ARTE-Doku

Mont-Saint-Michel: Ein Wunder, das zum Himmel wächst

von Wilfried Geldner

Wie eine Fata Morgana wirkt der Mont-Saint-Michel, wie er sich aus dem Meer erhebt. Eine ARTE-Doku gibt Einblicke in die komplizierte Baugeschichte des Klosters.

ARTE
Mont-Saint-Michel – Das rätselhafte Labyrinth
Dokumentation • 20.06.2020 • 20:15 Uhr

Jeder kennt das Bild: Der Mont-Saint-Michel ist eine magische Insel, dem Augenschein nach mitten im Wattenmeer der Normandie. Ein Bauwerk auf Felsen, das in den Himmel ragt wie in die Ewigkeit. Der goldene Erzengel, den ein Hubschrauber 2015 auf die Spitze des Mittelturms hob, verstärkt diesen Eindruck – er scheint, wenn ihn die Kamera umkreist, auf dem Wasser zu schweben. Anlässlich umfangreicher Restaurationsarbeiten am Kloster und dessen Abtei beschäftigt sich die Dokumentation "Mont-Saint-Michel – Das rätselhafte Labyrinth" (2017) mit der komplizierten Baugeschichte des Klosters – mit der in Jahrhunderten entstandenen Anlage, die einst frommer Pilgerort, aber auch Festung und schließlich finsteres Gefängnis war.

Wie bei vielen mittelalterlichen Klöstern und Kirchen stand eine Legende am Beginn. Demnach soll dem Bischof von Avranches in der Nähe um 708 im Traum der Erzengel Michael erschienen sein und ihn zum Bau einer Kirche aufgefordert haben. Als der Bischof nicht gleich gehorchen wollte, half der Erzengel mit einem Fingerdruck auf den Schädel des Unbotmäßigen nach. Der Totenschädel mit dem daraus resultierenden Loch ist bis heute erhalten und wird in einer Kirche in Avranches aufbewahrt.

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Ein humorloser Pathologe wertet das kreisrunde Loch allerdings heute als Folge einer Operation an einem heilbaren Tumor. Immerhin soll mit ihm der Jahrhunderte währende Bau des Mont-Saint-Michel begonnen haben. Die erste Kirche von damals wurde allerdings später nicht mehr gefunden. Nachgewiesen ist eine erste Höhlenkirche, die man dem Erzengel Michael weihte, es folgten mehrere in den Berg gebaute Krypten, die Halt für die spätere Hauptkirche boten. Schließlich schuf man an der Nordseite ein spätgotisches, senkrecht ansteigendes Meisterwerk, das dem Gesamtkunstwerk seinen Namen "La Merveille", "Das Wunder" gab.

Die Begeisterung des Autors Marc Jampolsky und der zahlreichen herbeigezogenen Experten – Archäologen, Historiker, Restauratoren – vermittelt sich zwar ohne Weiteres. Jedoch war sie offenbar so groß, dass über den digitalen Rekonstruktionen, den Röntgenaufnahmen der einander überlagernden Bauwerke mit ihren Treppen, Gängen, Säulenreihen und Emporen die Aufnahmefähigkeit des Zuschauers reichlich ausgereizt wird. Für die eher spärlich eingesetzten Animationen der betenden und singenden Benediktiner in ihrer Abtei ist er daher ebenso dankbar wie für den Verzicht auf jede historische Schauspielerei.

Historische Anlässe hätte es jede Menge gegeben, schließlich stand die mittlerweile befestigte Abtei mit ihrer Unterstadt, durch die heute Abertausende von Touristen wandeln, häufig im Zentrum des politischen und kriegerischen Geschehens. Wilhelm, der Eroberer brachte Güter in Cornwall, im Verlauf des Hundertjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen im 14. und 15. Jahrhundert erwies sich der Mont-Saint-Michel als uneinnehmbare Festung.

Umso trostloser, dass St. Michel noch vor der Französischen Revolution zu einem Gefängnis wurde, das schlimmste Vorstellungen übertraf. Heute gibt eher der Granit, der seine Festigkeit zu verlieren droht, ebenso Anlass zur Sorge wie Flechten und Moos. Die anfallenden Arbeiten sind gewissermaßen uferlos, um im Bild des vom Meer umsäumten Bauwunders zu bleiben.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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