Fast im Alleingang modernisierte er in den vergangenen Jahren das deutsche Fernsehen: Mit seinem "Neo Magazin Royale" hievte Jan Böhmermann ein altbackenes Medium ins 21. Jahrhundert – und blieb zugleich konservativ: Mit ironisiertem pädagogischem Anspruch sollen die Zuschauer lachen und lernen, für liberale Ideale wie Demokratie, Bürgerrechte und Bildung einzustehen. Neben politisch-medialen Aktionen greifen der 37-Jährige und sein Team dabei auf den klassischen hiesigen Erziehungskanon zurück. Waren es im vergangenen Jahr Kurzfilmversionen von "Faust" und "Effi Briest", widmet man sich diesen Sommer einem Kinderbuchklassiker: Mit vielen Gaststars interpretiert das "Neo Magazin Royale" in "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter" (Freitag, 8. Juni, 23 Uhr, ZDF) die Geschichten von "Hans Guck-in-die-Luft", "Daumenlutscher" und Co. für die Generation der Millennials neu.

Böhmermann bringt die digitalisierte Generation Y und den Dino TV wie selbstverständlich zusammen – garniert mit Selbstironie und Gesellschaftskritik. In diesem Sinne darf der 37-jährige als liberal-konservativer Moralist gelten: Jede Grenzüberschreitung soll auch die althergebrachte Vorstellung einer aufgeklärten Gesellschaft hochhalten – gegen Autoritarismus ("Reconquista Internet"), Medienbias ("Varoufake") und Kulturindustrie ("Menschen, Leben, Tanzen, Welt"). Basis dafür liefern die sozialen Medien, die Popkultur und politischen Geschehnisse – vor allem aber auch ein bildungsbürgerlicher, verfassungspatriotischer Anspruch, den Böhmermann nicht zurückweisen würde.

Aus dieser Perspektive muss man auch den aktuellen Versuch des Moderators betrachten, der inzwischen vor allem als Entertainer, Kabarettist, Sänger und Schauspieler agiert. In der zeitgemäß neu aufgelegten Fassung des Klassikers "Struwwelpeter", den Heinrich Hoffmann vor 150 Jahren veröffentlichte, gibt Böhmermann im überaus passenden Kostüm die jugendliche Titelfigur, die seine Haare partout nicht kämmen lassen will.

Erzählt wird die Titelstory aber nicht: Gemeinsam mit einem ansehnlichen Ensemble interpretiert man "Die Geschichte vom Hans Guck-in-die-Luft", "Die Geschichte vom Daumenlutscher", "Die Geschichte vom fliegenden Robert" und "Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug". Mit dabei sind neben Böhmermann und seinem Team um Ralf Kabelka und William Cohn auch Prominente wie Devid Striesow, Annette Frier, Kida Ramadan, Larissa Rieß und Marlene Lufen. Mit viel Humor interpretieren die Comedians und Schauspieler Figuren wie den unaufmerksamen Hans und den daumenlutschenden Konrad als die "Übermütigen, Ängstlichen, Erfolgstypen, Abgehängten, Ehrgeizigen". Die Typen von damals scheinen perfekt auf die vielzitierte und von Böhmermann als Zielgruppe auserkorene Generation Y zu passen.

Wie schon 2017 sollen kurz vor den "Sommerferien" verstaubte Schul- und Pädagogik-Werke in die Gegenwart der Millennials übersetzt werden. Beim "Struwwelpeter" bedarf es dafür ganz besonderer Anstrengung – schließlich besitzen die teils grausig-brutalen Storys bisweilen einen autoritären Charakter, der nur traumatisierend wirken kann. Die mahnenden Geschichten, die zu ihrer Zeit als angemessene Erziehung galten, von den 68ern komplett abgelehnt und schließlich als kontextabhängig neu bewertet wurden, legen die moralische Botschaft des Originals neu auf: Eltern wollen doch nur das Beste für ihre Kinder, sie vor schlimmen Erfahrungen bewahren.

Im Grunde setzt Böhmermann unter diesem Motto mit seinen zum Teil kritischen, zum Teil zynischen Episoden jene medienpädagogische Agenda fort, die er seit Beginn an mit Blick auf größere Zusammenhänge pflegt: Eigentlich, so die Philosophie, wollen Autoritäten wie der Staat und die Justiz nur das Beste für uns – man muss sie aber da kritisieren, wo sie die Rechte des Einzelnen bedrohen, aus Eigennutz agieren oder von populistischen Rattenfängern gekapert werden. Diese Dialektik – übertragen auf Erziehungsfragen als Kritik am unterdrückenden Autoritären bei gleichzeitiger Beibehaltung der Grundmoral – spielt Jan Böhmermann auch im "Struwwelpeter" perfekt aus.

Wiederholt wird die Sendung am Donnerstag, 14. Juni, um 22.15 Uhr, auf ZDFneo.


Quelle: teleschau – der Mediendienst