Jedes Jahr am letzten Augustwochenende findet in Neuss das weltweit größte von einem einzigen Verein organisierte Schützenfest statt. Das traditionsreiche Fest der Superlative setzt die gesamte Stadt in Bewegung: Uniformen müssen entmottet und gebügelt, Orden geputzt und vergeben, Kanonen gereinigt und Kommandos geprobt werden.

In ihren grünen Trachten und mit seltsamem Kopfschmuck verziert tragen die Schützen ihre Fackeln, Gewehre und Blumenarrangements durch die Straßen einer der ältesten Städte Deutschlands. Die Digitalisierung der Welt, Kriege und das Flüchtlingselend - an der strengen Marschordnung des genauso exotisch wie antiquiert wirkenden Schützenwesens scheinen all diese Probleme abzuprallen.

Der Schützenverein ist der Kit, der die bürgerliche Gesellschaft von Neuss in ihrem Innersten zusammenhält. Sorgen kennen die Schützen zu Zeiten der Feierlichkeiten nicht. Das Neusser Schützenfest präsentiert sich als Fest für Jedermann. Dementsprechend verschieden sind die Teilnehmer: Richie Ucar ist Streetworker und will Schützenkönig werden. Max und Paul gehen noch zur Schule und gründen mit Freunden den "Triumphzug". Stephan Bovenschen, genannt "Fiffi", ist Hausmeister und verantwortlich für das Artillerie-Geschütz. Hans-Jürgen Hall arbeitet sowohl in der Erwachsenenbildung als auch in der Apotheke seiner Frau und ist das letzte Jahr als Major unterwegs. Für sie alle ist das Schützenfest in Neuss der Höhepunkt des Jahres.

Den krönenden Abschluss der Feierlichkeiten bildet die Schützenparade: 7500 Schützen und Musiker marschieren im Gleichschritt durch die Stadt. Sie laufen zu Ehren ihres Königs, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zum Trotz. Hunderttausende schauen zu - und die Frauen stehen Spalier, winken von den Balkonen und bringen ihren Schützen Blumen, als würden die Männer in das letzte Gefecht für Ehre und Vaterland ziehen. Der Film von Claus Wischmann und Martin Koddenberg nähert sich auf subtile Weise einem schwierigen Gefühl. Traditionen und Rituale werden gelebt, um zu retten, was mehr und mehr verschwindet: Ein Gefühl von Heimat. Ein Film in bester dokumentarischer Manier des genauen Beobachtens und Betrachtens dort, wo Deutschland liegt.