Der Titel täuscht: Dieser "Western" spielt im Osten. Ein Berliner Bautrupp "überfällt" ein Stück Bulgarien und nistet sich dort zwecks Bau eines Wasserkraftwerks ein. Das bewirkt viele Konflikte, aber auch mancherlei Versöhnung und Verständigung.

Um das gleich zu sagen: Ein Western im üblichen Sinne ist das sicher nicht, auch wenn es der Titel suggeriert. Kaum Action, kaum Faustkämpfe, keine Ballerei – und schon gar keine Helden. Eher Antihelden, die ihre Schießprügel stecken lassen, wenn überhaupt vorhanden. Die ihre Messer verschenken, bevor sie womöglich jemanden umbringen könnten. Wir sind denn auch nicht in Texas, sondern im tiefsten Bulgarien, irgendwo im Hinterland Europas. Ein Berliner Bautrupp landet ebenda, um ein Wasserkraftwerk zu errichten. Culture-Clash, Kampf der Kulturen, jede Menge Sprachbarrieren, die es – mal mehr, mal weniger geschickt – samt vielerlei Untertiteln für den Zuschauer mit Händen und Füßen zu überwinden gilt. ARTE zeigt die internationale Koproduktion "Western" aus dem Jahr 2017 jetzt zur besten Sendezeit.

Dass das mit dem Kraftwerk was werden würde, glaubt man kaum. Zu groß die Kakofonie zwischen den Arbeitern, zu viel berlinerndes Gossengemaule. Bald wird es denn auch an allem fehlen: kein Kies, kein Sand, kein Wasser. Das müssen sich die Dorfbewohner trotz des nahen Flusses mit anderen teilen: Ein Beauftragter legt mittels Hebel das Brunnenwasser auf verschiedene Dörfer um. Selbstverständlich findet sich ein deutscher Tölpel, der das begehrte Nass für den Bautrupp abzweigen will. Das Feilschen um Kies zwischen dem deutschen Bauleiter und einem bulgarischen Geschäftemacher aber ist samt seiner latenten Gefährlichkeit eine der schönsten Szenen des Films. Ein Ballyhoo ohne Waffen.

Es ist eine kraftmeiernde Männerwelt, die sich da im austrocknenden bulgarischen Hinterland eingenistet hat. Frauen haben darin kaum Platz. Und wenn, dann werden sie von den deutschen Arbeitern allenfalls tollpatschig angemacht. Die Faustschläge bekommt hinterher meist der Falsche ab. Zwischen alldem bewegt sich fast stumm der hagere Schnauzbart-Träger Meinhard. Mit seinem schmalen Körper sieht er ein wenig wie der jüngst verstorbene Harry Dean Stanton ("Paris – Texas") aus.

Am Ende tanzen sie

Meinhard – das dann doch – ist ein Lonesome Cowboy der reinen Vernunft. Er versucht, die Einheimischen zu verstehen, schmeißt sich aber nicht an sie ran. Er hält sich leise im Hintergrund, lässt die Feinde kommen und macht sie zu Freunden auf seine wortkarge, wortsuchende Art. Leise, aber bestimmt lehnt er sich gegen das übergriffige Treiben seiner Kollegen auf. Wirkliche Feinde hat er vor allem in den eigenen Reihen. Fast schon selbstverständlich, dass ihm ein kurzes Liebesglück mit einer Einheimischen winkt. Ein Liebesakt im Freien, während die anderen auf ihren verschwitzten Träumen hocken bleiben.

Meinhard, der im Film so heißt wie sein Darsteller Meinhard Neumann, ein leicht sächselnder Laie und Glücksfund der Regisseurin Valeska Grisebach, ist aber auch ein Pferdemensch. Er versteht es, das Vertrauen eines umherstreifenden Schimmels zu gewinnen und reitet mit ihm ins nahe, noch unbekannte Dorf, um fortan die Einwohner ganz unbewusst auf eine harte Geduldsprobe zu stellen.

Neben Pferd und Reiter ist es aber vor allem die Sprache, die in diesem Antiwestern die Hauptrolle spielt. Immer wieder werfen sich Eindringlinge und Einheimische mutig ins Gespräch, wenn es um fehlendes Wasser, um den Brunnenbau oder gar um familiäre Verhältnisse geht. Es ist eine Art "Cinema Direct", eine in vielfache Ellipsen und Episoden geteilte "Dokumentation", in der wir uns hier wiederfinden, ein Labor der Begegnungen. Der Kraftwerksbau? – Open End. Am Schluss tanzen sie alle, Einheimische wie Fremde, zu wilder bulgarischer Trommelmusik. Meinhard mittendrin, ein wenig wie einst "Sorbas the Greek" nach dem Zusammenbruch seines Bergwerksaufzugs. Vergessen sind die Beschwerlichkeiten beim Kraftwerksbau und die Klippen der Sprache auf beiden Seiten. 

"Ich glaube daran, dass sich die Menschen verstehen können", hat die Regisseurin Valeska Grisebach zu ihrem 2017 in Cannes in der Reihe "Un certain regard" gezeigten Film erklärt. Den Beweis dieser These bleibt sie keineswegs schuldig.


Quelle: teleschau – der Mediendienst