1945 nahmen sich in Demmin kurz vor dem Kriegsende Hunderte Menschen das Leben. Eine ARD-Doku erinnert an den Massen-Suizid und zeigt, wie der Ort heute instrumentalisiert wird.

Sie gingen ins Wasser. Frauen beschwerten sich mit Gewichten und ertränkten sich und ihre Kinder. Andere schnitten sich mit Rasierklingen die Pulsadern auf. Oder sie erschossen, erhängten oder vergifteten sich. "Wir müssen nicht sagen, dass hier lauter Leichen geschwommen haben, oder was weiß ich alles", sagt ein Zeitzeuge von damals, der den ganzen Schrecken als Kind miterleben musste. Nach Angaben eines Historikers hatten sich in der kleinen Gemeinde Demmin im heutigen Mecklenburg-Vorpommern innerhalb nur weniger Tage fast 1.000 Menschen das Leben genommen.

Der Massensuizid von Demmin ereignete sich zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945. Die Brücken über dem Fluss Peene waren gesprengt, doch "der Russe" ließ sich nicht mehr aufhalten. Warum sich so viele Menschen so kurz vor dem Kriegsende wirklich das Leben nahmen, bleibt rätselhaft – bis heute. Die Frauen sollen Vergewaltigungen durch Rotarmisten gefürchtet haben. Manche erwähnen einen Rachefeldzug sowjetischer Soldaten. Oder sind die Bewohner aufgrund antirussischer Nazipropaganda in eine Art Massenhysterie verfallen?

Martin Farkas gibt mit seinem Film "Über Leben in Demmin", der nun im Rahmen der Reihe "Dokumentarfilm im Ersten" zu sehen ist, auch keine eindeutige Antwort. Der Regisseur richtet seinen Blick vor allem darauf, wie eine auch durch das DDR-Regime verdrängte Vergangenheit mehr als 70 Jahre danach instrumentalisiert wird.

In Mecklenburg-Vorpommern ist der 8. Mai als "Tag der Befreiung" ein offizieller Gedenktag. Doch wenn zu diesem Datum Polizeihubschrauber in der Luft kreisen und Hundertschaften die Straßen sperren, fällt in Demmin die Vergangenheitsbewältigung sehr unterschiedlich aus. Die mitunter recht muskulösen Teilnehmer eines alljährlich stattfindenden "Trauermarsches" bekunden auf einem Transparent ihre Sicht der Historie: "Wir feiern nicht – 8. Mai 1945 – Wir vergessen nicht". Eine kleine Gruppe von Gegendemonstranten hingegen hisst "Hammer und Sichel".

Und dazwischen stehen die Bewohner von Demmin. Der Ort wirkt immer wieder im Mai tief gespalten. Jung und Alt, sind uneins darüber, wie sie mit der Vergangenheit und letztendlich ihrer Gegenwart umgehen sollen. Die Wunde von damals reißt immer wieder auf. Manche Ältere meinen, die Rote Armee wäre einfach weitergezogen, hätte der Ort keinen Widerstand geleistet. Manche Jüngere meinen, man sollte auch den "Trauermarsch" der Rechten ohne den Widerstand von Gegendemonstranten einfach ziehen lassen...


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH