"Das Kneipenquiz" im Ersten

Arnd Zeigler im Interview: "Früher gab es deutlich weniger Ärgernisse im Fußball"

18.06.2024, 10.03 Uhr
von Eric Leimann

Wenn das Flutlicht in den Stadien ausgeht, startet 'Das Kneipenquiz' im Ersten. An ARD-Spieltagen der Euro 2024 treten in der Bochumer Kneipe 'Zum Kuhhirten' Rateteams gegeneinander an. Mit dabei: Fußball-Experte Arnd Zeigler, der als Dauer-Mitspieler die Gäste herausfordert.

Fußball ist eine ernste Sache. Aber wenn die Übertragungen vorbei sind, darf auch mal gelacht werden: Am zweiten Turniertag der Euro 2024 geht "Das Kneipenquiz" (Samstag, 15. Juni, 23.30 Uhr) im Ersten auf Sendung. An allen ARD-Spieltagen des Turniers werden im Bochumer Lokal "Zum Kuhhirten" drei Rateteams das Turnier und die gesamte Fußballgeschichte in Ratespielform aufarbeiten. Mit dabei ist einer, der sich mit Fakten und Geschichten rund um den Fußball so gut auskennt, wie kaum jemand sonst in Deutschland: Das Bremer Urgestein Arnd Zeigler, Experte für Fußball und Pop, beendete gerade eine lange Karriere als Radiomoderator, er "hostet" das preisgekrönte TV-Format "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" und unterhält mit "Ball You Need Is Love" sowie "Zeigler & Köster" zwei erfolgreiche Fußball-Podcasts. Außerdem arbeitet der 58-Jährige seit 2001 als Stadionsprecher seines Herzensvereins Werder Bremen. In "Das Kneipenquiz" wird er als Dauer-Mitspieler der "Endgegner" wechselnder Gäste sein. Im Interview verrät Arnd Zeigler, warum diese EM den guten alten Fußball repräsentiert, er die Entwicklung des Sports aber äußerst kritisch sieht.

prisma: Das deutsche Fernsehen versucht schon länger, am späten Abend nach Fußball-Turniertagen noch etwas Leichtes zu präsentieren. Tun wir Deutsche uns schwer damit – und ist Quiz die Lösung?

Arnd Zeigler: Ja, ich weiß, was Sie meinen. Auch ich fand nicht alles, was es in Sachen Late-Night-Fußballshow gab, gelungen. Manche Sachen waren sehr lustig, andere Formate haben überhaupt nicht funktioniert. Beim Quiz aus dieser sehr schönen Bochumer Ruhrpott-Kneipe kann alles passieren. Ich freue mich jedenfalls sehr auf das Ding.

prisma: Werden Sie der Super-Quizzer sein? Man weiß ja, dass Sie ein Faktensammler in Sachen Fußball sind ...

Zeigler: Ich lasse mich überraschen, was passieren wird. Keine Ahnung, ob ich da eine gute Figur abgebe. Aber ich freue mich, auf diese Weise so dicht dran zu sein an der EM und das Ganze aus dieser sehr speziellen Perspektive zu verfolgen.

"Ein Ex-Schauspieler, ein Stimmenimitator und Hansi Müller ..."

prisma: Sie sind die gesamten vier EM-Wochen in der Kneipe?

Zeigler: (lacht) Vielleicht nicht durchgängig, aber an ARD-Sendetagen bin ich natürlich vor Ort. Ich habe ja Familie und werde schon zwischendurch öfter mal nach Hause fahren.

prisma: Während der Fußball-WM im 2006 schloss der Fußballabend im Ersten mit "Waldis WM-Club". Das wurde dann noch eine Weile über die Folgeturniere fortgesetzt. Eine unangenehme Erinnerung?

Zeigler: Ich will keine Kollegenschelte betreiben. Aber es gab in Sachen deutsche Fußball-Unterhaltung schon sehr unterschiedliche Versuche. Manche sind geglückt, manche nicht so. Wenn das Ganze so ein Herrenwitz-Niveau bekommt, ist das schon problematisch. Aber wir haben auch gute satirische Formate im Rahmen von Late Night-Sendungen rund um Fußball-Turniere gesehen. Ich finde es grundsätzlich lustig, zu einer WM oder EM etwas Begleitendes zu machen, das nicht so ganz ernst gemeint ist. Es reicht aber sicher nicht, wenn da jeden Abend ein Ex-Schauspieler, ein Stimmenimitator und Hansi Müller sitzen.

prisma: Wie viel wissen Sie tatsächlich über Fußball – historisch betrachtet?

Zeigler: Auch ich gehöre zu jenen Menschen, die irgendwann erkennen mussten, dass sie bei ihrem Hobby mehr über die erlebten Jugendjahre als die Zeit des späteren Erwachsenenlebens wissen. Über Fußball der 70er-, 80er- und 90er-Jahre kann ich Ihnen alles erzählen. Danach wird es dünner, weil das Hobby zum Beruf wurde. Und von dem muss man ja auch mal abschalten. Außerdem kommen als Erwachsener andere Lebensaufgaben auf einen zu. Als Jugendlicher saugt man alles auf wie ein Schwamm. Später wird es schwieriger, sich alles zu merken. Die Festplatte im Gehirn ist voller mit anderen Dingen. Trotzdem glaube ich, dass ich als Quiz-Kandidat auch bei aktuellen Fragen nicht ganz schlecht dastehe.

"Früher gab es deutlich weniger Ärgernisse im Fußball"

prisma: Ist ein "nerdiges" Interesse am Fußball einfach so angeboren?

Zeigler: Das müsste jetzt ein Tiefenpsychologe beantworten. Bei mir hat es auch mit der Zeit zu tun, in der ich groß geworden bin. Wäre ich kurz vor der WM im Katar Fußballfan geworden und jetzt ein kleiner Junge, wüsste ich nicht, ob ich in 20 Jahren immer noch Fußballfan bin. Was ich aber als heranwachsender Fußballfan alles miterlebt habe, das sind Sachen, die mir etwas bedeuten und die ich nie vergessen werde.

prisma: Das geht jetzt so ein bisschen in die Richtung "früher war alles besser". Ist es denn so – beim Fußball?

Zeigler: Früher war mit Sicherheit nicht alles besser. Vor allen Dingen gab es damals auch schon viel schlechten Fußball. Trotzdem existieren heute Themen, die es einem schwer machen, sich unbefangen im Fußball fallen zu lassen. Ich merke das immer wieder, wenn ich meine Live-Auftritte vor Publikum mache – seit sieben Jahren mittlerweile. Als ich anfing, gab es noch keine WM in Katar, keinen VAR und keine Unmengen von Abo-Streaming-Seiten, die man buchen muss, um seinen Verein oder unterschiedliche Wettbewerbe zu verfolgen. Es gab keine Geisterspiele, die belegt haben, dass man uns als Fans nicht unbedingt braucht. Und auch keinen FC Bayern, der elfmal hintereinander Meister geworden ist. Wir haben heute auf jeden Fall eine Reihe von Faktoren, die es schwieriger gemacht haben. Früher gab es deutlich weniger Ärgernisse im Fußball.

prisma: Verlieren wir gerade die Authentizität des Sports?

Zeigler: Ja, ich finde, ein bisschen schon. Der Verlust hat viele Gesichter. Die heutige junge Generation ist von einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne geprägt. Man sucht ständig nach neuen Reizen, die Generation TikTok eben. Man ist nicht mehr Fan eines Vereins, sondern eines Spielers – für eine gewisse Zeit. Mit dem wechselt man dann auch mal den Verein. Oft werden keine ganzen Spiele mehr geschaut, sondern nur noch Clips mit Toren und Highlights. Das alles kommt dem Fußball nicht sehr entgegen. Er ist eher Event, Unterhaltung. Und da muss ich dann sagen: Vieles war tatsächlich früher besser.

"Der Fußball hat die Qualität, uns durchs ganze Leben zu begleiten"

prisma: Haben Sie Angst um den Fußball?

Zeigler: Ja, natürlich. Ich hatte mal einen Schlüsselmoment mit meinem Sohn, der mittlerweile groß ist und studiert. Das war 2018 bei der WM in Russland. Wir guckten viele Spiele zusammen, und irgendwann sagte er: "Ich glaube, wenn Fußball schon immer so gewesen wäre, dann wäre ich niemals Fan geworden." Für mich war das eine alarmierende Aussage. Wir haben den Fußball früher bodenständiger, spannender und nachhaltiger kennengelernt. Heute wird alles der Vermarktung untergeordnet. Die Turniere werden immer größer, alles wird immer weiter aufgeblasen. Irgendwann wird es in sich zusammenfallen, da bin ich mir sicher.

prisma: Aber drehen wir den Spieß doch mal herum. Fußball fasziniert immer noch die Massen. Was gibt uns der Fußball heute noch?

Zeigler: Der Fußball hat die Qualität, uns durchs ganze Leben zu begleiten. Es gibt wenig Hobbys, die man schon als kleines Kind haben kann und die als alter Mann oder alte Frau immer noch funktionieren. Offenbar vermag der Fußball unser Innerstes zu berühren. So sehr, wie es nur wenige andere Dinge im Leben schaffen. Ich weiß nicht, was es ist. Ich denke immer noch darüber nach. Vielleicht liegt es an der Einfachheit des Spiels, das jeder verstehen kann. Deshalb sehe ich auch den Videoassistenten so kritisch – weil er das Spiel komplizierter macht. Zudem kann sich jeder einen Ball nehmen, damit vier Stunden auf dem Garagenhof spielen und Spaß haben. Ich kenne wenige Hobbys, deren Ausübung so einfach ist.

prisma: Fußball ist im Grunde einfach zu spielen und einfach zu verstehen. Ist dies das ganze Geheimnis?

Zeigler: Wie gesagt, ich bin selbst noch nicht fertig mit meinen Gedanken. Aber es geht schon in diese Richtung. Dazu kommt der gesellschaftliche Kitt, wenn viele Menschen das gleiche Spiel gesehen haben und darüber reden. Deshalb mag ich es auch nicht, dass der Fußball immer mehr hinter Pay-TV-Schranken verschwindet. Bei dieser Europameisterschaft ist das anders: Sie ist nicht so elitär, dass sie Menschen ausschließt. Alle werden die meisten Spiele verfolgen können – und am nächsten Tag darüber reden.

"Es ist das sprichwörtliche Spiegelbild des Lebens"

prisma: Sie sind Anhänger von Werder Bremen, wo Sie auch als Stadionsprecher arbeiten. Wenn wir schon bei den großen Fragen des Fußballs sind: Woher kommt die intensive Liebe zu einem Verein?

Zeigler: Ach, da kommen viele kleine Dinge zusammen. Sachen, die man wahrscheinlich auch in der Tiefenpsychologie-Kiste finden kann. Ein Grund für die Liebe zu einem Verein ist: Es kann immer alles passieren. Du kannst einen sensationellen Sieg landen wie zuletzt der VfL Bochum im Relegationsrückspiel in Düsseldorf, wo man dem sicheren Abstieg noch von der Schippe sprang. Wenn du bei so einem Spiel dabei warst, wirst du es dein Leben lang nicht vergessen. Die Gefühle sitzen derart tief, die wirst du nie mehr los. Es ist eine Errungenschaft, die nur der Fußball bietet. Bei der Liebe zum Verein ist es so: Du musst sehr viel leiden, wirst aber irgendwann mal belohnt – mit ein paar Highlights. Es ist das sprichwörtliche Spiegelbild des Lebens. Alle Emotionen, die darin stattfinden, hast du beim Fußball und gerade bei der Liebe zu einem Verein auch.

prisma: Was erwarten Sie von der EM 2024 – so rein sportlich?

Zeigler: Ich stelle überrascht fest: Je näher das Turnier rückt, desto mehr freue ich mich drauf. Ich hatte dies bei den letzten Turnieren nicht. Das meine ich, wenn ich sage, dass ich von mir selbst überrascht bin. Es ist gut, dass dieses Turnier in keinem eher problematischen Gastgeberland und vor allem in einem einzigen Land stattfindet. Mit jenen modernen Turnieren, die über Kontinente verteilt werden, kann ich wenig anfangen. Ich finde es wichtig, dass EM und WM in einem Land stattfinden. So hat man einen Ort, den man kennenlernen kann und den man dann auch ewig mit dem Turnier verbindet.

prisma: Was sagen Sie zum Turnaround der Stimmung rund um die deutsche Mannschaft und den DFB?

Zeigler: Den hat man in der Tat hinbekommen. Nun sind wir einer der Top-Favoriten auf den Titel, nachdem es zuvor jahrelang geheißen hatte, wir Deutschen bekämen überhaupt nichts gebacken. Im Prinzip ist es fast eine Retro-EM. Ein traditionelles Fußballland mit einer neu erstarkten Mannschaft, die Chancen auf den Titel hat. Fankultur vor Ort und viele Menschen, die sich auf das Ganze freuen.

prisma: Also hat es der DFB genial hinbekommen, die Stimmung zu drehen?

Zeigler: ich weiß gar nicht, ob der DFB soviel dafür kann. In erster Linie sind es die Mannschaft und der Trainer, die Lust auf diese EM entfacht haben. Wenn man mitreißend Fußball spielt und die Ergebnisse stimmen, überträgt sich die Stimmung auf die Menschen. Ich kenne einige Leute, die beim DFB arbeiten und die sich selbst ein wenig verwundert die Augen reiben, wie schnell sich die Stimmung drehte. Aber wir nehmen das natürlich alle gerne mit.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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