Persischstunden
Spielfilm, Drama • 14.01.2022 • 23:15 - 01:15
Lesermeinung
In "Persischstunden" bringt ein jüdischer KZ-Häftling (Nahuel Pérez Biscayart) einem SS-Offizier eine Fantasiesprache bei, um zu überleben.
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Mit der Freiheit nach dem Ende des Krieges kann Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) nicht viel anfangen. In seinem Kopf hat er die Namen von 2.840 ermordeten Menschen gespeichert.
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SS-Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) möchte nach dem Krieg ein Restaurant in Teheran eröffnen. Sein Häftling Reza (Nahuel Pérez Biscayart) soll ihm deshalb Farsi beibringen.
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Der jüdische Häftling Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) gibt sich als Perser aus und entgeht damit dem sicheren Tod.
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In einem nationalsozialistischen Durchgangslager entscheiden SS-Männer (von links: Felix von Bredow, Ingo Hülsmann, David Schütter) über Leben und Tod.
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Die im Durchgangslager stationierte Jana (Luisa-Céline Gaffron) wird aufgrund einer internen Intrige an die Front versetzt.
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Der SS-Rottenführer Max Beyer (Jonas Nay) und seine Kollegin Elsa Strumpf (Leonie Benesch) konspirieren gegen Gefangene ebenso wie gegen ihr Kolleginnen und Kollegen.
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Im besetzten Frankreich findet der jüdisch-belgische Geflüchtete Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) kurz Zeit für eine Pause.
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Originaltitel
Persischstunden
Produktionsland
D, RUS, BRS
Produktionsdatum
2020
Altersfreigabe
12+
Spielfilm, Drama

Kauderwelsch für Nazis

Von Andreas Fischer

Ein jüdischer Häftling unterrichtet einen KZ-Kommandanten in einer Sprache, die es gar nicht gibt: Die "Persischstunden" sichern ihm das Überleben in einem eindrücklichen Holocaust-Drama, in dem Worte zur stärksten Waffe gegen das Vergessen werden.

"Man sieht die Sonne untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist" – treffender könnten die ersten Worte nicht sein, mit denen KZ-Häftling Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) seine "Persischstunden" beginnt. Er soll dem SS-Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) Farsi beibringen. Doch Gilles ist Jude und spricht die Sprache gar nicht, die sein Überleben sichern könnte. Also erfindet er in Vadim Perelmans "Persischstunden" (2020) eine Fantasiesprache und trifft damit auf offene Ohren. Der Film feiert im ZDF zu später Stunde seine Free-TV-Premiere.

Es ist eine fast schon absurde Ausgangssituation, die der in der Ukraine geborene Regisseur ("Haus aus Sand und Nebel") zu einem eindringlichen Holocaustdrama verdichtet. Sein auf der Erzählung "Erfindung einer Sprache" von Wolfgang Kohlhaase basierender Film mag Züge eines Schelmenstücks tragen, ist aber vor allem die detailreiche Schilderung der Barbarei aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

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Konservenfleisch für "echte Perser"

Dass Gilles überhaupt noch lebt, gleicht einem Wunder. Auf dem Weg zu seiner Erschießung durch die Nazis im besetzten Frankreich hatte er mit einem anderen Gefangenen ein halbes Sandwich gegen ein persisches Buch getauscht und entging dadurch dem Massaker. Er behauptete, Perser zu sein, und die SS-Leute freuten sich auf eine Belohnung: Schließlich hatte der Küchenchef in einem Durchgangslager für jeden "echten Perser" zehn Dosen Konservenfleisch ausgelobt.

SS-Mann Klaus Koch will Farsi lernen, damit er nach dem Krieg ein Restaurant in Teheran eröffnen kann. Er macht Gilles, der sich fortan Reza nennt, zu seinem Lehrer und wird, ohne es zu wissen, in einer Sprache unterrichtet, die es gar nicht gibt. Mehr noch: Gilles, der wegen seiner sauberen Handschrift auch das Gefangenenregister führt, bildet die Fantasiewörter aus den Namen der todgeweihten Häftlinge.

Allein mit der Angst

Das Grauen hat viele Gesichter, das ist die große Stärke des Films, der die schrecklichen Taten der SS-Männer zwar eher konservativ bebildert, aber dennoch sehr detailreich ist in den Schilderungen der Barbarei in dem Lager. Das Überleben hängt auch von Zufällen, Launen und Gerüchten ab oder von den Intrigen, Rachefeldzügen und Machtspielen der SS-Leute (darunter ein beängstigender Jonas Nay). Insbesondere eine Szene, in der ein Häftling einen anderen ersticht, damit Gilles nicht auffliegt und seinen kranken Bruder weiter mit Nahrung versorgen kann, zeigt, wie unmenschlich das System ist.

In den dicht inszenierten, düsteren Kammerspielszenen zwischen Gilles und Koch, von Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger eindringlich gespielt, manifestieren sich Unterdrückung und Todesangst in perfider Ruhe. Auch wenn das Opfer zum Lehrer und der Täter zum Schüler wird: Es ist der SS-Mann, der allein über Leben und Tod entscheidet. Gilles mag besser verpflegt werden als seine Mithäftlinge, und er mag Privilegien genießen; mit der Angst aufzufliegen, weil er seine erfundene Sprache nicht richtig und konsequent spricht, ist er allein.

Aber Gilles weiß auch, dass die Hoffnung mit dem Vergessen stirbt. Genau dagegen stemmt sich "Persischstunden": Gilles geht es nicht nur um sein eigenes Überleben, es geht ihm um das Überleben der Erinnerungen an die Ermordeten. Er kämpft bis zum Schluss dafür, die in seiner Fantasiesprache versteckten Namen der Naziopfer ins Licht der Erinnerung zurückholen zu können. 2.840 Menschen bewahrt Gilles davor, endgültig ausgelöscht zu werden.

Persischstunden – Fr. 14.01. – ZDF: 23.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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