die Wut des Täters, nicht gezeigt, sondern in Dialogen beredet. Die Kamera (Frank Küpper, Regie: Fred Ostermann) ist ausschnitthaft und fast froschlinsenhaft nah dran an den handelnden Personen. Eine Nähe, die schon wieder Distanz erzeugt.

Das Privatleben der Kommissarin, die leise Sorge um den pubertierenden Sohn, mündet immer wieder glaubhaft in deren Arbeit ein. Schön wird das Damals zur selbstgewissen Pädagogik von heute in Szene gesetzt: Eigentlich müssten wir schon viel weiter sein. Das stärkste Bild ist dann das letzte. Da zeigt die Kamera ein heutiges Graffito mit tausend Schülerköpfen an der Wand des Pausenhofs, langsam wird das Bild von einem Foto der Schüler von gestern überblendet. Soll heißen: Auch heute ist Schule nicht frei von Traurigkeit, wenn wir es richtig sehen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst