ARD-Doku

"Expedition Arktis": Bilder wie aus einer anderen Welt

von Eric Leimann

Über ein Jahr lang forschten Wissenschaftler an Bord der "Polarstern" in der Arktis. Eine Doku erzählt in großartigen Bildern von der Expedition.

Über ein Jahr war der deutsche Eisbrecher "Polarstern" unterwegs zum Nordpol, am 12. Oktober 2012 ist die Mission zu Ende gegangen. An Bord befanden sich die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihrer Generation. Sie sammelten Daten über den Ozean, das Eis, die Atmosphäre und das Leben. Die wichtigste Aufgabe der Expedition war jedoch, den Klimawandel besser zu verstehen. Auch wenn die Auswertung der Daten noch dauern wird: Der 90-minütige Dokumentarfilm "Expedition Arktis" (Montag, 16. November, 20.15 Uhr, ARD) von Philipp Grieß ("Mythos Tahiti – Bougainvilles Weltreise") vermittelt in wunderbar ruhigen Bildern aus dem Eisschrank der Erde einen faszinierenden Eindruck dieser fremden, sterbenden Welt.

Im September 2019 machte sich die "Polarstern" auf den Weg zum Nordpol. Dort erlebten Crew und Wissenschaftler die fünf Monate währende Polarnacht – das Schiff ließ sich für ein Jahr im Eis festfrieren und durch das eisige Meer driften. Der Film erzählt nicht nur von wissenschaftlichen Herkulesaufgaben, sondern auch von der besonderen Situation einer Gruppe Menschen, die sich mit einer völlig fremden Umgebung arrangieren muss. Der Dokumentarfilm läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche "#Wie leben", die von 15. bis 21. November unter den Eindrücken der Corona-Pandemie von einer aus den Angeln gehobenen Welt berichtet und Möglichkeiten aufzeigen will, wie der Mensch mit neuen Ideen wieder in die richtige Spur geraten kann.

"Die Expedition lässt uns die Prozesse hinter dem dramatischen Wandel der Arktis verstehen", sagt Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, über die Mission der Polarstern. "Hier sind die Atmosphäre, Schnee und Eis, Ozean, Ökosystem und Biogeochemie eng aneinandergekoppelt. Wir haben über 100 komplexe Parameter durchgehend ganzjährig aufgezeichnet, um diese Zusammenhänge zu entschlüsseln."

Ziel der Forschungsreise war es, die Prozesse im Eis in Klimamodellen nachzubauen – eine wichtige Voraussetzung für wissensbasierte gesellschaftliche Entscheidungen über die anstehenden Klimaschutzmaßnahmen. Tatsächlich ist "Expedition Arktis" ein Forschungsfilm. Hoch spezialisierte Wissenschaftler wie Ozeanografen, Atmosphärenphysiker, Geoökologen, Physiker, Biologen, Meeresforscher und Meteorologen kommen zu Wort.

Der Zuschauer begleitet ihre anspruchsvollen Versuchsaufbauten in widriger Umgebung. Auf die menschlichen Dinge des einjährigen Aufenthalts im Eis wird nicht völlig verzichtet, sie spielen jedoch eine vergleichsweise untergeordnete Rolle: Wie widersteht man der Kälte, der fünf Monate währenden Polarnacht-Dunkelheit, der Trennung von den Lieben? Vor allem wird dies zum Thema, als gegen Mitte der Mission die Corona-Pandemie in Form von Nachrichten aus einer fremd gewordenen "zivilisierten" Welt über die Polarstern-Bewohner hereinbricht. Mehrmals wurde das Schiff im Laufe des Missionsjahrs versorgt. Einige Forscher und Teile der Crew kamen und gingen, doch in der Pandemie stand das Projekt extrem auf der Kippe. Als eine der ganz wenigen Wissenschafts-Missionen weltweit wurde die Arbeit der Polarstern aber letztendlich fortgesetzt.

"Wir werden anders leben müssen"

Professor Markus Rex vom Alfred Wegener Institut in Potsdam leitete die MOSAiC benannte Forschungsreise, ihres Zeichens die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Vielleicht bedingt durch die räumliche Nähe boten die Forscher des AWI dem ebenfalls in Potsdam beheimateten rbb ein exklusives journalistisches Begleiten der Reise durch ein Filmteam an. Martina Zöllner, Film- und Dokuchefin des rbb, musste nicht lange überlegen, um dieses Angebot anzunehmen. Dass die großartigen Bilder und Erkenntnisse, die ihre Journalisten in den nächsten Jahren dank der Missions-Ergebnisse für die Öffentlichkeit in verständliche Sprache "übersetzen" sollen, zum entscheidenden Faktor im Kampf gegen den Klimawandel wird, glaubt Zöllner indes nicht: "Wir können nur versuchen, Druck zu machen, innezuhalten, unser Leben zu ändern und noch dagegenzuwirken. Die fetten Jahre sind vorbei, wir werden anders leben müssen." Das fange beim Verwenden von Plastiktüten an und gehe in viele Einzelbereiche hinein. "Jeder Einzelne für sich, aber es muss auch ganz klar eine andere Politik und eine andere Wirtschaft geben."

Man kann "Expedition Arktis" als faszinierenden Bewegt-Bilderbogen mit einzigartiger Atmosphäre betrachten oder auch als beeindruckendes Lehrstück darüber, wie hart die Forschung am Rande des Unbekannten manchmal arbeiten muss. Stürme, auseinanderbrechende Schollen und extreme Kälte machen dem Wissenschaftsdorf auf seiner Scholle, die nahe des Nordpols vorbeidriftet, schwer zu schaffen.

Wer dabei 90 Minuten zuschaut, sieht das Faszinierende, aber auch das Zermürbende dieser Arbeit. Für Freunde klassisch erbaulicher Natur-Dokumentationen ist Phlipp Grieß' grimmige Wissenschafts-Doku aus der Kälte eher nichts. Dazu fehlt dem zurückhaltenden Film das in derlei Formaten sonst übliche philosophische Pathos, dem man hier eine strenge wissenschaftliche Erdung verschrieben hat. Dass man zu den eher nüchternen Erkenntnissen jedoch Bilder wie aus einer anderen Welt sieht, macht das Zuschauen dann doch wieder zu einem fast übersinnlichen Erlebnis.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH