Vor acht Jahren schickte sich Dreamworks an, nach "Shrek" einen neuen Antihelden zu kreieren: "Megamind" wurde – im Gegensatz zu seinem grünen Kollegen – zwar nur ein Film gewidmet, doch der ist sehenswert: Nachdem er seinen ewigen Widersacher Metro Man besiegt hat, erkennt er: Ohne Superhelden fehlt einem Superbösewicht der Sinn im Leben. Um die Langeweile zu bekämpfen, baut er sich also einen neuen Helden. Doch der will partout nicht gut sein. – Böse ist, wer Böses tut: Ganz so einfach ist es in "Megamind" allerdings nicht. Dem im Jahr 2010 im Kino standesgemäß in 3D präsentierten CGI-Spektakel mit prominenter Synchronbesetzung (Oliver Kalkofe, Bastian Pastewka, Oliver Welke) mag es an Frechheit mangeln. Unterhaltsam ist das Animationsabenteuer, das SAT.1 nun in der Wiederholung zeigt, aber allemal.

Schicksal? Bestimmung? Oder doch Zufall? Ist man von Geburt an Schurke? Oder wird man erst einer? Weil man es sich aussucht? Weil man dazu getrieben wird? Megamind jedenfalls, der als strahlend blaues Alien-Baby auf die Erde kam, war von Beginn an ein Außenseiter. Nicht, weil er es sich aussuchte. Er kannte nur nichts anderes, als böse zu sein. Schließlich landete sein Raumschiff im Knast.

Der Umgang formt den Menschen, sagt man. Auch bei Megamind trifft das zu. Aber nicht, weil er hinter Gittern schlechte Manieren lernte. Im Gegenteil, die Knackis kümmerten sich rührend um ihr Baby. Aber es gab da eben von Anfang an Metro Man in Megaminds Leben. Ein ewiger Streber, der sich auf Kosten seines Kontrahenten profiliert. Einer, der später wegen der Show über Wasser geht, der sein Superheldendenkmal selbst einweiht. Der routiniert Hände schüttelt, Babys küsst, Frauen zuzwinkert.

Die Menschen lieben ihn. Doch Metro Man wäre nichts ohne Megamind, der irgendwann beschlossen hatte, böse zu sein. Um sich abzugrenzen, um eine eigene Identität zu haben. Zusammen mit seinem Fisch-Gehilfen Minion sorgt er für Abwechslung in Metro City, weil er die Ordnung stört, die Metro Man dann wieder herstellen kann.

Mit viel Slapstick baut "Madagascar"-Regisseur Tom McGrath seinen Antihelden auf, ist kindlich und verspielt, leider auch zu schematisch. Ecken und Kanten sind in "Megamind" nicht wirklich vorgesehen – das CGI-Spektakel will vor allem eins: Familien mit sanfter Wertevermittlung unterhalten. Irgendwann geht dann einer der chronisch schief laufenden Pläne Megaminds wirklich schief. Metro Man stirbt. Mit dem Tod kommt die Leere, mit der Leere die Chance auf Erkenntnis und Veränderung.

Der blaue Schuft hat nämlich ein gutes Herz, das er an die Reporterin Roxanne verliert. Doch bevor sich Megamind auf seine gute Seite einlässt, bevor er aus der selbst zugewiesenen Rolle ausbricht, versucht er einen Trick. Man muss schließlich Ziele verfolgen können. Also baut sich Megamind einen neuen Superhelden, den er bekämpfen will. Aus einem Trottel, der eigentlich kein Trottel ist, sondern eine arme Seele, die an der Zurückweisung einer heimlichen Liebe – wiederum Roxanne – leidet und partout kein Guter sein will. Zu tief sitzt der Frust, zu groß ist die Lust, mit den neuen Superkräften der Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Titan nennt sich das missglückte Experiment und wird zu einer echten Herausforderung für Megamind.

Anders als viele schwarz-weiß gezeichnete Nebenfiguren, wird dem erstaunlich vielschichtig angelegten Megamind eine Entwicklung zugestanden. Dieser Mann ändert sich, traut sich, das Leben aus anderen Perspektiven zu betrachten. Staunt und sagt leise "Aha!". Leider geht seine Erkenntnis im Getöse der Inszenierung fast unter. Zu viele, zu rasante Actionszenen, jede Menge Anspielungen auf Film- und Popkultur und die unersättliche Gier nach Gags machen "Megamind" zwar zu einem atemlosen Spektakel. Das Potenzial dieser Dekonstruktion der "Superhelden vs. Megaschurken"-Gesetzmäßigkeiten wird aber verschenkt – auf Kosten eines perfekt animierten, aber übermäßig schrillen Effektfeuerwerks.


Quelle: teleschau – der Mediendienst