Ballenzeh-Therapie

Schmerzhafter Ballenzeh: OP nötig oder geht’s auch ohne?

16.03.2026, 01.00 Uhr
Zu enge Schuhe können auf Dauer einen schmerzhaften Ballenzeh, den Hallux valgus, verursachen. Nicht immer muss operiert werden. In welchen Fällen konservative Behandlungen ausreichen, welche OP-Methoden besonders schonend sind und wie man vorbeugen kann – diese Fragen hat prisma dem leitenden Orthopäden und Fußchirurgen der Gelenk-Klinik Gundelfingen, Dr. Thomas Schneider, gestellt.

prisma: Bei Hallux valgus gibt es über 100 Operationsmethoden. Muss es denn immer eine OP sein?

Dr. Schneider: Nein, keineswegs. Im Anfangsstadium dieses schmerzhaften Schiefstands der Großzehe können konservative Maßnahmen die Beschwerden lindern. Dazu zählen Fuß- und Zehengymnastik ebenso wie Schaumstoffpolster oder Hallux-valgus-Schienen zur Schmerzlinderung. Zurückdrehen lässt sich der Prozess der Fehlstellung natürlich nicht. Aber je besser die Fußmuskulatur ausgebaut ist, umso besser kann der Ist-Zustand erhalten werden. Der Patient hat die Möglichkeit, dem Fuß insgesamt eine bessere Konstitution zu geben.

Gilt das für jedes Alter?

Ja, auch wenn die Fehlstellung zu einem gewissen Grad bleibt, können die Schmerzen zumindest reduziert werden. Bei einer schweren, nicht ausgleichbaren Fehlstellung, bei der eventuell auch bereits benachbarte Zehen teilweise betroffen sind, greift die spezielle Physiotherapie nicht mehr so richtig, denn die aus der Fehlstellung resultierende Fehlbelastung schädigt benachbarte Strukturen. 

Wann muss operiert werden?

Ist die Fehlstellung so weit fortgeschritten, dass sie sich weder aktiv noch passiv korrigieren lässt und der Fuß fehlbelastet ist, bleibt nur eine der rund 100 verschiedenen OP-Methoden. Diese haben alle das Ziel, den „Normalzustand“ der Großzehenstellung wiederherzustellen und Schmerzen weitgehend zu reduzieren. Heute können sehr spezialisierte Ärzte alle Fehlstellungen minimal-
invasiv operieren, das heißt gewebeschonend, mit kleinsten Schnitten. Teilweise kommen Implantat-freie Verfahren zum Einsatz, ohne Schrauben oder Metallteile.  

Werden die OP-Verfahren individuell auf den Patienten abgestimmt?

Ja, denn Hallux valgus ist eine Sammeldiagnose für sehr unterschiedliche Krankheitsprozesse. Die Therapie muss dem individuellen Zustand gerecht werden. Dabei spielen Anamnese, klinisches Bild, Alter, Lebensweise, Geschichte und Anspruch des Patienten eine wesentliche Rolle. Selbst die gewünschte Nachbehandlungszeit sollte berücksichtigt werden. Zudem sind die Begleitumstände sehr unterschiedlich. Häufig kann auch minimal-
invasiv das Ziel erreicht werden.

Was wird bei einer OP gemacht?

Das Prinzip aller OP-Methoden ist weitgehend gleich: Bei einem Hallux valgus-Eingriff wird Knochen durchtrennt und dessen Achse wieder gerade ausgerichtet. Ziel ist es, den Zug der Sehnen und Muskeln an der Großzehe zu normalisieren. Hat die Großzehe wieder ihre normale Form, so ist auch wieder eine normale Abrollbewegung herstellbar. Grundsätzlich gilt: Je schwerer die Fehlstellung, umso aufwändiger die Rehabilitation. Meist werden Eingriffe an mehreren Geweben – also Sehnen, Weichteile, Gelenkkapseln und Knochen – vorgenommen, um das Ziel der Operation zu erreichen. 

Wie hoch sind die Erfolgsaussichten?

Generell hängt der Erfolg eines jeden Hallux valgus-Eingriffs stark davon ab, zu welchem Zeitpunkt die Behandlung beginnt, wie konsequent die Nachbehandlung durchgeführt wird und wie sehr der Patient motiviert ist. Die Rezidivquote, also die Rate erneuter Fehlstellungen, liegt laut Fachliteratur bei nur etwa fünf Prozent. Das bedeutet: Circa 90 Prozent der Patienten haben nach der OP keine Probleme mehr. 100 Prozent sind leider nicht erreichbar. Denn hat ein Patient beispielsweise eine ausgeprägte Arthrose durch eine langjährige Fehlstellung im Gelenk, so wird das Ergebnis weniger gut ausfallen.

Was muss ich nach der OP beachten?

Obligatorisch ist ein Verbandschuh. Er sorgt für die Schonung des Fußes und muss für vier bis sechs Wochen getragen werden. Eine Gehhilfe oder Krücke ist nicht erforderlich. Um die Schwellung zu vermindern, sollte der Fuß in den ersten zwei Wochen nach der OP möglichst hochgelegt werden. Intensiven Belastungen etwa durch Sport sollte der Fuß erst nach drei Monaten ausgesetzt werden.

Warum leiden vor allem Frauen unter Hallux valgus?

In der Tat sind drei von vier Patienten Frauen. Grund dafür sind die genetische Veranlagung und ein schwaches Bindegewebe. Aber auch Deformationen durch hohe Absätze oder zu enge Schuhe verursachen sehr häufig einen Hallux valgus.

So beugen Sie einem Hallux valgus vor

Vorbeugend empfehlen Orthopäden häufiges Barfußlaufen sowie Übungen, die den Vorfuß schmal machen und das Quergewölbe aufbauen. Dazu gehört beispielsweise folgendes Kurz-Training, das auch die Wahrnehmung des eigenen Standes beziehungsweise des Gleichgewichts fördert: Rollen Sie zunächst mit dem rechten Fuß mehrfach leicht über einen Tennis- oder Igelball (Foto 1). Erspüren Sie dabei die Hauptbelastungszonen, Hohlräume und den Spannungszustand der Zehen (Foto 2). Machen Sie das Gleiche mit dem linken Fuß (Foto 3) und vergleichen Sie auch jetzt das Gefühl vorher und nachher.