Wer eine Brille aus modischen Gründen trägt oder um eine Sehschwäche zu korrigieren, der darf sich fast schon altmodisch fühlen. Denn heutzutage kann man mit einer Brille auf der Nase nicht einfach nur besser (aus-)sehen, sondern sogar in eine ganz andere Welt eintauchen. Die digitale Technik feilt daran, das Auge immer raffinierter zu täuschen. Virtual Reality ist auf dem Vormarsch, und nun möchte auch die Film- und TV-Branche diese Entwicklung nutzen. Ein neues Projekt der UFA lässt erahnen, wie das Kino der Zukunft aussehen könnte.

Dass im Kino dreidimensionale Filme gezeigt werden, ist inzwischen fast so selbstverständlich wie die Eintrittskarte. Die Filmbranche ruht sich aber noch lange nicht auf dieser Errungenschaft aus, sondern schaut schon viel weiter in die Zukunft. Während im Games Bereich Virtual Reality schon lange Einzug gefunden hat, probieren sich nun auch Filmemacher daran.

Im Rahmen der Ausstellung "Die UFA – Geschichte einer Marke" zeigt die UFA, das wohl bekannteste deutsche Filmproduktionsunternehmen, ihr VR-Projekt. Unter dem Titel "Ein ganzes Leben" wird ein kleiner Einblick in die Welt von Morgen gegeben. Dank der VR-Brille steht der Zuschauer – sofern man ihn überhaupt noch so nennen kann – urplötzlich in einem komplett anderen Raum. Es ist eine Filmkulisse: Eine große Halle voll Requisiten und einem gebauten Set ist rundum zu sehen. Was zunächst gewaltig beeindruckt, ist die Dimension des Ganzen. Die Zimmerdecke befindet sich keine zwei Meter mehr über dem Brillenträger, sondern plötzlich sind es zwanzig. Ein Regisseur spricht mit einer Schauspielerin. Fast schon Ironie, dass hier in diesem hochmodernen Technik- und Filmerlebnis ausgerechnet eine Szene aus den 20er-Jahren vor Augen geführt wird. Man ist schnell hingerissen, von dieser virtuellen Welt, die sich auftut und so greifbar echt erscheint.

"Eigentlich das ultimative VR-Erlebnis"

Entstanden ist der im Retro-Gewand gekleidete, kurze Ausblick in die Zukunft im ehemaligen UFA Lab, inzwischen UFA X genannt, in Potsdam-Babelsberg. Nicht weniger als 32 5K Kameras haben die beiden Schauspieler hologrammartig aufgenommen, später wurde alles zusammengefügt. Frank Govaere, VFX Supervisor des Projekts, schwärmt von einem "volumetrischen Film" – ein "begehbarer Film, ein Film, in dem man sich umschauen kann, in dem man frei seinen Blickwinkel festlegen kann, eigentlich das ultimative VR-Erlebnis."

Sieht so also die Zukunft des Films aus? Denn der Zuschauer gewinnt eine Freiheit, die er zuvor nie hatte: Bisher war der Blick durch die Kamera definiert. Das Kino spielt sich nicht mehr auf einer Leinwand ab, sondern wie das echte Leben auch, um einen herum. So stellt sich automatisch auch die Frage, wohin dieser Weg führt. Wie sieht ein Actionfilm im VR-Erlebnis aus? Kann man bald vom bequemen Fernsehsessel aus die Welt bereisen? Sitzt man im Kino bald auf Drehstühlen?

Bisher kann man all das nur mit Fragezeichen stehen lassen. Denn es liegt noch ein langer Weg vor dem VR-Film. Die Brillen sind noch recht schwer, wirklich bequem kann man sich damit kein Kinoerlebnis vorstellen. Auch die Feinarbeit an den Menschen fehlt noch.

Klar ist aber: Diese Technik scheint eine Chance für das Kino zu sein, noch realistischer zu werden. Denn sind wir ehrlich: Die virtuelle Welt sieht so real aus, wer hat noch nicht versucht, nach einer der Requisiten zu greifen, oder die Personen zu berühren? Wer sich das VR-Erlebnis "Ein ganzes Leben" ansehen möchte, sollte die Kinemathek in Berlin besuchen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst