Schauspieler im Interview

Ken Duken spielt Hans Albers: "Er war eine rätselhafte Persönlichkeit"

von Eric Leimann

In "Die Liebe des Hans Albers" verkörpert Ken Duken einen Hans Albers, den man so noch nicht kannte. Wie hielt es der Schauspieler aus, Propagandafilme für die Nazis zu drehen und andererseits eine Jüdin zu lieben?

Hans Albers ("Große Freiheit Nr. 7") war der größte Filmstar Nazi-Deutschlands. Andererseits brachte er seine Fans im Reichspropaganda-Ministerium zur Weißglut. Für offizielle Termine der Partei stand Albers nicht zur Verfügung, er liebte eine Jüdin und war auch ansonsten schwer steuerbar. Trotzdem drehte der 1891 geborene Hamburger einen Unterhaltungsfilm nach dem anderen für das Regime. Fast alle lassen sich als Propaganda-Werke im Sinne des Systems deuten. Ebenso mysteriös wie der Charakter des "blonden Hans" ist die Tatsache, dass es nie ein großes Filmprojekt über den lange Zeit kultisch verehrten Schauspieler und Sänger ("Auf der Reeperbahn nachts um halb eins") gab. "Die Liebe des Hans Albers" (Mittwoch, 6. Januar, 21.45 Uhr) heißt ein Doku-Drama, welches das Erste um 21.45 Uhr hinter einem Primetime-Film versteckt. Dabei ist das elegische Liebes-Kammerspiel zwischen Ken Duken und Picco von Groote als Hans Albers und seiner Geliebten Hansi Burg ein hochinteressanter Versuch, die Psyche eines "Undeutsamen" zu durchleuchten.

prisma: War der Film über Hans Albers immer als Doku-Drama geplant, nie als großer Spielfilm?

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Ken Duken: Ja, es sollte immer ein Doku-Drama werden. Allerdings mit neuer, ungewohnter Ästhetik. Da es kaum Zeitzeugen gab, die noch etwas über die beiden Protagonisten hätten erzählen können, hat man sich dazu entschlossen, dass wir Schauspieler in reflektierenden Interviewszenen über unser Leben auftreten. Zusammen mit der Kammerspiel-artigen Gegenwart der Filmerzählung und den opulenten Rückblenden ergab das eine Atmosphäre, die mir beim Ansehen des fertigen Films sehr gefallen hat.

prisma: Was dachten Sie, als man Ihnen gesagt hat, dass Sie Hans Albers spielen?

Duken: Ich fand es verrückt, weil mir Hans Albers immer ziemlich weit weg erschien. Zumindest sehr weit weg von mir selbst. Ich hatte aber auch ein ganz anderes Bild von ihm. Er war ein ziemlich schillernder Charakter, ein absoluter Grenzgänger. In vielen Filmszenen, die man von ihm kennt, war er einfach ziemlich betrunken. Doch das ist es nicht allein. Je mehr ich in der Vorbereitung versuchte, ihn zu greifen, desto mehr ist er mir entglitten. Hans Albers war eine ambivalente, ja rätselhafte Persönlichkeit.

prisma: Sie sehen Hans Albers im Film nicht besonders ähnlich und versuchen auch gar nicht, ihn äußerlich zu imitieren – oder?

Duken: Nein, ich habe eher versucht, die Energie von Hans Albers aufzugreifen – und daraus etwas Eigenes zu machen. Albers war launisch, explosiv, sehr emotional. Manchmal war er cholerisch, dann wieder verspielt wie ein Kind. Also, ich rede jetzt von seinem besonderen Schauspiel. Anfangs war schon die Idee da, dass ich ihm mit Maske und dem Studium seiner Art zu reden und sich zu bewegen, etwas ähnlicher werde. Aber das wäre mit dem Budget und der Zeit, die wir zur Verfügung hatten, auch nicht gut geworden. Deshalb dann der andere Ansatz ...

prisma: Wenn man Hans Albers heute in Filmen sieht, wirkt sein Spiel fast ein bisschen seltsam, zumindest aber ganz anders, als das aller anderen Schauspieler in den gleichen Filmen. Woher kommt das?

Duken: Es liegt an seiner Exzentrik und daran, dass er mit dieser Art durchkam – weil er eben der größte deutsche Star seiner Zeit war. Streng betrachtet, war Hans Albers kein guter Schauspieler. Er hat sich nie akribisch auf Rollen vorbereitet. Wenn man seine Filme analytisch ansieht, gibt es viele grobe Fehler. Seine Figuren sind nicht stringent – seine Art, sie in verschiedenen Szenen zu spielen, ist manchmal sehr wechselhaft. Er war stark von seiner Tagesform abhängig. Viel hing davon ab, wie motiviert oder auch wie betrunken er in der entsprechenden Szene war.

prisma: Doch Hans Albers hatte eben auch diese besondere Ausstrahlung ...

Duken: Natürlich, er war totale Avantgarde. In einer Zeit, als viele beim Film noch abgefilmtes Theater produzierten, kam er mit seiner nuscheligen Larifari-Sprache total authentisch rüber. Man wurde ständig von ihm überrascht. Vielleicht hat er sich beim Spielen sogar oft selbst überrascht. Man könnte sein Auftreten fast modern nennen.

prisma: War Hans Albers – natürlich deutlich früher – für den deutschen Film das, was Marlon Brando nach dem Krieg fürs amerikanische Kino war? Eine spielerische, expressive Offenbarung, bei der man einfach nicht weggucken konnte?

Duken: Der Vergleich stimmt für mich insofern, dass beide Schauspieler sichtbar an beiden Enden gebrannt haben. Natürlich war ihr Ansatz unterschiedlich, aber beide lebten von einer unfassbaren Energie, die sich in den Szenen auf den Zuschauer überträgt. Beide haben sich komplett aufgerissen in ihrer Arbeit. Albers über die Energie und die Kraft, die er da reingelegt hat. Brando über die Akribie, das Method Acting – dieses komplette Verschmelzen mit der Rolle. Ich glaube, bei beiden Schauspielern ist eine Art Wahnsinn zu spüren.

prisma: Aber wie wirkt dieser Wahnsinn beim Zuschauer? Finden die Menschen Albers und Brando toll, weil sie ganz anders sind als normale Schauspieler?

Duken: Beide waren ihrer Zeit voraus. Sie überschreiten mit ihrem Spiel die Grenze zwischen Leinwand und Zuschauerraum, man konnte sich mit ihnen identifizieren. Dazu kommt die Ambivalenz, die fasziniert. Einerseits war Hans Albers ein Unerreichbarer, andererseits ein Kumpeltyp. Er hatte dieses Starpotenzial, weil alle Männer mit ihm befreundet sein wollten und die Frauen für ihn geschwärmt haben. Sein Spiel war so "drüber", dass er vor allem ein Markenzeichen und ein Ereignis war.

prisma: Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Schauspieler heute noch einen ähnlichen Effekt auslöst?

Duken: Nein, auf keinen Fall. Hans Albers passte nur in seine Zeit. Er hätte heute keine Chance, weil er ein purer Instinktmensch war. Einer, der vorne den Sonnenuntergang gefeiert hat, während sich hinter ihm völlig unbemerkt ein Riesengewitter zusammenbraut. Wer heute erfolgreich sein will, muss sein Handeln abwägen, planen, man muss Spielregeln beachten. In der MeToo-Zeit hätte Hans Albers mit seiner Art sofort am Pranger gestanden. Albers konnte sich nie zurückhalten. Er hat immer nur das gemacht, was er wollte.

prisma: Erklärt dies auch seine ambivalente politische Beurteilung? Einerseits lebte Albers mit einer Jüdin und brachte die Nazi-Führung mit seiner Renitenz zur Weißglut, andererseits drehte er einen Film nach dem anderen für das Regime ...

Duken: Genau das meinte ich mit der Aussage, dass ich ihn immer weniger verstanden habe, je mehr ich über ihn wusste. Ich denke, auch in dieser Frage war Hans Albers ein reiner Gefühlsmensch. Er mochte die Nazis nicht, aber er liebte es, diese Filme zu machen – und ein gefeierter Star zu sein. Er handelte rein instinktiv – und schob die Gedanken über sein Tun beiseite.

prisma: War es früher leichter, Exzentriker zu sein?

Duken: Ja, im Filmgeschäft sicher. Diese Alkoholeskapaden würde man heute niemandem mehr durchgehen lassen. Da wäre man weg vom Fenster, egal wie groß der eigene Name ist.

prisma: Hans Albers war über viele Jahre der größte, zumindest berühmteste deutsche Schauspieler. Warum gab es bisher kein großes Filmprojekt über sein Leben?

Duken: Vielleicht war es eine Frage des Timings. In den 60er- und 70er-Jahren hat man sich eher von Leuten wie Albers distanziert. Danach ist sein Leben vielleicht auch ein bisschen in Vergessenheit geraten. Außerdem waren Biopics zu jener Zeit, als man vielleicht gern eines über Hans Albers gemacht hätte, noch nicht so en vogue.

prisma: Hatte die Scheu vor einem großen biografischen Film über Hans Albers auch mit seiner politischen Vergangenheit zu tun?

Duken: Vielleicht ein bisschen, wobei sie ihn ja eher spannender macht. Einerseits wurde Albers nach dem Krieg politisch schnell rehabilitiert. Das lag an seiner Beziehung zu Hansi Burg. Auch daran, dass er nie wirklich der NSDAP beigetreten ist oder sich für offizielle Auftritte von ihr einspannen ließ. Andererseits hatte er nach dem Krieg nie mehr auch nur annähernd jenen Status, den er vor dem Krieg hatte. Er hatte sich irgendwann eingeigelt in diese Figur des schunkelnden Hamburger Seemanns.

prisma: Hat man Hans Albers nach dem Krieg misstraut, weil er davor ein Held des Nazi-Kinos war?

Duken: Vielleicht spielte das subtil eine Rolle. Man hat damals ja nicht viel über die Vergangenheit gesprochen. Auch Albers selbst hat wenig gesprochen – ein Leben lang. Es gibt kaum Interviews von ihm. Und natürlich waren seine Filme im Dritten Reich Propaganda-Filme. Nur eben mit einem wahnsinnig spannenden, schillernden Schauspieler. Einem, der alle Regeln in einer Zeit brach, in der sich alle Leute akribisch an enge Regeln halten sollten.

prisma: Was sagt uns Hans Albers heute? Ist das einfach eine sehr besondere Biografie – oder hat sein Leben einen Bezug zur Gegenwart?

Duken: Ich finde in seiner Figur viel Bezug zum Heute. Man sagt ja nicht umsonst, dass im Wort "Unterhaltung" der Begriff "Haltung" mit drinsteckt. Die Karriere von Hans Albers während der Nazi-Zeit zeigt, wie schnell man aus einer Emotion heraus zur formbaren Masse des Populismus werden kann. Man sieht auch, wie groß die Gefahr ist, instrumentalisiert zu werden, weil man nicht so viel nachgedacht hat oder einfach egoistisch war. Wir Künstler müssen uns genau überlegen, was wir tun. Gerade in Zeiten, in denen der Populismus wieder so stark geworden ist.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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