Als Festspielintendant, Fastenprediger beim Nockherberg und nicht zuletzt als Schauspieler hat Michael Lerchenberg schon viel erlebt. Dass sein neuer Fernsehfilm "Verliebt in Kroatien" eine Reise in seine eigene Vergangenheit wird, hätte der 66-Jährige aber wohl nicht erwartet.

Michael Lerchenberg (66) ist zweifelsohne ein bayerisches Urgestein. Als Parodist des ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und später auch als Fastenprediger Bruder Barnabas gehörte er mehr als zwei Jahrzehnte zum festen Ensemble des Nockherbergs. Außerdem war er von 1995 bis 2008 neben Ottfried Fischer in "Der Bulle von Tölz" zu sehen und arbeitete jahrelang als Intendant bei den Luisenburg-Festspielen im oberfränkischen Wunsiedel. Für seinem neuen Film "Verliebt in Kroatien" (Freitag, 28. Februar, 20.15 Uhr, ARD) hat es den gebürtigen Dachauer an die Adria verschlagen. Im Gespräch verrät der Schauspieler, warum die Arbeit an der kroatischen Mittelmeerküste ein Déjà-vu war, was er mit Edmund Stoiber gemein hat und spricht über die geteilte Seele der Bayern.

prisma: Sie haben für "Verliebt in Kroatien" dort gedreht, wo andere ausspannen. Wie war der Dreh?

Michael Lerchenberg: Urlaub haben wir natürlich nicht gemacht, weil es wirklich ein anstrengender Dreh war. Auf der anderen Seite war es einfach schön, weil man an Orte kommt, wo der Normalbürger für gewöhnlich nicht hinfährt. Gerade Orte im Landesinneren waren eindrücklich, an die man als normaler Tourist nicht reist, weil es einem dort im Sommer die Birne wegbrennt. Und nach Feierabend saßen wir häufig in einem Strandrestaurant, schauten aufs Meer hinaus, aßen einen schönen Fisch, und wenn man Glück hatte, sprangen sogar Delfine durchs Wasser.

prisma: Dann war der anstrengende Drehtag vermutlich schnell vergessen?

Lerchenberg: Ja, man darf nicht unterschätzen, wie belebend ein solcher Ort für uns Schauspieler ist. Heute werden ja viele Filme vor dem Greenscreen gedreht, das muss brutal sein. Man spielt an imaginären Orten und womöglich noch mit imaginären Partnern, und wenn das dann auch noch gut ist – da ziehe ich tief meinen Hut.

prisma: Zum Drehort haben Sie ja einen persönlichen Bezug ...

Lerchenberg: Das Drehbuch zu lesen, war fast wie ein Déjà-vu, weil ich in Istrien mit meiner Familie dreimal Urlaub gemacht habe. So sind wir 1985 über eine abenteuerliche Schotterstraße gefahren und kamen irgendwann an das Kap Kamenjak, die Südspitze Istriens. Dort sind wir dann, wie jetzt im Film auch, von den Klippen gesprungen. Heute zu sehen, wie sich die Gegenden seit damals verändert haben, ist total spannend. Auch wenn sich die Infrastruktur merklich verbessert hat, hat das Land seinen Charme behalten.

prisma: Ihrer Rolle ist das Gefühl nach Fernweh immanent. Können Sie dieses Gefühl nachvollziehen?

Lerchenberg: Definitiv, ich habe selbst ein Segelboot. Ich war bis 2017 künstlerischer Leiter der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel, die im Sommer stattfanden. Das heißt, in einer Zeit, in der andere in den Urlaub gefahren sind, habe ich gearbeitet. Ich kann mich noch an einen freien Tag erinnern, an dem wir am Starnberger See schwimmen waren und in einem Biergarten gesessen sind. Dann habe ich in der Ferne die Alpen gesehen und dachte mir: "Mensch, das kenne ich eigentlich gar nicht mehr" und habe beschlossen, meinen Vertrag ein Jahr früher zu beenden. Ab einem bestimmten Alter schaut man mehr zurück als nach vorne, und das war so ein Punkt.

prisma: Ihre Rolle Werner stellt im Film bedeutende Lebensentscheidung aus der Vergangenheit infrage. Gibt es auch für Sie Entscheidungen, die Sie im Nachhinein bereuen?

Lerchenberg: Ehrlich gesagt nein. Eines habe ich gelernt: Ganz viele Entscheidungen, die ich teilweise schon als junger Mann getroffen habe, ziehen sich wie ein roter Faden bis ins Jetzt und Heute durch. Alleine die Tatsache, dass ich mich als junger Mensch dazu entschieden habe, an ein Theater in Norddeutschland zu gehen. Dort habe ich dann meine Frau kennengelernt, eine Tirolerin, die damals Tänzerin war. Insofern hätte ich diese Frau wohl nie getroffen, wäre ich nicht nach Norddeutschland gegangen. In der Rückschau kann ich nur sagen: "So wie es war, war es gut." Ich hadere nicht mit meinem Leben – außer vielleicht, dass wir zu wenige Kinder bekommen haben.

prisma: Auf beruflicher Ebene erlebten Sie 2010 mit Ihrem Ende beim Nockherberg als Folge Ihrer umstrittenen Rede einen Einschnitt. Wie blicken Sie auf diese herbe Kritik zurück, die Sie damals abbekommen haben?

Lerchenberg: Das war eine Zäsur, die aber spurlos an mir vorübergegangen ist. Denn man muss unterscheiden: Die massive Kritik kam von bestimmten Politikern, und es war in deren Interesse, dass ich diese Fastenpredigten nicht weitermache. Die Vorgabe der Brauerei damals war schließlich: "Starkes Bier und starke Worte". Daran haben wir uns gehalten. Als Gegenpol zur Kritik stand eine riesige Zustimmung bei den Zuschauern. Bei der ersten Rede erreichten wir laut einer BR-Umfrage eine sagenhafte Zustimmungsrate von 92 Prozent. Nach meinem Rücktritt 2010 habe ich dann irrsinnig viel Post von Zuschauern bekommen, von denen genau zwei kritisch waren. Und noch heute, zehn Jahre später, sprechen mich Leute auf der Straße an und bedauern, dass ich nicht mehr dabei bin. Aus meiner Zeit als Stoiber-Double gibt es einen Spruch von mir ...

prisma: Ja?

Lerchenberg: "Der Nockherberg ist die einzige ernstzunehmende Oppositions-Veranstaltung in Bayern." Das klingt sehr flapsig, aber für mein Nockherbergbuch, das ich 2011 veröffentlichte, hat auch Edmund Stoiber ein Interview gegeben. Da sagte er: "Es gab für mich im politischen Jahr zwei wichtige Reden: Meine Aschermittwochsrede in Passau und die Nockherberg-Rede." In unseren Reden spiegelten wir vieles wider, was sonst nur in Kabarettsendungen um 22.45 Uhr abgehandelt wurde. Dadurch mussten sich Politiker mit ihrer öffentlichen Wahrnehmung beschäftigen – und das auf der großen medialen Bühne zur Hauptsendezeit.

prisma: Apropos Stoiber: Sie füllten diese Figur 24 Jahre aus. Kommt der innere Stoiber auch heute noch ab und zu durch?

Lerchenberg: Nein, das ist mittlerweile viel zu lange her. Aber damals war es schon absurd: Wenn ich diese Figur gespielt habe, habe ich gar nicht mehr versucht, Stoiber eins zu eins nachzumachen, sondern ihn eher wie eine Theaterrolle gespielt. Das Gespenstische war, dass einige Kollegen aus Stoibers Umfeld widerspiegelten, dass ich ihm immer ähnlicher geworden sei. Oder vielleicht ja auch er mir? Das war vollkommen schräg. Als ich Theaterleiter war, gab es aber Momente, in denen wir uns nahe waren ...

prisma: Inwiefern?

Lerchenberg: Stoiber war gewissermaßen ein Freak, der alles kontrollieren wollte und sich mit einem unglaublichen Idealismus in die Akten stürzte. Dahingehend gibt es den Spruch von ihm: "Wenn man nicht alles selber macht." Ja, diesen Satz habe ich auch oft gesagt.

prisma: Wenn man Ihre zahlreichen Engagements und die vielen Auszeichnungen in den Blick nimmt, scheint Ihnen die Wahrung der bayerischen Kultur ein Anliegen zu sein ...

Lerchenberg: Wir reden heute ganz oft über Heimat, und Heimat ist wichtig. Man hat es in den 80er- und 90er-Jahren nach dem Mauerfall und mit dem Einsetzen der Globalisierung gemerkt, dass Menschen vermehrt das Bedürfnis nach Halt und Sicherheit verspürten. Wir hatten in den 90er-Jahren eine Phase, in der bayerische Serien plötzlich von der ARD aus dem Programm genommen wurden. Im Zuge dieser Harmonisierung des Vorabendprogramms hieß es plötzlich, Bairisch sei überregional nicht mehr vermittelbar, obwohl dann "Der Bulle von Tölz" bei SAT.1 Rekordquoten einfuhr.

prisma: Heute boomt der bayerische Krimi wieder, etwa dank der Eberhofer-Filme oder einer Serie wie "Hindafing". Was hat sich geändert?

Lerchenberg: Die Stoffe werden von den Zuschauern, und nicht nur den bayerischen, nachgefragt und man hat auch spannende junge Darsteller. An letzterem bin ich mitschuldig, denn zusammen mit mehreren Kollegen wie Monika Baumgartner, Gert Anthoff oder Franz X. Bogner habe ich 2001 die "Sommerakademie für bairisches Volksschauspiel" gegründet, um junge Schauspieler für dieses Genre zu begeistern und auszubilden. "Hindafing"-Hauptdarsteller Maximilian Brückner ist sicher der prominenteste unserer damaligen Studenten.

prisma: Wie war das mediale Feedback?

Lerchenberg: Als die Gründung dieser Akademie damals öffentlich wurde, haben sich die Münchner Zeitungen mit einer riesigen Begeisterung darauf gestürzt. Plötzlich erkannte man den bayerischen Dialekt wieder als Wert an. Und unseren jungen Kollegen haben wir vermittelt, dass das Bairische kein Sprachfehler ist, sondern eine wunderbare Chance zweigleisig zu arbeiten.

prisma: Finden Sie es einen sinnvollen Vorstoß, Dialekt in die Schulbildung einzugliedern?

Lerchenberg: Absolut, es hat ja uns auch nicht geschadet, in der Grundschule Volkslieder im Dialekt zu singen. Warum sollte man also nicht Franz Xaver Kroetz oder Martin Sperr lesen? Als ich Abitur machte, waren "Jagdszenen aus Niederbayern" von Martin Sperr noch Teil des Lehrplans in der Oberstufe. Wenn ich aus der deutschen Theaterliteratur aus dem 20. Jahrhundert alle Bayern abziehe, da gehört auch Brecht dazu, dann bleibt wenig übrig.

prisma: Was zeichnet die Bayern neben dem Dialekt noch aus?

Lerchenberg: Der Bayer hat tief in seinem Inneren zwei Seelen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen: einmal den Monarchisten und einmal den Anarchisten. Der Anarchist kann in Bayern immer mal wieder eruptiv und überraschend ausbrechen, während der Monarchist eigentlich immer unterschwellig da ist. Nicht zuletzt sind die Erfolge von Franz Josef Strauß dadurch erklärbar, weil man sich eine bairisch-barocke Vaterfigur an der Spitze des Landes wünscht. Aber es gibt auch die wilde Seite, den Protestler, den Rabiaten. Es gab die wildesten Revolutionen in Bayern, etwa wenn der Bierpreis erhöht wurde. Da musste sogar das Militär ausrücken, weil es zu solchen Unruhen kam. Von der Münchner Räterepublik ganz zu schweigen.

prisma: Dennoch wird gerade in der Landeshauptstadt München kaum noch Dialekt gesprochen ...

Lerchenberg: Das ist richtig und hängt vor allem mit dem Zuzug und der damit einhergehenden Umschichtung zusammen. Als ich in München in der Grundschule war, war die natürliche Umgangssprache Bairisch. Ein Junge kam mal aus Pirna in Sachsen zu uns. Der hat sehr schnell so geredet wie wir, sonst hätte er keine Chance gehabt. Heute ist es genau umgekehrt, und ein bairisch sprechendes Kind ist in einer Münchner Schule ein Exot.

prisma: Woran liegt das?

Lerchenberg: Das hängt damit zusammen, dass Kinder heute sprachlich mit anderen Dingen konfrontiert werden. Ich bin der Meinung, wir haben keine Muttersprache mehr, sondern eine Mediensprache, die sich über die permanente Nutzung des Internets und von Radio und Fernsehen entwickelt. Und in einer Großstadt kommt das noch stärker zum Tragen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH