Motörhead-Frontman wäre heute 75 geworden

Lemmy Kilmister – spielt seine Musik laut!

von Frank Rauscher

Von wegen "Stille Nacht": Bei Fans von Motörhead wird auch am 24. Dezember die Musik laut gedreht. Frontman Lemmy Kilmister wäre an diesem Tag 75 Jahre alt geworden.

Lemmy Kilmister war so oft angezählt worden und doch immer wieder auf die Beine gekommen, dass ihm gerne augenzwinkernd eine gewisse Unverwüstlichkeit attestiert wurde. Doch irgendwann war Schluss mit lustig, und wahrscheinlich hatte es ganz genau so kommen müssen: Lemmy starb so wie er rockte und lebte, brutal schnell. Der legendäre Frontmann der ebenso legendären Hardrock-Band Motörhead vollendete erst an Heiligabend 2015 sein 70. Lebensjahr, zwei Tage später erhielt er seine Krebs-Diagnose. Bereits am 28. Dezember erlag der von diversen Krankheiten und unzähligen Exzessen geschwächte Motörhead-Star daheim in Los Angeles eben jenem Krebsleiden. Am 28. Dezember 2020, dem fünften Todestag, werden die Fans wieder vermehrt an ihn denken, und sicher auch an Heiligabend: Am 24. Dezember 2020 wäre Lemmy 75 Jahre alt geworden.

Wie soll man sich angemessen über einen Menschen auslassen, der so sehr für das wilde, laute Leben stand wie Lemmy Kilmister? Wie einen Rockmusiker würdigen, dessen integrative Wucht weniger von seiner beinharten, nicht jedermann zugänglichen Musik ausging als von seiner eigentümlichen, aber stets aufrichtigen Art, sein Dasein zu bestreiten und die Dinge beim Namen zu nennen? Vielleicht so: Mit Lemmy ging 2015 der Letzte, der den Rock'n'Roll wirklich gelebt hat – und zwar bis zum bitteren Ende.

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Lemmy Kilmister, der Name hatte sich schon lange vor seinem Tod tief in die Rockgeschichte eingebrannt – mit schwarzen, krakeligen Lettern, die für einen Mann standen, der zwar oft schwankend, aber nie gebeugt durch sein Rockstarleben polterte. Einen Rocker, den irgendwann sogar das Feuilleton zu lieben begann. Als die Kulturschreiber endlich geschnallt hatten, dass es hier um mehr geht, als um jene als Metal verschriene musikalische Spielart, um die sie sonst einen weiten Bogen machen, gab es kein Halten mehr. Lemmy, die Marke, das Unikat wurde allenthalben gefeiert. Er fand Gefallen an der Sache und lieferte in stets originellen Beiträgen und Interviews mit geradezu kindlichem Eifer nach. Lemmy erzählte keine Märchen, er gab auch nicht an, sondern plauderte nur aus seinem Leben – es waren kleine Rocker-Weisheiten, Storys, wie sie die Massen lieben.

Dabei glich der Mann lange Zeit einem medizinischen Rätsel. Fast 50 Jahre pflegte Lemmy den Rock'n'Roll-Lifestyle wie kein Zweiter. Er trank täglich Unmengen an Alkohol, rauchte wie ein Schlot und warf sich auch gerne mal Speed ein. Dass der Musiker dem Tod so oft von der Schippe springen konnte, erklärte er in seiner typisch lakonischen Art in der 2010 veröffentlichten selbstbetitelten filmischen Biografie selbst: "Das Geheimnis zum Überleben besteht darin, einfach nicht zu sterben."

Motörhead spielte, spielte, spielte

Doch 2013 bekam sein eigens erbautes menschliches Denkmal zum ersten Mal Risse, als der Frontmann von Motörhead einen Defibrillator eingepflanzt bekam. Sein Herz machte die Strapazen nicht mehr von alleine mit und brauchte hin und wieder einen kleinen Schub, um weiterzuschlagen. Seither geschah etwas auch unter hartgesottenen Rockmusikern ziemlich Beispielloses: Einerseits gab es immer wieder Konzertabsagen oder vorzeitig beendete Auftritte, wie jenen 2013 in Wacken, als Lemmy nach 30 Minuten völlig entkräftet von der Bühne ging; andererseits hielt die Band einfach immer weiter an dem fest, was sie seit der Gründung vor 40 Jahren angetrieben hatte: Sie spielte, spielte, spielte – zum Trotz aller Gerüchte und Wahrheiten um Lemmys Gesundheitszustand. Motörhead lieferten bis zum Schluss. Noch im späten Herbst 2015 standen sie auch in Deutschland auf der Bühne. Eine gute Party verlässt man nicht vorzeitig. Auch wenn es wehtut und die Leber schreit.

"Wenn die Welt untergeht, gibt es nur zwei Dinge, die überleben werden: Kakerlaken und Lemmy": Mit diesem Zitat zweier Anhänger des musikalischen Urgesteins eröffnet die 2010 veröffentlichte Film-Doku über den Mann, der angeblich mit über 1.000 Frauen geschlafen haben soll. Noch vor zehn Jahren war es undenkbar, dass der am 24. Dezember 1945 geborene Sohn eines Geistlichen und einer Bibliothekarin frühzeitig das Zeitliche segnen würde. Laut eigener Aussage trank der Brite täglich eine Flasche Whiskey – und das konserviert schließlich. So oder so ähnlich gingen sie, die Witze um Mr. Lemmy Kilmister.

Ganz im Ernst muss man jedoch sagen: Dass es ihm nicht gut ging, war dem ausgelaugten Bandleader in den letzten Jahren vor seinem Tod an Haltung und Gesicht abzulesen. Der unsterbliche Lemmy, er war eben doch kein Übermensch – das war zum Ende hin, als die Gags um seine vermeintliche Unverwüstlichkeit schon nicht mehr ganz so laut hinausposaunt wurden, längst klar.

Ärzte rieten Kilmister zu jener Zeit, einen völligen kalten Entzug durchzuführen, damit sein Körper sich von allen Giftstoffen der letzten 50 Jahre erholen kann. Kurz nach dem abgebrochenen Wacken-Auftritt 2013 gestand er zumindest der "Hamburger Morgenpost", dass er seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum nun etwas runtergeschraubt habe: "Ich rauche immer noch und trinke nach wie vor Jack mit Cola, aber auch Wein. Einfach, weil sich das gar nicht so radikal ändern ließe. Das wäre ein viel größerer Schock für den Körper als alles andere. Er könnte das gar nicht verarbeiten."

Noch mehr über diesen einmaligen Typen verriet aber ein anderes Zitat: Er möge es nicht, "wenn Leute mir vorschreiben wollen, was ich tun soll, selbst wenn sie Recht haben. Ich kann immer noch jede Nacht am Mikro stehen und meine Songs spielen", tönte der späte Lemmy im deutschen "Rock Hard"-Magazin. Doch in den letzten Monaten vor seinem Ableben trat er tatsächlich kürzer. In Lemmys Welt hieß das: Statt Whiskey mit einem Schuss Cola gab es Orangensaft mit einem Schuss Wodka – Mischungsverhältnis abhängig von Tagesform und Laune. Die härteren Drogen, die Lemmy jahrzehntelang in sich reinschaufelte, waren passé.

Das Eigentümliche ist, dass man im Fall von Lemmy Kilmister wohl alles im Zusammenhang sehen muss: das Leben, die Drogen, die Musik. Die aufputschende Wirkung der Amphetamine, so hieß es immer wieder über Motörhead, sei das gewesen, was Habitus, Sound und Ästhetik der Band maßgeblich definierte. Zuvor war Lemmy 1975 wegen seines Speed-Konsums aus seiner alten Truppe Hawkwind geflogen, für die er kurz zuvor den Song "Motörhead" geschrieben hatte, ein Szenewort für Amphetamin-User.

Die darauffolgenden 40 Jahre prägten Lemmy und seine stets zwei Mitspieler – zuletzt über 20 Jahre lang in der festen Besetzung mit Phil Campbell (Gitarre) und Mikkey Dee (Schlagzeug) – aber auch durch eisenharte Disziplin in allen Lebenslagen. "Work hard, party hard", das war Lemmys und Motörheads Devise: Der Ruf der niemals zu lange pausierenden Tour-Maschinerie ist bis heute legendär. Die wie in Beton gegossene Spielfreude des unvergleichlichen Motörhead-Sound-Derivats aus Hardrock, Blues, Metal und Punk und die eines Schweizer Chronometers ebenbürtige Auftrittsverlässlichkeit brachten der britischen Rockschmiede den Ruf der am härtesten arbeitenden Rock-Band ein, die nebenbei ganz amtlich "Everything Louder Than Everything Else" war.

"I don't wanna live forever"

Auch im Studio schufteten Lemmy und seine Krawallbrüder bis zuletzt hart. Im Schnitt gab es alle zwei Jahre ein neues Album, 22 Studioalben entstanden bis zu Lemmys Tod – und keines war je auch nur in der Nähe vom unteren Durchschnitt. Lemmys Texte waren so ehrlich und direkt wie er selbst. Er sagte auch in seinen Songs, was der dachte und hegte ein gesundes Misstrauen gegenüber Politikern, Religionen und gierigen Geschäftemachern. Der Glaube an sich selbst, gegenseitiger Respekt und die Verteidigung der Freiheit gehörten zu den Grundfesten seines Lebens und seines künstlerischen Schaffens.

Der Vater zweier unehelicher Söhne lebte, liebte und atmete seine Musik. "Du musst Dich entweder für eine Frau oder den Rock'n'Roll entscheiden", antwortete der leidenschaftliche Sammler für Nazi-Devotionalien in der biografischen Doku auf die Frage, warum er nicht verheiratet sei. Zwei Säulen – Drogen und Rock'n'Roll – der heiligen Rebellen-Dreifaltigkeit wurden hinlänglich erläutert. Wie stand es eigentlich um dritte? – Lemmy: "Sex dauert ungefähr 30 Minuten, ein Konzert Minimum eineinhalb Stunden. Frage geklärt?"

1980 veröffentlichte Lemmy mit "Ace Of Spades" den Song, der in der Bridge den Nagel über seinen Lebensstil absolut auf den Kopf trifft. "You know I'm born to lose and gambling's for fools. But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever", grunzte Lemmy Kilmister eine der meistzitierten Textzeilen der Rockgeschichte ins Mikro.

Und nun, fünf Jahr später, tut der Tod von Lemmy immer noch weh, aber irgendwie stirbt dieser Typ ja doch nie so ganz. Es wurden inzwischen Bronzestatuen aufgestellt, es wurde ein Asteroid nach ihm benannt und ein prähistorisches Meereskrokodil, der Lemmysuchus. Es wurden posthume Alben veröffentlicht und Tribute-Konzerte gespielt. Mit Motörhead ist nach der Sofort-Auflösung 2015 inzwischen Schluss, endgültig. Aber man wird sie am 24. und am 28. Dezember wieder irgendwo hören, ganz sicher, und man wird mit Wehmut an Lemmy denken. Machen wir für ihn ein Bier auf. Oder fünf.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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