Tatort
29.09.2024 • 20:15 - 21:45 Uhr
Serie, Krimireihe
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Produktionsland
D
Produktionsdatum
2024
Altersfreigabe
12+
Serie, Krimireihe

Ein Abschied zum Freidrehen

Von Eric Leimann

Nach knapp zehn Jahren macht das Ermittler-Duo Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) Schluss mit dem expressionistischen "Tatort: Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh'n". Matthias Brandt spielt einen Psychologen, der selbst Probleme hat – und eine Blutspur hinter sich herzieht.

Ja, ist denn heut' schon Tukur-Sonntag? Der Gedanke schießt einem nach wenigen Minuten der HR-Produktion "Tatort: Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh'n" in den Kopf. Doch dann – nach einem schwebenden Mann auf einer bunten Wiese, der von dort auf die Frankfurter Skyline schaut, holen einen die Ermittler Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) aus der psychedelischen Meditation. Sie wurden zu einer öffentlichen Toilette gerufen, in der sich ein Junkie scheinbar den goldenen Schuss gesetzt hat. In seiner Tasche hatte er eine Visitenkarte von Brix. Dieser glaubt nicht dran, dass der Mann per Drogenunfall aus dem Leben schied, denn er war seit fünf Jahren clean – und sein Informant. Dann springt die Handlung zum Mann auf der Wiese zurück, der uns nun als Psychotherapeut Dr. Grünfels (Matthias Brandt) vorgestellt wird.

"Tristan Grünfels fühlte sich oft nur wie ein Zuschauer im Lebensstück seiner Familie", sagt der in diesem Krimi omnipräsente und allwissende Erzähler (ebenfalls gesprochen von Matthias Brandt) über die Episoden-Hauptfigur.

Grünfels, so erfährt man bald, hat noch ärgere Probleme als nur die Entfremdung von seiner Frau (Patrycia Ziolkowska) und den beiden fast erwachsenen Kindern (Maja Bons, Niko Jungmann). Der Seelenklempner spricht mit seinem eigenen Doppelgänger. Er sieht Dinge, die andere nicht sehen – und er zieht eine Blutspur hinter sich her. Ermordet der Psychologe Menschen, ohne dass er es so richtig mitbekommt?

Nun passiert etwas noch Skurrileres: Grünfels, der nebenbei als Angehörigen-Betreuer für die Frankfurter Polizei arbeitet, wird von Janneke gebeten, die Hinterbliebenen einer Frau zu trösten, die er selbst ermordet haben könnte. Wie gesagt, man wähnt sich ob der irren Ploteinfälle des Autorenduos Michael Proehl und Dirk Morgenstern tatsächlich eher in einem Tukur-Tatort. Der jedoch ist erst drei Wochen später mit der Folge "Tatort: Murot und das 1000-jährige Reich" im Ersten an der Reihe. Nein, wir sind hier beim Frankfurt-Krimi: Es ist der 19. und letzte "Tatort" mit den Ermittlern Janneke und Brix – weil deren Schauspieler nach neuneinhalb Jahren ausscheiden. Wer Margarita Broich und Wolfram Koch nachfolgt, hat der Hessische Rundfunk auch schon verraten: Melika Foroutan und Edin Hasanović werden ab 2025 das neue "Tatort"-Ermittlergespann in Frankfurt geben.

Eintracht Frankfurt beim "Tatort"

Für den Abschied des Ermittler-Duos vom Main haben die Macher viele Freidreh-Momente erschaffen und dazu "Easter Eggs" in der Handlung versteckt, wie man kleine Scherze und Überraschungen für Fans und Eingeweihte in der Filmsprache nennt. Da wäre zum einen die Gastrolle eines in Frankfurt geborenen Fußballprofis: Bei einer Wohnungsdurchsuchung trifft Brix auf eine überraschte Reinigungskraft. Gespielt wird sie von Timothy Chandler – Kultkicker und Spaßvogel im Bundesliga-Fußballteam von Eintracht Frankfurt. Der nächste Cameo-Auftritt eines Star-Kickers nach Joshua Kimmichs Rolle als Fitness-Trainer in den Münchner "Tatort"-Folgen "Hackl" (2023) und "Schau mich an" (2024).

Dann sind da noch die Klo-Sprüche auf der Toilettenwand bei Brix' und Jannekes erstem Toten: "Lieber Grie Soß als brauner Käs" steht da als politisch-kulinarisches Hessen-Statement oder – noch besser – "Peter Feldmann make Offenbach great again". Für Frankfurt-Fremde: Peter Feldmann war der verhasste Oberbürgermeister der Stadt, der von den Bürgern abgewählt wurde und Offenbach ist, nun ja, der kleine, arme Nachbar, über den man sich in Frankfurt gerne lustig macht.

Doch wie ist der "Tatort: Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh'n" nun geworden? Ziemlich abgedreht auf jeden Fall und auf keinen Fall wird er den Fans traditioneller Sonntagabend-Krimis gefallen. Natürlich ist es für Regisseur Till Endemann ("Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz") ein Pfund, dass er einen Schauspieler wie Matthias Brandt in einer ziemlich dominanten Episoden-Hauptrolle bei sich weiß. Doch selbst Brandt, eigentlich Meister des Underactings, scheint dieser Trip, den er da spielen muss, fast ein wenig zu viel zu sein.

Eines jedoch kann man dem Abgang von Janneke und Brix allerdings nicht vorwerfen: dass er langweilig und unkreativ ist. Die Autoren Michael Proehl und Dirk Morgenstern sind bekannt für Krimis im Arthaus-Grenzbereich. Von Proehl, übrigens auch ein gebürtiger Frankfurter, stammt der berühmte Tukur-Fall "Tatort: Im Schmerz geboren" (2014). Gemeinsam mit Morgenstern schrieb er auch den bereits erwähnten kommenden Tukur-Fall "Tatort: Murot und das 1000-jährige Reich".

Zu irre oder eine irre gute Idee?

Der Abschiedsfilm für die Frankfurter Ermittler erschafft starke psychedelische Bilder mit viel doppeltem Boden und Kunstbezug. Beispiel gefällig? Psycho-Psychologe Grünfels wird in einer Szene zur Galerie des Freundes seiner Tochter gelotst. In den Video-Installationen, die man dort betreten kann, mischt sich das berühmte Romantik-Gemälde "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich mit animierten Horrorszenen. In der dunklen Romantik des Motivs läuft ein noch dunkleres Monster auf den eh schon verrückten Protagonisten zu. Zu irre oder eine irre gute Idee? Dies müssen Zuschauende selbst entscheiden, denn für beide Sichtweisen liefert der Film Argumente.

Bleibt noch der finale Abgang von Janneke und Brix selbst. Er scheint leicht und vielleicht etwas (zu) fantasievoll auszufallen. Doch auch hier gilt: Selbst das Runde einer Geschichte liegt manchmal im Auge des Betrachters.

Tatort: Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh'n – So. 29.09. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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