Krimi im ZDF

"Solo für Weiss – Schlaflos": die dunkle Seite des Ikea-Katalogs

von Eric Leimann

Ein Drogendealer hat bei der Flucht vor der Polizei eine 17-Jährige erschossen. LKA-Fahnderin Nora Weiss kennt die wohlhabende Familie des Opfers. 

ZDF
Solo für Weiss – Schlaflos
Kriminalfilm • 19.10.2020 • 20:15 Uhr

Der schwedische Koks-Dealer Jesper Alm (Anastasios Soulis) soll im Rahmen eines aufwendigen Polizeizugriffs am Kieler Hafen dem LKA ins Netz gehen – doch die Aktion mit Zielfahnderin Nora Weiss (Anna Maria Mühe) scheitert. Nicht nur, dass Alm ohne seine Ware fliehen kann, er erschießt dabei auch eines von zwei blutjungen Mädchen, die den Gangster aus unerfindlichen Gründen begleiten. Während das überlebende Mädchen ebenfalls flieht, handelt es sich bei der Toten um die 17-jährige Marie von Wenzel, eine Tochter aus sehr gutem Hause. Die von Wenzels sind gute Bekannte von Nora und ihrem Vater, dem Pastor Rainer Weiss (Rainer Bock). Während die Drogen-Mafia das von der Polizei beschlagnahmte Rauschgift unbedingt zurück haben möchte, muss sich die unterkühlte Nora mit ihrem schlechten Gewissen herumplagen. Während der Trauerfeier für Marie, bei der Nora und ihr Vater teilnehmen, passieren irritierende Dinge ...

Anna Maria Mühe als unterkühlte und ein bisschen autistische Krimi-Einzelgängerin des Nordens: Durchaus inspiriert vom ein oder anderen "Nordic Noir"-Roman oder Film ging die ZDF-Krimireihe "Solo für Weiss" 2016 auf Sendung. Pro Jahr wird ein Film produziert. Auch in ihrem fünften Einsatz darf die herausragende Schauspielerin Anna Maria Mühe mal wieder in ihrem stimmungsvollen, mit großen Glasfenstern versehenen Haus am Meer auf- und abgehen, dabei nachdenklich ihren Rotwein schwenken. Ein bisschen sieht das dann immer aus, wie ein IKEA-Werbespot, in den dann aber plötzlich ein Grusel- oder Thriller-Effekt eingebaut wird.

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Weil Nora Weiss viele Feinde hat und die Krimireihe ohnehin auch vor abwegigen Storywendungen keine Scheu kennt, erschrecken im Traumdomizil der Ermittlerin gerne schockartig auftauchende Gestalten die gemütliche Einrichtungskatalog-Stimmung – und sei es, weil durchnässte Vermisste in der Dunkelheit vor ihrem Fenster auftauchen oder der verheiratete Liebhaber und Kollege (Peter Jordan) als Überraschungseffekt unter der Dusche steht.

Ohnehin lieben die Drehbuchautoren Maria von Heland (auch Regie, "Jung, blond, tot – Julia Durant ermittelt"), Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof Überraschungen. Ihr in 90 Minuten abgespulter Plot ist so voll mit Krimi- und Thriller-Versatzstücken, dass einem beim Zusehen manchmal schwindelig wird. Die Plausibilität bleibt dabei des Öfteren auf der Strecke. Selbst intime Momente mit erzählerischem Potenzial, wie die von der Reihe gerne ausgeleuchtete Beziehung zwischen der nihilistischen Nora und ihrem von Rainer Bock gespielten Pastor-Vater, einem engagierten Christen, werden zu oberflächlichen, ja holzschnittartigen Theologie-Exkursen, die den Zuschauer nicht wirklich weiterbringen.

In diesem Krimi ordnet sich jegliche Psychologie des Plots dem Thriller-Effekt unter. Noch mehr als die vier Vorgänger-Filme scheitert "Schlaflos" an einer kruden Story, die ihre Charaktere wie Schachfiguren durchs Bild schiebt. Als oberflächliche Krimi-Unterhaltung mag die Räuberpistole dennoch funktionieren, zumal sie exzellent fotografiert ist (Kamera: Christian Pirjol, "Neun Tage wach"). Die tollen "Nordic Noir"-Bilder sowie exzellente Schauspieler wie Mühe oder Bock lenken aber auch ein bisschen davon ab, dass dieser Krimi ziemlicher Mumpitz ist.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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