Für viele ist Albrecht Schuch noch ein Geheimtipp. Dabei gilt der hochbegabte Schauspieler längst als Versprechen auf Großes. Im TV ist er nun binnen 48 Stunden in "Der Polizist und das Mädchen" und "Kruso" zu sehen.

Albrecht Schuch gehört nicht zu jenen smarten jungen Leuten, die immer gut drauf, immer kommunikativ, aber eben auch ein wenig hüllenhaft sind. Wenn ihm ein Gedanke nachhängt, kann es schon mal sein, dass man ihn abwesend oder gar mürrisch erlebt. Schuch ist keiner, der jedes Tempo mitgeht. Er nimmt sich heraus, sein eigenes Ding zu machen. Das wiederum lässt ihn im Fernsehen, das ja allzu oft nicht mehr als schnöde Bedürfnisbefriedigung ist, so besonders wirken. Man fürchtete sich vor ihm als NSU-Terrorist "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage", erlebte ihn als sensiblen Maler Otto Modersohn in "Paula" oder gequältes Investment-Superhirn in der ZDF-Miniserie "Bad Banks". Nun brilliert der jüngere Bruder von Kollegin Karoline Schuch ("Katharina Luther") im leisen Ausnahme-Krimi "Der Polizist und das Mädchen" (Montag, 24.09., 20.15 Uhr, ZDF) sowie der Literaturverfilmung "Kruso" (Mittwoch, 26.09., 20.15 Uhr, ARD).

prisma: Sie waren vier oder fünf Jahre alt, als die DDR aufhörte zu existieren. Glauben Sie, dass sie diesen verblichenen Staat noch in sich tragen?

Albrecht Schuch: Zu gewissen Teilen natürlich. Das geht bestimmt vielen in meinem Alter so. Wir sind von unseren Eltern, Großeltern, älteren Freunden erzogen worden. Leute, die mit der Mauer gelebt haben. In meinem Fall kommen noch dazu: der Schlagzeug-Lehrer, der Badminton-Trainer, viele Lehrer an der Schule. All diese Menschen, mit denen ich zu tun hatte, reichten Teile ihres Lebens an mich weiter und wenn es nur ihre Geschichten waren!

prisma: Glauben Sie, heute noch zu spüren, ob jemand eine Ost- oder Westgeschichte in sich trägt?

Schuch: Ich war schon immer ein großer Fan von Dialekten und glaube, dass ich es vielen Leuten anhöre, aus welcher Region Deutschlands sie kommen. Früher wollte ich dieser Herkunft auch gerne bestimmte Charaktereigenschaften zuordnen. Das finde ich ziemlich oberflächlich von mir, wenn ich heute darüber nachdenke (lacht). Mittlerweile versuche ich mich stärker daran zu beteiligen, dass Deutschland mehr zusammenwächst. Dazu gehört es auch, bestimmte regionale Klischees abzustreifen.

prisma: Das Buch "Kruso" wurde gefeiert, weil es DDR und Wendezeit in einem neuen Licht erscheinen ließ. Roman und Film zeigen Aussteiger und Träumer, die sich auf der Insel Hiddensee ein alternatives Leben organisiert haben ...

Schuch: Toll an der Geschichte ist, wie sehr sie sich auf die Menschen konzentriert. Weil sie eben nicht so sehr den Event-Charakter von Flucht oder Mauerfall ins Zentrum rückt. Dass "Kruso" die DDR mit Attributen wie "märchenhaft" in Verbindung bringt, ist ja schon mal ein neuer Blickwinkel. Die Situation auf Hiddensee, von wo aus man Dänemark fast sehen konnte, war ja auch einigermaßen absurd. Unten am Strand feierten Aussteiger, mitunter nackt, ihre Punk-Partys. Und oben im Wald standen Grenzsoldaten und Stasi. Dennoch war Hiddensee ein Ort, an dem man zumindest gefühlt freier leben und sich äußern konnte als in der übrigen DDR.

prisma: Kruso, den Sie spielen, ist in diesem Szenario ein geistiger Führer jener Aussteiger. Jemand, der eine andere Art Freiheit sucht, als es der sich andeutende Fall der Mauer im Sommer 1989 verspricht. Die Grenzöffnung macht Kruso traurig. Können Sie seine Trauer nachempfinden?

Schuch: Zunächst mal versuche ich, jede Rolle emotional aus der Person heraus zu verstehen, die ich spiele. Kruso ist allein. Er hat in jungen Jahren seine Familie verloren. Auf Hiddensee, in einer Ausflugsgaststätte namens Klausner, hat er sich eine neue Familie aufgebaut. Als die Grenze löchrig wird, gehen immer mehr Leute weg. Er verliert seine Ersatzfamilie und seine Aufgabe im Leben. Kruso, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, anderen zu helfen, möchte dadurch auch ein bisschen sich selbst helfen und heilen. Auch das spielt in diesem Stoff eine Rolle.

prisma: Wo liegen die Unterschiede zwischen dem Roman, der 2014 mit dem "Deutschen Buchpreis" ausgezeichnet wurde, und dem ARD-Film "Kruso"?

Schuch: Der Film verdichtet und verknappt – wie immer. Ich würde aber sagen, dass das Buch noch mehr Kapitalismus-Kritik herausarbeitet. Kruso redet im Buch viel mehr vom kapitalistischen Feind, dem man helfen muss (lacht). Das kommt im Film erst am Ende ein bisschen raus, als Kruso von den Westlern erzählt, die mit ihrem ganzen "bunten Firlefanz" rüberkommen. Erst dann wird seine politische Haltung im Film deutlich. Er spricht von einer "Verklebung der Sinne", wenn ich mich recht erinnere.

prisma: Kann der Film das Poetische des Buches, das viele Leser und Kritiker begeisterte, überhaupt transportieren?

Schuch: Kruso hat viel von einem Indianer. Während meiner Dreharbeiten zu "Die Vermessung der Welt" in Ecuador habe ich mit Schamanen reden können. Einer sagte mir, dass wir heute kaum noch ohne Erwartungen in Situationen gehen, denn wir Menschen sind – bei allem, was wir tun – mittlerweile vollgestopft mit Erwartungen. Da ist es sicher gut, mit einem Stoff wie "Kruso" diesbezüglich ins Wanken zu geraten und vielleicht zu lernen, ein Stück weit offener durch die Welt zu gehen.

prisma: Sie sind binnen 48 Stunden in zwei sehr unterschiedlichen Hauptrollen im Fernsehen zu sehen. Als schwärmerischer, hochemotionaler Kruso und zuvor als gequälter Polizist, der versucht, all seine Emotionen wegzusperren. Was kostete schauspielerisch mehr Kraft?

Schuch: Schwer zu sagen. Während der Drehzeit von "Der Polizist und das Mädchen" habe ich die Leute im Café oder auf der Straße schon ein bisschen wie ein Polizist beobachtet (lacht). Skeptischer, vorsichtiger, vielleicht aber auch hilfsbereiter. Je länger ich meinen Beruf ausübe, desto feinere Rituale lege ich mir allerdings auch zu. Rituale, um Rollen zeitweise oder für immer weglegen zu können. Ich merke, dass das für mein inneres Gleichgewicht wichtig ist.

prisma: Welche Rituale sind das?

Schuch: Was ich verraten möchte ist, sie sind körperlicher und meditativer Art: Sport, Yoga. Oder ich gehe schwimmen.

prisma: Welche Rollen machten Sie traurig?

Schuch: Der NSU-Terrorist in "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage" zum Beispiel. Da war ich zum ersten Mal mit so einem Wahnsinns-Charakter konfrontiert. Woraus ich auch lernte, Menschen nicht mehr so einfach zu charakterisieren. Wenn man sich diese ganzen ideologischen Dinge reinpeitscht und "Mein Kampf" liest, wenn man Enthaltsamkeit übt – ich habe vier Monate auf Zucker und andere Genussstoffe verzichtet – dann macht das etwas mit dir.

prisma: Können Sie sich im Film gut selbst beim Spielen zusehen?

Schuch: Ich habe gerade meine zweite Hörbuch-Produktion hinter mir. Dabei fiel mir auf: Mir nur zuzuhören, fällt mir noch schwerer, als mich auf der Leinwand zu sehen und zu hören (lacht). Früher fiel mir auch das schwerer. Ich schätze, solche Dinge werden mit der Erfahrung besser.

prisma: Sehen Sie auch, wie viele Schauspieler, vor allem Ihre Fehler in einem Film?

Schuch: Ich muss jeden Film zweimal sehen. Beim ersten Mal konzentriere ich mich sehr auf mein Spiel und stelle mir die Frage: Ist meine, ist unsere Vision von der Rolle aufgegangen? Erst beim zweiten Ansehen kann ich einen Film als Film sehen.

prisma: Sie haben mal auf die Frage nach der Art ihres schauspielerischen Talents geantwortet, es läge in einer ausgeprägten Form von Empfindsamkeit. Inwiefern kommt Ihnen diese Eigenschaft als Schauspieler zugute – und wo genau fängt das Leiden darunter an?

Schuch: Ich suche immer mehr nach dem Schlüssel, den ich am Ende des Tages in die Tasche stecken kann. Einen Schlüssel zur Tür, die am nächsten Tag wieder aufgemacht werden will. Eine, die in die Fantasiewelt führt. Gerade dann, wenn es schwere Rollen sind. Ich habe gerade eine moderne Adaption von "Berlin Alexanderplatz" fürs Kino abgedreht. Da spiele ich Reinhold, die Verkörperung des Bösen. Auch das war wieder eine gruselige Erfahrung. Andererseits ist Empfindsamkeit eine Eigenschaft, deren Bedeutung in der heutigen Zeit unterschätzt wird. Und ich rede nicht von der Schauspielerei, sondern von allen Berufen, allen Menschen. Eine größere Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, würde uns Menschen bei der Lösung vieler großer Probleme entscheidend weiterhelfen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst