17.10.2014 Polizeiruf 110 am Sonntag

Absurdes Theater

von Detlef Hartlap
Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) bei seiner Ankunft in Cadenbach, im Hintergrund: Friedensaktivisten.
Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) bei seiner Ankunft in Cadenbach, im Hintergrund: Friedensaktivisten.  Fotoquelle: BR/Julia von Vietinghoff

Dominik Graf (62) aus München, der mit zunehmendem Alter dem aus Augsburg stammenden Bert Brecht immer ähnlicher wird, gehört zu den herausragenden deutschen Filmregisseuren. Nicht ganz ausgeschlossen, dass er Anfang nächsten Jahres für seinen Schiller-Film "Die geliebten Schwestern" mit einem Oscar geehrt wird.

Doch was er sich bei dem Polizeiruf "Smoke on the Water" gedacht hat, bleibt sein Geheimnis. Dieser Film wird auf der Verärgerungsskala des Publikums ganz weit oben stehen, und das nicht, weil das Publikum zu dumm wäre, sondern weil der Film mit zunehmender Dauer aus den Fugen gerät oder genauer: er atomisiert sich selbst.

Die Lust verloren

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Das Ende wirkt wie ein absurdes Theaterstück von Eugène Ionesco, nur dass die Absurdität bei Ionesco auf paradoxe Weise Sinn macht und außerdem meist ziemlich unterhaltsam bleibt. Graf verliert sich in einem auf ein Zimmer beschränkten Showdown mit zwei Maskenmännern, die als Polizisten verkleidet sind (oder auch umgekehrt, das erfährt man nicht), und man kann sich des Gefühls nicht erwehren: irgendwo, irgendwann hat Meister Graf die Lust an dem Stück verloren.

Dabei beginnt es vielversprechend. Die Ereignisse eines für eine Journalistin tödlich endenden Abends, die Vernehmung mit dem Verdächtigen, schließlich auch der tatsächliche Hergang, all das wird brillant ineinander und nebeneinander geschnitten, und das Bild einer emotionalen Entgleisung und deren von Geld und Macht geprägten Vertuschung nimmt Konturen an, die beim Zuschauer den Wunsch erwecken: Dem Kerl muss es der von Meuffels zeigen!

Sagenhaft teure Waffensysteme

Der Kerl heißt Dr. Joachim von Cadenbach (Ken Duken), bayerischer Abgeordneter mit Kontakten zur Kanzlerin, ungekrönter König eines Dorfes namens Cadenbach und Hersteller von Präzisionsgeräten, mit denen sagenhaft teure Waffensysteme ausgestattet werden.

Bei dieser Ausgangslage hätte eine spannende und gewiss von mancherlei politischen und wirtschaftlichen Rücksichtnahmen behinderte Ermittlung einsetzen können, so wie wir das von Senta Bergers famosen "Unter Verdacht"-Folgen gewohnt sind, wo die Herrlichkeit Bayerns immer wieder neu als Eine-Hand-wäscht-die-andere-Panoptikum entlarvt wird.

Aber der Verdacht, dass wir es doch mit einer Klamotte zu tun bekommen, entsteht, als von Meuffels (Matthias Brandt) das Geheimnis um die ermordete Journalistin damit zu lüften beginnt, indem er das Navi ihres Mietwagens befragt, der offenbar tagelang von keinen weiteren Kunden gefahren wurde.

Außer Rand und Band

Das Märchenhafte setzt sich fort, als vor dem Cadenbach'schen Anwesen eine größere Gruppe von Demonstranten außer Rand und Band gegen die Geschäfte mit den Präzisionsgeräten demonstriert; zumindest wäre das eine neue Variante, wenn vor den Fabriken der Waffenhersteller gegen den Krieg protestiert würde.

Cadenbach & Meuffels, obschon altersmäßig ein, zwei Jahrzehnte auseinander, kennen sich natürlich und duzen sich, weil sie doch einst dasselbe Internat absolvierten. Adel zu Adel gesellt sich gern. Wenn Cadenbach die Dorfkneipe auch nur betritt, löst er bei einem gar fein in Dirndl gewandeten Maderl sogleich einen Orgasmus aus.

Immerhin, bis dahin kann man folgen, was gegen Ende des Films zusehends schwerfällt. Man hat das Gefühl, dem Autor (Buch Günter Schütter) ist der Stoff ausgegangen, oder Dominik Graf hatte wegen anderer Verpflichtungen keine Zeit, das Stück mit Anstand zu Ende zu bringen.

Ein Jammer für den Polizeiruf 110

Das ist ein Jammer für den Polizeiruf 110, der in den letzten Jahren fast ausnahmslos eine Spur niveauvoller war als das Gros der Tatort-Folgen und der schon in 14 Tagen mit seiner Rostocker Besetzung in "Eine Familiensache" eine Sternstunde erleben wird.

Das ist ein Jammer auch für Matthias Brandt, dessen Hanns von Meuffels eine der interessantesten, weil vielschichtigsten Serienfiguren des Fernsehens ist. Die bekannten deutschen Kinoregisseure zieht es zu von Meuffels/Brandt, nicht nur Dominik Graf.

Die nächste Folge dreht gerade Christian Petzold ("Barbara", "Phoenix"). Und der beste Kriminalfilm, wenn nicht überhaupt bester Fernsehfilm des Jahres 2013 war die von Leander Haußmann inszenierte Polizeiruf-Folge "Kinderparadies", ein großartig inszeniertes Psychogramm einer Gutmenschen-Gruppe, die sich in Stolz und Leidenschaft mörderisch verheddert – bis am Ende ein kleines Mädchen hilflos zurückbleibt, um das sich Kommissar von Meuffels auf seine Weise hilflos zu kümmern versucht.

Leander Haußmann brachte sogar den Joke zustande, den Not-Vater Matthias Brandt über sein Verhältnis zu Willy Brandt sinnieren zu lassen: "Mein Vater war ja so'n hohes Tier und selten zu Hause. Ich kannte ihn eigentlich nur vom Fernsehen."

Von solchen Geniestreichen ist Dominik Graf, zumindest in diesem Film, weit entfernt.

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