Schauspieler im Interview

Fabian Busch: "Man wird hinsichtlich der Rollen früh im Leben eingeordnet"

von Maximilian Haase

Das Image des ewigen Jünglings hat Fabian Busch abgestreift, als der "Sympathisch-Naive" gilt der Berliner Schauspieler aber noch immer. Warum er sich manchmal mehr Kanten wünscht, erklärt der 44-Jährige im Interview.

Im deutschen Film galt er lange als der ewig junge Typ, der auch Jahre nach dem Abitur noch als Schüler durchging. Fabian Busch, gern als der "Sympathisch-Naive" besetzt, wie er es selbst ausdrückt, machte sich ab den späten 90er-Jahren mit hochgelobten Dramen wie "23" und "Liegen lernen" einen Namen. Danach und zwischendrin: viele Krimis, viele Komödien, aber auch so manch Experimentelles. Herausstechende Rollen wie in der Hitler-Satire "Er ist wieder da" (2015) und in der US-Erfolgsserie "Fargo" (2017 ) wechselten sich mit Zeiten der Flaute ab, wie Busch heute sagt. Nun, da er 44 Lebensjahre hinter sich und angegraute Haare auf dem Kopf hat, spielt er längst keine Jungspunde mehr – und wenn, dann wie in der Roadtrip-Komödie "Der Sommer nach dem Abitur" (Donnerstag, 25. Juni, 20.15 Uhr, im ZDF) lediglich junggebliebene Männer, die etwas verpasst zu haben glauben. Und doch wünscht sich der gebürtige Ost-Berliner, der schon während seiner Schulzeit als junger Schauspieler im Nachwendedeutschland arbeitete, manchmal ein wenig Ecken und Kanten. Was das mit seinem Image zu tun hat, warum sich viel um Äußerlichkeiten dreht und wie er seine eigene Abi-Zeit erlebte, verrät Fabian Busch im Interview.

prisma: Besaßen Sie – wie im Film – in den 90er-Jahren auch in Wirklichkeit einen Einser-Golf?

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Fabian Busch: Ja, tatsächlich! Der war beigefarben und begleitete mich durch meine Abi-Zeit. Damals war ich viel bei meiner Freundin in Berlin-Kreuzberg, ging aber in Hellersdorf zur Schule und wohnte dort auch noch bei meinen Eltern. Ich fuhr also mit dem Golf immer vom Neubauviertel in Hellersdorf hin und zurück.

prisma: Sie wohnten während Ihrer Abizeit im Plattenbau?

Busch: Kurz vor der Wende bin ich mit meinen Eltern aus Treptow dahin gezogen. Vorher wohnten wir in einem zwar von außen schönen Haus, das aber innen verrottete. Es regnete rein, und man konnte dort nicht mehr wohnen. Da war der Plattenbau mit Warmwasser eine Alternative (lacht).

prisma: Im Film gibt es die klassische "Abi-Clique". Hatten Sie auch so eine?

Busch: Naja, es gibt Freunde und Kumpels, mit denen man mit 18, 19 die Cafés besetzt. Allerdings gab es die in Hellersdorf nicht, man wollte auch nicht vor der Schule abhängen, sondern musste in die Stadt fahren. Aber ein Cliquenhänger war ich nicht, da sonderte ich mich ein wenig ab – auch, weil ich schon viel mit meiner Freundin unterwegs war. Zudem hatte ich schon damals einen allerbesten Freund, mit dem ich alles gemacht habe, und er ist es noch heute. Man muss auch sagen: Ich habe zu dieser Zeit schon viel gedreht und konnte daher nicht oft mit auf Klassenfahrt fahren.

prisma: Das heißt, schon vor dem Abi hatten Sie einen Sonderstatus an der Schule?

Busch: Ja, klar. Sowohl bei den Lehrern als auch bei den Mitschülern. Ich durfte als Schüler freimachen und Filme drehen! Es gab Sprüche wie "Ach, der Volksschauspieler schaut auch mal wieder vorbei". Da ist der ein oder andere vielleicht auch ein bisschen neidisch gewesen. In einem Cliquenumfeld kannst du es da nur falsch machen: Wenn du dich absonderst, bist du arrogant, versuchst du Teil der Gruppe zu sein, dann schleimst du dich ein. Ich war ständig am Kämpfen – schließlich wollte ich nur als normal gelten, was ich in deren Augen natürlich nicht war.

prisma: Und bei den Lehrern?

Busch: Viele Lehrer wiederum glaubten nicht, dass ich das Abi schaffen könnte, wenn ich zugleich Filme drehe. Sie hatten zum Teil auch recht. Ich hatte echt schlechte Zensuren. Als ich dann beim schriftlichen Abi ziemlich durchgerauscht bin, wollte ich es den Lehrern, meinen Eltern und mir beweisen. Und lernte ich sechs Wochen lang ganz stumpf auswendig (lacht).

prisma: Haben Sie diese Urteile der anderen im Rückblick belastet?

Busch: Nein. Ich hatte damals ja schon ganz andere Interessen. Als ich mit 15, 16 anfing zu drehen, stand mir plötzlich eine Welt mit viel älteren Menschen offen, mit denen ich dann viel Zeit verbrachte. Die wurden dann nach und nach gute Freunde, und ich umgab mich mit einem komplett anderen Freundeskreis. Deshalb fand ich das nicht so schlimm.

prisma: Anfang der 90er-Jahre hatten Sie kurz nach der Wende als junger Ostdeutscher vor allem mit der westdeutschen Filmszene zu tun. Besaßen Sie dahingehend ebenfalls einen Sonderstatus?

Busch: Viele Leute sind noch heute verwundert, wenn Sie herausfinden, dass ich aus dem Osten bin (lacht)! Da heißt es dann nach ein paar Tagen: "Was, du kommst aus dem Osten? Das hätte ich ja nie gedacht!" – was auch immer das dann heißt. Gewisse Vorurteile und eine bestimmte Denke gibt es noch immer. Und auch ich merke heute noch sofort, wenn jemand aus dem Osten kommt!

prisma: Woran?

Busch: Da herrscht eine andere Art von Verbindlichkeit. Alles scheint persönlicher, man gibt mehr aufeinander acht, auch wenn man aus einer Gesellschaft stammt, in der es viel um Misstrauen ging. Es hat mit der Art, zu sein, zu tun. Aber das ist auch klar: So eine Gesellschaft und dann so ein Umbruch – das prägt die Menschen und schlägt sich in ihrem Verhalten nieder. Daher haben wir aus dem Osten uns meistens untereinander erkannt.

prisma: Erst nach der Wende wurden Sie erwachsen. Würden Sie sich als Kind der 90er-Jahre beschreiben?

Busch: Gute Frage. Immer wenn ich Filme über die 90-er sehe, dann merke ich, dass da eine Zeit beschrieben wird, die ich so gar nicht erlebte. In dem Alter, in dem man Interrail, Festivals und all das machte, habe ich einfach schon gearbeitet. Dahingehend habe ich wohl meine Jugend nicht wirklich ausgelebt – sondern nach dem Abi einfach viel gedreht.

prisma: Den titelgebenden "Sommer nach dem Abitur" verbrachten Sie also mit Arbeit?

Busch: Ja, natürlich. Das war im Sommer '94 – ich glaube, da drehte ich einen Mehrteiler in Prag.

prisma: Seither spielten Sie in unterschiedlichsten Formaten und Genres, oft aber einen ähnlichen Typus. Kann das nerven?

Busch: Als Schauspieler will man natürlich möglichst viele verschiedene Rollen spielen. Da spreche ich wohl für fast alle Kollegen. Man wird aber hinsichtlich der Rollen früh im Leben eingeordnet. Für viele bin ich einfach der Sympathisch-Naive gewesen – und geblieben. Damit habe ich aber meinen Frieden gemacht. Klar dürften die Charaktere gern mal ein paar Ecken und Kanten mehr haben – aber das ist eher weniger das Problem.

prisma: Sondern?

Busch: Für nervig halte ich vielmehr andere Faktoren: Wenn man zu viel Fernsehen macht, ist man nicht mehr für Kino interessant. Ebenso, wenn man zu viel Werbung macht. Macht man aber zu viel Kino, sagen die Fernsehleute: "Den brauchen wir gar nicht fragen." Dreht man zu oft für die ARD, fragt seltsamerweise das ZDF seltener an. Das ist ein ewiges Abwägen. Man muss sich möglichst breit aufstellen.

prisma: Gab es in Ihrer Karriere Zäsuren, nach denen das einfacher wurde?

Busch: Interessanterweise gab es immer, wenn ich einen erfolgreichen Film machte, danach ein Tal. Das konnte ich mir nie erklären. Ein Beispiel war "Liegen lernen" 2003. Da lag es wohl daran, dass ich nicht mehr der naive Jugendliche war, der mit 25 noch immer so tut, als wäre er in der Schule (lacht). Trotzdem war ich noch zu jung, um beispielsweise einen Vater zu spielen. Dafür musst ich mir erst einen Bart wachsen lassen. Inzwischen habe ich graue Haare und muss die färben, damit ich noch als 40-Jähriger durchgehe. Man ist ständig im Kampf mit den Äußerlichkeiten.

prisma: Sind die grauen Haare dadurch ein Problem für Sie?

Busch: Manchmal glaube ich, ich sollte schon zum Casting mit gefärbten Haaren kommen (lacht). Aber ansonsten habe ich damit überhaupt kein Problem. Wir sind nun mal auch dafür da, uns zu verändern – und wir lieben es! Aber schade finde ich, wenn darüber hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird – dass man zum Beispiel nicht "der Arzttyp" ist. Ich kenne Ärzte, die so sind wie ich! (lacht)

prisma: Welche Veränderung hinsichtlich Ihrer Rollen würde Sie denn reizen?

Busch: Es wäre schön, mal mit meinem Image zu spielen. Darauf warte ich seit Ewigkeiten. Dass das innerhalb einer Figur mal gebrochen wird. Ein bisschen wie Martin Freeman in "Fargo" vielleicht. Ein Charakter, der das alles mitbringt, aber tief drin ein anderer Mensch ist. Das wäre reizvoll.

prisma: Derlei gewagtere Stoffe sieht man dank der Streamingdienste in den letzten Jahren vermehrt ...

Busch: Da sehe ich durchaus eine Veränderung der Stoffe. Ich hoffe ja auch, dass gerade die Zeit der Corona-Pandemie, in der nicht gedreht wurde, andere Möglichkeiten zur Stoffentwicklung bot. Das Problem sind ja nicht die Autoren, sondern das System. Oft wird viel zu schnell produziert, obwohl viele Storys und Charaktere mehr Zeit vertragen hätten.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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