Wie viel Geld bringt ein Frühchen?
05.09.2022 • 23:35 - 00:20 Uhr
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Originaltitel
Wieviel Geld bringt ein Frühchen?
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2022
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Gesundheit oder Geld?

Von Martina Maier

Das Wohl der Patienten steht an erster Stelle – oder doch manchmal eher das Klingeln der Klinikkassen? Die Dokumentation "Wieviel Geld bringt ein Frühchen?" wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen deutscher Krankenhäuser, in denen mit nicht zwingend notwendigen Behandlungen im großen Stil kassiert wird.

Babys, die ohne medizinische Notwendigkeit deutlich vor dem errechneten Termin auf die Welt geholt werden? Schwerstkranke, die länger beatmet werden als unbedingt nötig? Was schwer vorstellbar scheint, soll an manchen deutschen Kliniken offenbar längst Alltag sein – aus finanziellen Motiven. Denn mit der Behandlung von zu früh geborenen Kindern oder Intensivpatienten können Kliniken eine Menge Geld verdienen. Die Biologin und Journalistin Claudia Ruby beleuchtet das Thema Krankenhausfinanzierung. Ihre Dokumentation "Wieviel Geld bringt ein Frühchen? – Warum Kliniken in Deutschland Gewinne machen (müssen)" ist nun im Ersten zu sehen.

Das Geburtsgewicht eines Babys ist mitentscheidend für die Abrechnung der Behandlungskosten: So überweisen die Krankenkassen für ein Kind, das mit weniger als 1.000 Gramm auf die Welt gekommen ist, deutlich mehr Geld als für einen Säugling, der das Doppelte auf die Waage brachte, oft 100.000 Euro und mehr. Ähnliches gilt für schwerkranke Patienten auf Intensivstationen: Je länger beatmet wird, desto größer ist die Zahlung an die Klinik.

Mediziner werden unter Druck gesetzt, um unnötige Therapien durchzuführen

"Kein Arzt wird eine intakte Schwangerschaft unterbrechen, um ein Frühchen zu produzieren", sagt Claudia Ruby. Es gehe vielmehr darum, dass komplizierte medizinische Entscheidungen durch finanzielle Anreize beeinflusst würden. Wenn etwa in einer problematischen Schwangerschaft eine verfrühte Entbindung gerechtfertigt werden könne, aber nicht zwingend durchgeführt werden müsse. Über diesen Zwiespalt sprechen im Film Neonatologen und Geburtshelferinnen. Darüber hinaus kommen Assistenz- und Chefärztinnen und -ärzte, Verbandsvertreter und Pflegekräfte zu Wort, aus Angst vor beruflichen Konsequenzen teils anonymisiert. Sie berichten Erschütterndes aus ihrem Umfeld.

"Ich fand es eindrucksvoll zu sehen, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte sich gegen dieses System wehren. Der Druck, der in einigen, nicht in allen, Krankenhäusern auf sie ausgeübt wird, ist enorm", sagt Claudia Ruby. "Die Arbeitsverträge verbieten den Medizinerinnen ud Medizinern, über Interna zu sprechen, und so wird ziemlich effektiv verhindert, dass das ganze Ausmaß der Ökonomisierung im Krankenhaus an die Öffentlichkeit kommt."

Doch wie kann der Missstand, dass Geld häufig vor Gesundheit rangiert, gelöst werden? Claudia Ruby plädiert für eine umfassende Reform der Krankenhausfinanzierung, wie von Minister Karl Lauterbach (SPD) angekündigt. "Ein wichtiger Punkt wären Vorhaltekosten", erklärt die Biologin. Das bedeutet, dass nicht fast die komplette Finanzierung der Krankenhäuser davon abhängt, dass sie Fälle behandeln – auch die Vorhaltung, das heißt die Bereitstellung von Fachpersonal wie bei Polizei oder Feuerwehr, muss finanziert werden. "Die Forderung nach 'mehr Geld' wird das Problem nicht lösen, denn wir haben bereits ein sehr teures Gesundheitssystem. Es geht darum, es so zu verteilen, dass für die Patienten eine bessere Versorgung dabei herauskommt."

Die Story im Ersten: Wieviel Geld bringt ein Frühchen? – Mo. 05.09. – ARD: 23.35 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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