Cristina do Rego im Interview

"Ich blicke schon jetzt mit einer großen Angst in die Zukunft"

von Elisa Eberle

Cristina do Rego ist vor allem für ihre komödiantischen Rollen bekannt: Noch zu Schulzeiten stand sie für "Pastewka" vor der Kamera. Im Interview zu ihren neuen Projekten schlägt die 34-Jährige nun ernstere Töne hinsichtlich Corona, aber auch den Unterschieden zwischen Deutschland und Brasilien an.

Cristina do Rego ist mit sich Reinen: Abgesehen ein paar Knöllchen fürs Falschparken hat sich die 34-Jährige nach eigenen Aussagen bislang wenig zu Schulden kommen lassen. Ganz im Gegensatz zu Lucie, der Rolle, die do Rego in der neuen VOX-Miniserie "Lucie. Läuft doch!" (ab Mittwoch, 18. November, wöchentlich, um 20.15 Uhr) spielt. Die impulsive Frau hat einen übermäßig ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der ihr schließlich Sozialstunden in einer Jugendhilfe beschert. Wie war die Schauspielerin Cristina do Rego eigentlich selbst in ihrer Teenie-Zeit? Wovor hatte sie Angst? Und wäre Erzieherin auch ein Beruf für sie gewesen? Im Interview spricht die Tochter eines brasilianischen Schauspielers und einer deutschen Krankenschwester auch über die Chancen für eine Fortsetzung von "Pastewka" und die unterschiedlichen Weihnachtstraditionen in ihren beiden Heimatländern. Letzteres nicht ohne Grund: Ab Freitag, 27. November, ist sie in der Netflix-Serie "ÜberWeihnachten" von und mit Luke Mockridge zu sehen.

prisma: In "Lucie. Läuft doch!" hat Ihre Figur viel mit schwierigen Kids zu tun. Wie waren Sie in Ihrer Teenie-Zeit?

Cristina do Rego: Tatsächlich sagt meine Mutter, dass ich ein recht umgänglicher Teenager war. Ich glaube, als große Schwester und erste Tochter übernimmt man einfach automatisch die verantwortungsbewusstere Rolle. Natürlich hatte ich auch pubertäre Symptome und war ständig müde und manchmal schlecht gelaunt. Nichtsdestotrotz bin ich durch die Teenagerjahre ganz gut durchgekommen – vor allem ohne Ärger mit dem Gesetz (lacht).

prisma: Also haben Sie keine größeren Dummheiten begangen?

do Rego: Nee. Ich muss dazu sagen, dass ich in der damaligen Zeit auch nicht besonders mutig oder abenteuerlustig war. Schon beim Klingelstreich ging mir die Pumpe, und ich hatte immer solche Angst, erwischt zu werden. Deshalb war ich für Dinge, die nicht ganz erlaubt waren, einfach nicht zu haben. Der Klingelstreich war für mich das höchste der Gefühle.

prisma: Sind Sie denn im Laufe der Jahre mutiger geworden?

do Rego: Prinzipiell mutiger schon, aber ich bin trotzdem bisher noch nicht mit dem Gesetz aneinandergeraten. Außer vielleicht durch ein paar Knöllchen fürs Falschparken.

prisma: Wäre Erzieherin denn auch ein Job für Sie gewesen?

do Rego: Ja, ich glaube, ich kann sehr gut mit Kindern. Mit Jugendlichen wahrscheinlich auch, wobei ich das noch nicht so geübt habe. Ich bin nicht immer der geduldigste Mensch. Deswegen weiß ich nicht, ob das auf Dauer eine so gute Idee wäre, aber prinzipiell könnte ich mir das schon ganz gut vorstellen.

prisma: Wenn Lucie etwas nicht passt, geht sie schon mal mit unlauteren Methoden dagegen vor. Wie reagieren Sie auf Ungerechtigkeiten?

do Rego: Ich glaube, eine Gemeinsamkeit, die Lucie und ich haben, sind unsere impulsiven Gefühle. Wobei ich mich da schon besser im Griff habe als Lucie. In der Regel schaffe ich es, noch mal in Ruhe über alles nachzudenken. Aber natürlich kenne ich das auch, dass man hier und da mal über das Ziel hinausschießt. Das ist einfach menschlich und im Falle der Figur macht sie diese Eigenschaft ja auch liebenswert. Ob das im echten Leben genauso funktionieren würde, weiß ich aber nicht (lacht).

prisma: Haben Sie sich schon einmal zu etwas verleiten lassen, das sie im Nachhinein bereut haben?

do Rego: Zu sämtlichen Partynächten, die dann doch länger gingen als ursprünglich geplant, habe ich mich gerne und ohne Reue verleiten lassen. Aber ansonsten bin ich mir und meinen Werten sehr treu.

prisma: Die meisten Zuschauer dürften Sie aus komödiantischen Rollen in Serien wie "Pastewka" oder "Türkisch für Anfänger" kennen. Tatsächlich haben Sie jedoch auch in ernsteren Produktionen wie "Die Welle" oder "Arthurs Gesetz" gespielt. Wünschen Sie sich manchmal, als facettenreichere Künstlerin wahrgenommen zu werden?

do Rego: Solange ich immer mal wieder auch solche Rollen spielen darf, mache ich mir darüber nicht so große Gedanken. Ich muss auch sagen, dass ich wahnsinnig gerne Komödien spiele. Mir macht das unglaublich viel Spaß. Und ich bin auch ganz glücklich in dieser "Schublade". Nichtsdestotrotz freue ich mich, wenn mir andere Sachen zugetraut oder anvertraut werden. Als Schauspielerin hat man prinzipiell immer Lust auf Abwechslung. Natürlich würde ich in Zukunft gerne von allem was machen wollen. Aber ich bin nicht frustriert über meine Vita.

prisma: Gibt es ein Genre, in welchem Sie besonders gerne mitwirken wollen würden?

do Rego: Ich würde gerne mal einen Film drehen, der mich körperlich herausfordert. Früher hatte ich immer den Traum, einen Tanzfilm zu machen oder irgendwas, bei dem ich auch körperlich so richtig ranmuss. Ich spiele gerne Rollen, für die ich etwas lernen muss. Was das Genre angeht, würde ich schon gerne mal eine sehr ernste und tragische Rolle spielen. Das ist jetzt auch schon länger her. Und gerade in den neueren Serienformaten fände ich es spannend, eine solche Rolle über einen längeren Zeitraum hinweg zu tragen. Aber einen Horrorfilm müsste ich jetzt zum Beispiel nicht noch einmal drehen.

prisma: Haben Sie dagegen eine konkrete Abneigung?

do Rego: Nein, ich habe das auch schon gespielt und es hat mir Spaß gemacht. Aber ich selber schaue Horrorfilme nicht gerne. Ich drehe dann doch lieber Filme, die ich auch selbst gerne schaue (lacht).

prisma: Sie meinten, dass Sie gerne mal eine körperliche Rolle spielen würden. Heißt das, Sie sind sehr sportlich?

do Rego: Ich bin jetzt nicht übermäßig sportlich, aber ich bin sportlich und freue mich einfach über solche Herausforderungen. Ich würde auch Klavier lernen für eine Rolle. Das würde mich auch total fordern.

prisma: Das klingt sehr ehrgeizig...

do Rego: Das ist es auch. Ich musste schon einmal Gitarrengriffe lernen für eine Sequenz, und es ist mir irrsinnig schwergefallen. Aber die Herausforderung war toll, und am Ende hat es dann auch funktioniert.

prisma: Demnächst spielen Sie in der Netflix-Serie "ÜberWeihnachten" von und mit Luke Mockridge. Wie sieht Ihre private Weihnachtstradition normalerweise aus?

do Rego: Für gewöhnlich bin ich an Weihnachten immer bei meiner Familie in Brasilien. Dieses Jahr sieht das natürlich alles ein bisschen anders aus. Bei uns haben die Traditionen sehr viel mit Strand, Familie und Beisammensein zu tun. Die Werte sind dabei im Prinzip die gleichen wie hier: Die Familie kommt zusammen – meist natürlich mit einem religiösen Hintergrund – und es wird gegessen. Nur die Temperaturen sind sehr unterschiedlich (lacht).

prisma: Haben Sie denn auch schon mal in Deutschland Weihnachten gefeiert?

do Rego: Natürlich! Und auch hier haben wir unsere Traditionen: ich bekomme von meiner Mutter bis heute jedes Jahr einen Adventskalender, und früher gab es immer an Heiligabend Fondue, und meine Schwestern und ich schauten am zweiten Weihnachtsfeiertag den ganzen Tag über Weihnachtsfilme im Schlafanzug. Das liebe ich auch total! Ich finde, hier ist es an Weihnachten immer viel gemütlicher und ruhiger, während es in Brasilien schon eher wie eine kleine Party ist.

prisma: Ihr Vater hat in Brasilien als Regisseur und Schauspieler am Theater gearbeitet, Ihre Mutter war Krankenschwester. Wie denken Sie über die derzeitige Corona-Lage und die erneute Schließung von Kinos und Theatern?

do Rego: Ich glaube, es ist niemandem entgangen, dass wir Künstler und alle, die mit der Unterhaltungs- und Veranstaltungsbranche zu tun haben, in einer wahnsinnig schwierigen Situation sind. Ich finde es deshalb ganz toll, dass sich im Moment so viele Kollegen zusammentun und unter dem Hashtag #alarmstuferot im Internet aktiv sind. Es wird definitiv Zeit, dass sich die Politik schnell etwas einfallen lässt, denn ich glaube, sonst stehen wir vor einem kulturellen Aus in unserem Land. Was die Theater, die Kinos und die Konzerte angeht, blicke ich schon jetzt mit einer großen Angst in die Zukunft. Ich habe viele Freunde, die Stand-up-Comedians sind, und für sie ist das alles eine riesengroße Katastrophe. Man darf auch nicht vergessen, was da alles dazu gehört: Caterer, Busfahrer, Lichttechniker, Bühnenbauer ...

prisma: In den vergangenen Tagen wurde auch immer wieder diskutiert, ob es angemessen ist, Theater zu schließen, während Kirchen geöffnet bleiben. Wie stehen Sie dazu?

do Rego: Ich sehe das ebenfalls sehr kritisch. Mir fällt es schwer, zu verstehen, warum Theater schließen müssen, obwohl alle Hygienekonzepte entwickelt haben, die nachweislich funktionieren, während gleichzeitig ein Gottesdienst stattfinden kann.

prisma: Hätten die Künstler vielleicht noch früher laut werden müsse?

do Rego: Jeder von uns hat im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, auf seine Lage aufmerksam zu machen. Ich habe mich bereits im März, April engagiert und Politiker im persönlichen Gespräch auf die Situation der Schauspieler hingewiesen. Das Problem ist nicht, dass irgendjemand hätte früher laut werden müssen, sondern dass man früher auf die Branche hätte gucken müssen. Ich kann nur mutmaßen, aber wenn die zweite Welle absehbar war, dann war vielleicht auch alles, was sie mit sich bringt, abzusehen.

prisma: Ihr Heimatland Brasilien ist nach den USA und Indien derzeit das Land mit den höchsten Infektionszahlen. Wie viel bekommen Sie über die dortige Situation mit?

do Rego: Die Situation dort ist natürlich auch nach wie vor sehr kompliziert. Mein Eindruck ist jedoch, dass sich allmählich eine neue Form von Alltag eingestellt hat. Nichtsdestotrotz kenne ich viele, die ihren Job verloren haben. Eine meiner engsten Freundinnen war Stewardess und ist nun arbeitslos. Das brasilianische Gesundheitssystem ist mit unserem nicht vergleichbar, also weiß ich gar nicht, wie repräsentativ die offiziellen Zahlen wirklich sind.

prisma: Wie geht es den Künstlern dort?

do Rego: Da Brasilien einen sehr fragwürdigen Präsidenten hat, gibt es von der Politik nicht so viele Einschränkungen und dementsprechend können Veranstaltungen theoretisch stattfinden. Ob das nun richtig ist, sei mal dahingestellt. Auch Dreh- und Studioarbieten können unter Einhaltung von Hygienekonzepten ähnlich wie bei uns durchgeführt werden.

prisma: Zum Abschluss eine ganz andere Frage: Ist in Sachen "Pastewka" denn nicht vielleicht doch noch Nachschub zu erwarten?

do Rego: (lacht) Da fragen Sie mich was! Meines Wissens nach: Nein. Wir haben uns verabschiedet, und ich glaube, das bleibt jetzt auch erstmal dabei. Vielleicht müssen wir uns in drei Jahren nochmal sprechen, wenn Bastian langweilig geworden ist und er sich noch mal etwas einfallen lässt. Aber ich gehe momentan nicht davon aus.

prisma: Aber wenn es eine Fortsetzung gibt, wären Sie wieder mit dabei?

do Rego: Na klar. Immer!


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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